# taz.de -- Montessorischule in München: Sie wollen Schule machen
> An der internationalen Montessorischule in München lernen genauso viele
> Kinder mit Fluchtbiografie wie Einheimische. Kann nicht gut gehen? Von
> wegen!
(IMG) Bild: Für Nathalie, Marie-Grace und Jeno (v.l.n.r.) ist das Pausenboot auf der Dachterrasse auch ein Rückzugsort
Es ist ja nicht so, als hätte man hier nur Spaß. Schule bleibt Schule. Mit
allem, was dazugehört: Deklinationen, Turnen, Gleichungen und Winkel. Über
die Winkel einiger Dreiecke beugt sich gerade eine Schülerin der 10V1,
ziemlich unglücklich wirkt sie. „Ich versteh’ das nicht“, klagt sie. Es
geht um die Ähnlichkeit von geometrischen Figuren. Christiane Wagner, die
Klassenlehrerin, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich zu der Schülerin an
den Tisch. Geduldig fängt sie an zu erklären: „Weißt du noch, wie die
Winkelsumme im Dreieck ist?“
Die Tische im kaum mehr als wohnzimmergroßen Klassenzimmer der 10V1 der
internationalen Montessorischule in München bilden ein Hufeisen. An die
Pinnwand sind Karten mit „Lerntipps“ geheftet: „To-do-Listen schreiben und
abhaken“, „Youtube-Videos schauen“, „Laut vorlesen, damit man es besser
versteht“, „Viel Wasser trinken“. Am anderen Ende des Klassenzimmers sitzen
zwei Jugendliche und diskutieren auf Dari die Geometrieaufgabe. Andere sind
mit Mathe bereits fertig, packen ihre Deutschsachen aus. „Generell sind sie
schon sehr motiviert“, sagt Wagner über ihre Klasse.
Es ist ein ganz normaler Schultag an einer nicht ganz so normalen Schule.
Man könnte sie auch – wie Matthias Weinzierl – als „völlig verrückten Ort“
bezeichnen, aber Weinzierl ist noch gar nicht an der Reihe. [1][Campus di
Monaco nennt sich die Schule – oder eben internationale Montessorischule.]
Dass hier die Hälfte der 320 Schüler einen Fluchthintergrund hat und das
sogar so gewollt ist, ist sicher nicht normal in Bayern. Inklusion pur,
bloß dass man hier manchmal nicht mehr so recht weiß, wer eigentlich
inkludiert wird – der beste Beweis, dass es funktioniert hat. Dass man auch
noch „Umweltschule“ ist, in einem klimaneutralen Holzhaus sitzt, die
schuleigene Kantine nur hochwertiges Bioessen auftischt und es hier ein
Schulfach Engagement und ein Axolotl gibt, derlei kleine Besonderheiten
fallen dann gar nicht mehr weiter auf.
Vielleicht machen sie hier ja doch etwas richtig. Vielleicht ist es ja doch
kein Zufall, dass im vergangenen Herbst just diese Schule in die Auswahl
des [2][Deutschen Schulpreises] kam, unter die Top 20. Wohlgemerkt: als
einzige Schule in Bayern. In dem Bundesland, in dem die Politik ihr
Bildungssystem über alles lobt und nicht selten mit Häme über die Schulen
von Ländern wie Nordrhein-Westfalen oder Bremen herzieht, schaffte es nur
eine private Schule in die Auswahl.
## Mit dem Pausenboot durch die Straßen
Erst 2019 wurde die Schule gegründet, damals noch in provisorischen Räumen
in der Innenstadt. Drei Jahre später zog man hier raus nach Neuperlach. Ein
sympathischer Stadtteil Münchens, aber auch einer, dem der notorische
Beiname „sozialer Brennpunkt“ anhängt. Oder Glasscherbenviertel, wie man
hier sagt. Es war ein feierlicher Umzug damals. In einer großen „Parade für
Vielfalt“ zogen sie mit einem neun mal vier Meter großen Holzboot durch die
Straßen. Das Boot hatten sie [3][nach dem Vorbild eines Schulschiffs in
Bangladesch] selbst gebaut.
Am neuen Haus, einem schmalen in eine Baulücke zwischen einem Bürohaus und
einem kleinen Einkaufszentrum gezwängten Bau, angekommen, wurde das Boot
mit einem Kran auf das Dach des Gebäudes gesetzt. Die Dachterrasse ist
gewissermaßen der Schulhof des Campus. Das „Pausenboot“ ist nun zugleich
Rückzugsort für Schüler und so etwas wie das Maskottchen der Schule.
Inzwischen besteht der Campus di Monaco aus einer Grund- und einer
Mittelschule, die die Jahrgänge 1 bis 9 abdecken, plus sogenannter
M-Klassen. M-Klassen sind eine Möglichkeit im dreigliedrigen bayerischen
Schulsystem nach dem Mittelschulabschluss noch ein Jahr dranzuhängen und
dann die Mittlere Reife zu erhalten, die man sonst an der Realschule
erwirbt. Am Campus gibt es auch eine M-Klasse, die sich über zwei Jahre
erstreckt – 10V1 und 10V2 eben. Ideal für Schüler, die noch nicht so sicher
in der deutschen Sprache sind.
Auch in der 10V1 kommen die Schüler von überall her. Naree etwa stammt aus
Thailand, hat deutsche Adoptiveltern. Jeno und Marie-Grace sind vor wenigen
Jahren aus dem Kongo gekommen, Nathalie ist deutsch. Die anderen kommen
beispielsweise aus Somalia, Afghanistan, Polen, der Ukraine und dem Jemen.
15 Schüler sind es, 11 von ihnen haben Deutsch erst als Zweit- oder
Drittsprache gelernt, manche sind erst vor drei, vier Jahren als
Flüchtlinge nach Deutschland gekommen.
## Multidisziplinäres Team
15 Schüler, das ist nicht viel. Die durchschnittliche Klassengröße an
bayerischen Mittelschulen liegt bei 20,3 Schülern. Die kleinen Klassen am
Campus ermöglichen eine besonders intensive Betreuung durch die Lehrkräfte.
Und es sind ja nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer, die sich um die
Klassen kümmern. „Multidisziplinär“ lautet das Zauberwort, das
Schulleiterin Antonia Veramendi besonders gern in den Mund nimmt, wenn sie
über ihre Schule spricht. So ergänzten etwa Heilpädagogen, eine
Kunsttherapeutin, eine Spieltherapeutin, eine Traumatherapeutin und
Lernbegleiter das Team.
„Wir haben gesehen, wie unglaublich viel Jugendliche mit Fluchtgeschichte
und prekärsten Lebenslagen erreichen können, wenn wir es richtig anstellen
und ihnen die richtige Unterstützung und die nötige Zeit geben“, erzählt
Veramendi. Mit Statistiken, wonach 25 Prozent der Schüler mit nicht
deutschem Pass die Mittelschule ohne Abschluss verlassen, will sich die
49-Jährige nicht abfinden. „Ein Viertel! Das ist doch der Wahnsinn!“
Und dann hat Veramendi 2019 mit ein paar Mitstreitern eben einfach ihre
eigene Schule gegründet. So einfach sei das natürlich nicht gewesen, sagt
Matthias Weinzierl und schaut auf die neben ihm sitzende Schulleiterin.
„Sie spielt jetzt ihre Rolle ein bisschen runter. Es braucht schon eine
Wahnsinnige – und Antonia war wahnsinnig. Da steckte einfach richtig Zunder
dahinter.“ Weinzierl arbeitete viele Jahre in der Flüchtlingshilfe, jetzt
ist er Hortkraft am Campus; nachmittags kocht oder gartelt er mit den
Schülern, zieht mit ihnen durch die Stadt. Parallel kümmert er sich auch um
die Öffentlichkeitsarbeit der Schule. Veramendi und er sitzen an dem
kleinen Besprechungstisch in dem ebenfalls kleinen Zimmer, das an anderen
Schulen wohl als Direktorat firmieren würde, hier allerdings Brücke genannt
wird. Man schätzt Schiffsmetaphern an dieser Schule.
Die Einrichtung auf der Brücke ist schlicht – und wild durcheinander
gewürfelt. „Alles, was in diesem Haus steht, ist gespendet“, erklärt
Veramendi, „dieser Tisch, dieser Stuhl.“ Überhaupt finanziert sich der
Campus als private Schule überwiegend über Spenden, vor allem von
Stiftungen. Es gibt zwar auch ein Schulgeld von 290 Euro im Monat, aber
drei Viertel der Schüler sind wegen ihrer prekären Situation davon befreit.
## Signale, dass Integration nicht erwünscht sei
Das Inklusionskonzept scheint aufzugehen. „Wir haben jetzt zum Beispiel
einen Schüler in der sechsten Klasse“, erzählt Veramendi, „der noch nie an
einer Schule war. Er ist unglaublich intelligent, kann aber nicht lesen und
schreiben.“ Der junge Somali sei mit seiner Mutter und seinem behinderten
Bruder nach Deutschland geflohen. Innerhalb von drei Monaten habe er jetzt
schon sehr viel Deutsch gelernt. „Es ist großartig, was dieser Junge durch
seine soziale Art in der Klasse auslöst. Andere Schüler, die schon fünf
Jahre an der Schule sind, helfen ihm jetzt und bekommen dadurch selbst mehr
Lust aufs Lernen.“ Auch einen besten Freund hat der Junge schon, ein
ukrainisches Kind. Die beiden trifft man in der Schule nur noch im
Doppelpack an.
Der Campus ist eine Montessorischule. Wobei man das hier nicht so streng
sieht. „Wir nehmen uns von der Montessoripädagogik raus, was sinnvoll ist
für unsere heterogene Schüler:innenschaft“, sagt Veramendi. Heißt: Man
versucht, sehr genau auf die jeweiligen Schülerinnen und Schüler
einzugehen, individuelle Lernpläne zu machen. „Wir haben aber keine
Scheuklappen und orientieren uns sehr wohl auch an anderen pädagogischen
Konzepten. Mehrsprachigkeit ist zum Beispiel so ein Thema, das meines
Wissens an anderen Montessorischulen kaum eine Rolle spielt.“
Denn natürlich ist das Thema Sprache ein Schwerpunkt an der Schule, an der
rund 45 verschiedene Muttersprachen gesprochen werden. Zum einen bietet der
Campus di Monaco gezielt Förderunterricht in Deutsch als Zweitsprache an,
zum anderen fördert die Schule Mehrsprachigkeit, versucht, wo immer
möglich, die Erstsprachen der Schüler in den Unterricht mit einzubinden.
Der Campus di Monaco soll ein lebender Beweis sein, dass mehr
Chancengerechtigkeit möglich ist. Nachmachen ausdrücklich erwünscht! Vor
allem, wenn sich auch das staatliche Schulsystem hier das eine oder andere
abschauen würde, wäre das ein großer Erfolg, findet Veramendi. Im
kommunalen Bereich gebe es schon großes Interesse.
Von Seiten des Freistaats allerdings begegne man der Schule vor allem mit
Skepsis: „Da gibt es wenig Interesse und Förderung, sondern eher: Gute
Aufsicht. Gute Kontrolle. Enger Gürtel.“ Eigentlich müsse man alle Signale
von staatlicher Seite so verstehen, dass Integration nicht unbedingt
erwünscht sei.
## Abschluss mit Perspektive
Umso größer die Genugtuung, dass man in die Top 20 der für den Deutschen
Schulpreis nominierten Schulen kam. Am Ende gehörte der Campus zwar nicht
zu denen, die den Hauptpreis von Frank-Walter Steinmeier überreicht
bekamen, aber immerhin kam er bei der Verleihung eines Spezialpreises, dem
Themenpreis Demokratiebildung, unter die fünf Finalisten. „Das ist schon
etwas wahnsinnig Schönes“, erzählt Veramendi. „Wenn du da mit den
Schüler:innen vor Ort bist, der Bundespräsident spricht, und die merken,
dass es eine Wertschätzung für das gibt, was wir hier machen.“
Marie-Grace, Nathalie, Naree und Jeno führen noch schnell durch das
Schulhaus. Gleich ist Pause. Im Werkraum und in der Mensa war man schon,
auch im Musikzimmer, sogar beim Aquarium mit dem Axolotl. Jetzt stehen die
vier auf der Dachterrasse, zeigen das Pausenboot, die Bienenkästen, um die
sich die Teilnehmer des Imkerkurses kümmern, die Beete. Und die Sitzbank
dort drüben, die habe sie mit ein paar anderen Schülern gebaut, erzählt
Naree stolz.
Den Schülern gefällt es am Campus di Monaco. „Ich finde es gut, dass die
Lehrer zwar immer da sind, um uns zu helfen“, sagt Marie-Grace, „aber
trotzdem erwarten, dass wir selbstständig arbeiten.“ Die Schüler haben auch
schon recht konkrete Vorstellungen, wie es nach der Mittleren Reife
weitergehen soll. So will Marie-Grace Abitur machen und an eine
Handelsschule gehen, Jeno möchte gern Grafikdesigner werden.
Die Chancen, dass die Schüler ihre Träume verwirklichen, stehen nicht
schlecht. Egal ob Mittlere Reife oder Hauptschulabschluss: Die
Notendurchschnitte am Campus di Monaco können sich sehen lassen. Und das
Viertel der Nichtdeutschen, das die Mittelschule laut Statistik ohne
Abschluss verlässt? „Bei uns“, hat Antonia Veramendi zuvor auf der Brücke
erzählt, „geht keiner ohne Schulabschluss raus.“
27 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://campus-di-monaco.de/
(DIR) [2] https://www.deutscher-schulpreis.de/
(DIR) [3] https://worldschildrensprize.org/mohammed-rezwan-story
## AUTOREN
(DIR) Dominik Baur
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