# taz.de -- Album von Dälek und Charles Hayward: Die sehr ähnliche Kälte des Sounds
       
       > Der experimentelle HipHop von Dälek kratzte immer schon am Postpunk. Wie
       > auch der britische Drummer Charles Hayward, mit dem der US-Act jetzt ein
       > Album rausbringt.
       
 (IMG) Bild: Mögen Beton und Blau: die Jungs vom Experimental-HipHop-Act Dälek, links Will Brooks aka MC Dälek
       
       Schönheit kann entstehen, wenn man Dinge, die eigentlich in
       unterschiedlichen Universen zu leben scheinen, mischt und etwas Drittes
       entsteht. Will Brooks aka MC Dälek hat zusammen mit dem britischen
       Postpunk-Impro-Drummer Charles Hayward das Album „Hayward x Dälek“
       aufgenommen. Und die erste Frage, die einem diese unerwartete Konstellation
       stellt, ist, warum man das eigentlich als so unwahrscheinlich wahrnimmt.
       Wohl, weil man Genres nach wie vor auch nach Hautfarben sortiert und
       verortet. Und da [1][ist dann HipHop eben Schwarz,] und das ganze
       Postpunk-Universum tendenziell eher weiß.
       
       Dann in diesem speziellen Fall wohl auch, weil die Musik, die Charles
       Hayward seit Beginn seines Schaffens als Schlagzeuger, Sänger und heute
       auch Pianist in Progrockgruppen wie Gong oder Quiet Sun aufgenommen hat, zu
       den letzten gehört, zu der man sich gerappten Sprechgesang vorstellen kann.
       Mit seinem Trio This Heat, das damals, weil es keine passende Schublade
       gab, unter Postpunk geführt wurde, nahm Hayward in den Jahren 1976 bis 1982
       zwei Alben und eine EP auf.
       
       Zeitlose Musik im strengen Sinne: Es gab davor und auch danach nichts mehr,
       das so klang. Schwer beschreibbare Musik von Autodidakten, die keine
       Vorgänger und keine Epigonen hatten. Das Online-Musikmagazin Pitchfork kam
       einer adäquaten Beschreibung des Sounds von This Heat noch am nächsten und
       hörte eine „herbe“ und „kalte“ Mischung „aus Tape-Loops, gleißend
       schneidender Blechgitarren-Textur, Krautrock-inspiriertem Groove und
       improvisiertem Noise“.
       
       Die Kooperation zwischen Charles Hayward und MC Dälek ist
       generationsübergreifend. Dälek haben ihr erstes Album „Negro Necro Nekros“
       1998 veröffentlicht: HipHop, der groovt und walzt und aus genreuntypischen
       Soundscapes besteht, die, wenn man die Beats wegnimmt, auch als
       Düster-Ambient gehört werden könnten. Auch hier: Es gab zwar nicht nichts,
       aber doch wenig Vergleichbares. Zumal Dälek anders als
       Experimental-HipHop-Acts wie clouddead nicht in Hippiesphären abdrifteten,
       sondern, was Beats und Flow anging, in ihrer Reduziertheit immer oldschool
       blieben. Man teilte sich die Bühnen dann aber vor allem mit Acts wie
       Godflesh, nahm 2004 ein Album mit den Krautrockern Faust auf („Derbe
       Respect, Alder“) und veröffentlichte auf Mike Pattons Avant-Rock-Label
       Ipecac.
       
       ## Angenommene Gegensätze gibt es gar nicht
       
       In beiden Fällen lösen sich die angenommenen Gegensätze und vermuteten
       Unüberwindbarkeiten beim Hören von „Hayward x Dälek“, erschienen auf dem
       Extreme-Metal-Label Relapse, sehr schnell auf und zerfließen sozusagen im
       Nebel aus Soundscapes und harschen Sounds. Auf „Hayward x Dälek“ werden
       mögliche Verbindungen ausgearbeitet. Auf der Soundebene herrschen Nebel und
       Industrie-Atmosphäre, es pulsiert düster und losgelöst von herkömmlichen
       Songstrukturen. Charles Haywards Schlagzeug schließt an seine Spielweise in
       den Siebzigern an: stoisch-repetitive Beats, viel Hi-Hat und ein Groove,
       der von Kraftwerk herkommt und nicht von [2][Afrika Bambaataa] (der
       wiederum Kraftwerks „Trans-Europe Express“ gesampelt hat; untergründig
       fließt eh immer schon alles zusammen).
       
       Gleich das erste Stück „Increments“ wäre auf einem Dälek- wie auch auf
       einem This-Heat-Album nicht weiter aufgefallen. „Between the World and the
       Drum“ ist ein Schlagzeugsolo plus Noise plus Sprechgesang, mit „Breathe
       Slow“ wird die Störgeräuschpalette um ein vehement-nervtötendes
       rhythmisches Schlieren und einen Drone erweitert. „Antiphony“ kommt
       ebenfalls noch ohne Rap aus und basiert auf einem konstanten Brummen und
       sanften Drones sowie gelooptem Geklacker, über das Hayward improvisiert.
       
       Erst mit „Asymmetric“ hört man den ersten und dann auch einzigen
       HipHop-Bouncer des Albums. Auf den dann aber gleich das zehnminütige
       melancholische Instrumentalstück „Sojourn“ folgt, eine Shoegaze-Ballade, in
       der ab der Mitte viel aufeinandergeschichtet wird. „As Children Chant“ ist
       ein achtminütiger Ambient-Gospel mit „Free Palestine“-Mantra, der etwas
       raussticht, da man das Album bis dahin vor allem als Sound- und Geräusch-
       und Groove-Musik hört (und also auch die Stimme von Will Brooks näher am
       Schlagzeug ist, als dass sie ein Medium für Text wäre). Im Rausschmeißer
       „Re-Evolution“ [3][werden die Drones] noch einmal um das nun tendenziell
       freidrehende Schlagzeug von Charles Hayward herum gebaut.
       
       ## Die Krautrock-Affinität der beiden
       
       Das Schöne an „Hayward x Dälek“ ist nicht zuletzt, dass hier Verbindungen
       zwischen pophistorischen Strömungen nicht mehr hergestellt, sondern einfach
       nur gehoben werden müssen. Die Verbindungen zwischen dem Werk von Charles
       Hayward, gerade der This-Heat-Phase, [4][und Dälek] liegen bereits vor, in
       einer spezifischen, sehr ähnlichen Kälte des Sounds, in einer ähnlichen
       Weise, mit Loopstrukturen umzugehen, „gleißend und schneidend“, in den
       Krautrock-Affinitäten und in dem – entweder im Bandformat oder am Laptop
       und am Turntable improvisierten Noise.
       
       Die auf den Dälek-Alben sehr, sagen wir, ausgeprägte Durchschlagskraft
       findet sich auf „Hayward x Dälek“ allerdings nur in Spuren. „Better Than“,
       die erste Single des neuen Dälek-Albums „Brilliance of a Falling Moon“, ist
       ein Agit-Hip-Hop-Banger, der die [5][aktuell laufende Faschisierung der
       USA] über einem mächtigen Wall of Sound in seltsam schwebenden Metaphern
       beschreibt. Die Wand baut hier vor allem Mike „Mike Mare“ Manteca, der
       zweite im Duo, der bei den Aufnahmen mit Hayward allerdings nicht dabei
       ist.
       
       Auf den Social-Media-Kanälen von Dälek finden sich Solidaritätsadressen
       [6][an die Demonstrierenden von Minnesota]. Auf „Brilliance of a Falling
       Moon“ klingt das dann so: „Modern day Phoenicians / They speak phonetically
       / Genetically I’m prone to grow my anger exponentially“. Die eigene
       Sprachkomplexität wird als Überlegenheit gegen das verblödende, demagogisch
       aber effektive Gelalle der Macht ins Feld geführt. Und dann werden Schellen
       angedroht: „Keep testing me / See if I act sensibly“.
       
       Und so geht es weiter. „Brilliance of a Falling Moon“ ballert nahezu von
       Anfang bis Ende. „It’s always been a class war / They claim that it isn’t“.
       Das stimmt natürlich. Und: „We’re taking no steps back“. Das Album wirkt
       ein bisschen so, als hätte Will Brooks alle filigraneren Ideen und Parts,
       die er in der letzten Zeit hatte und gebaut hat, zu Charles Hayward mit ins
       Studio genommen. Um sich dann in der regulären Besetzung auszutoben.
       
       30 Apr 2026
       
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