# taz.de -- Rassismus in der Bildung: Wenn Schulen Diskriminierung begünstigen
> Schüler:innen mit Migrationsgeschichte werden systematisch
> benachteiligt, zeigt eine neue Studie. Auch Lehrkräfte tragen dazu bei.
(IMG) Bild: All Ranzen are beautiful: Szene in einem Schulflur
Fast die Hälfte der Schüler:innen in Deutschland hat eine
Migrationsgeschichte. Trotz dieser Normalität werden Kinder aus
Einwanderungsfamilien oder junge Geflüchtete im Schulalltag systematisch
diskriminiert. Zu diesem Befund kommt [1][eine Studie], die der
Mediendienst Integration am Mittwoch veröffentlicht hat.
Demnach erleben Schüler:innen, die nicht der Mehrheit zugehörig gesehen
werden, auf verschiedenen Ebenen Diskriminierung. Zum einen im Schulalltag,
durch Gleichaltrige und teils auch Lehrkräfte. Zwar gäben Schüler:innen
in Befragungen an, dass dies „eher selten“ passiert, so Aileen Edele,
Leiterin des Berliner Instituts für empirische Migrations- und
Integrationsforschung (BIM) und eine der beiden Autorinnen der Studie. Die
Professorin an der Humboldt-Universität Berlin betont aber, dass manche
Gruppen deutlich stärker betroffen seien als andere – beispielsweise
Kinder, deren Familien aus der Türkei oder einem arabischen Land
eingewandert sind.
Zum anderen sei es das Bildungssystem selbst, das bestimmte
Schüler:innen diskriminiere – allein wegen der fehlenden Anerkennung
anderer Herkunftssprachen. „Wer in der ersten Klasse nach Deutschland kommt
oder zu Hause noch kein Deutsch gelernt habe, ist klar benachteiligt“, so
Edele. Zumal [2][die frühe Aufteilung der Bildungskarrieren] nach der
vierten beziehungsweise sechsten Klasse in Berlin und Brandenburg den
Betroffenen wenig Zeit lasse, um bis zum Ende der Grundschulzeit die
ungleichen Startchancen auszugleichen.
Tatsächlich zeigen Studien schon lange einen Zusammenhang zwischen
Zuwanderung und Bildungserfolg – [3][allerdings einen indirekten]. Weil
Familien mit Einwanderungsgeschichte ein deutlich höheres Armutsrisiko und
im Schnitt weniger kulturelle Ressourcen wie Zeit zum Vorlesen oder Hilfe
bei den Hausaufgaben haben, schneiden migrantische Kinder schlechter in der
Schule ab, machen seltener Abitur und gehen (noch seltener) an die Uni.
## Vorurteile in den Köpfen
„Das deutsche Schulsystem ist besonders ungleich“, kritisiert auch Edele.
Dazu komme, dass die Ungleichheiten teils bewusst, teils unbewusst von
Lehrkräften verstärkt würden. [4][Studien belegen], dass sie
Schüler:innen mit Einwanderungsgeschichte weniger zutrauen – was sich
wiederum negativ auf ihre Lernentwicklung und auch ihre Noten auswirken
kann. Vor allem, wenn mehrere benachteiligende Aspekte wie Herkunft,
Geschlecht und Armut zusammenkommen, so Edele: „Übergewichtige Jungen
türkischer Herkunft aus einer sozial benachteiligten Familie werden im Fach
Deutsch deutlich schlechter bewertet als normalgewichtige Mädchen deutscher
Herkunft aus der Mittelschicht.“
Dass Lehrkräfte Kinder aus Einwanderungsfamilien systematisch
diskriminieren, gibt die aktuelle Forschung aber laut Edele und ihrer
Co-Autorin Sophie Harms (ebenfalls BIM) nicht her. Zwar belegen mehrere
Studien, dass Lehrkräfte selbst bei gleichen Leistungen migrantische Kinder
schlechter bewerten und seltener eine Gymnasialempfehlung aussprechen. Eine
aktuelle Leibniz-Studie hingegen zeigt, dass Lehrer:innen
Schüler:innen mit Migrationsgeschichte sogar eher bessere Noten geben,
um die sozialen Nachteile auszugleichen. Inwieweit Lehrkräfte also
systematisch Teil des Problems sind, sei „derzeit noch nicht eindeutig
geklärt“, heißt es dazu in dem Bericht.
Unklar ist auch das tatsächliche Ausmaß von Rassismus und Diskriminierung
an Schulen. Wie verbreitet diese Erfahrungen für bestimmte Gruppen sind,
haben in den letzten Jahren bereits der [5][Afrozensus] für Schwarze
Menschen oder die [6][RomnoKher-Studie] für Romn*ja und Sinti*zze
gezeigt. Eine bundesweite Statistik zu rassistischer Diskriminierung an
Schulen gibt es bislang jedoch nicht. Die Ministerien erheben dazu keine
Zahlen. Und die Daten der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die für
das Jahr 2024 bundesweit 550 Beschwerden im Bildungsbereich zählte, geben
nur bedingt Aufschluss. Die Behörde geht selbst von einer hohen
Dunkelziffer aus.
## Workshops an Schulen
Woran das liegt, kann Modou Diedhiou beschreiben. Der Trainer für
rassismuskritische Bildung gibt seit Jahren Workshops an Schulen. Sein
Verein Schwarze Schafe ist mittlerweile in fast allen Bundesländern aktiv –
auch bei der Sensibilisierung von Schulleitungen und deren Kollegien. „Ein
Kernproblem ist die Allmachtsfunktion von Lehrkräften“, sagt Diedhiou der
taz. Ob sie einen Vorfall thematisieren und entsprechend als rassistisch
oder diskriminierend werten, entscheiden sie meist allein.
Er höre oft von Lehrkräften, dass sie sich in solchen Momenten überfordert
fühlen. Auch, weil die wenigsten in ihrer Ausbildung darauf vorbereitet
werden. Das Ergebnis: Rassistische Vorfälle würden oft nicht als solche
benannt und so de facto unter den Teppich gekehrt. In diesen Fällen sei es
sehr wertvoll für Kinder und Jugendliche, wenn Erwachsene sie ernst nähmen.
Deswegen seien antirassistische Workshops mit Trainern von außen oder auch
schuleigene AGs [7][mit engagierten Lehrkräften] so wichtig.
„Natürlich müsste man viel mehr machen“, so Diedhiou. Etwa Schutzkonzepte
und Leitfäden erstellen und klare Beschwerdemechanismen für
Schüler:innen aufbauen. Dafür fehlt nach seiner Einschätzung an Schulen
aber oft die Zeit – oder das Geld, um sich in dem Prozess von
Expert:innen begleiten zu lassen.
5 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://mediendienst-integration.de/news/aktuelle-forschung-rassistische-diskriminierung-in-der-schule/
(DIR) [2] /Chancengerechtigkeit-in-Deutschland/!6007444
(DIR) [3] /Deutschland-mies-bei-Pisa-Studie-2022/!5978308
(DIR) [4] /Chancengerechtigkeit-an-Schulen/!5423347
(DIR) [5] /Umfrage-unter-Schwarzen-Menschen/!5819300
(DIR) [6] /Bildung-von-Romnja--und-Sintize/!5753813
(DIR) [7] /Aktivistin-ueber-Rassismus/!5708183
## AUTOREN
(DIR) Ralf Pauli
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