# taz.de -- Berliner Kulturförderung: Kein Luxus, sondern ein Muss
> Breitenkultur statt Brotkrumen. Der Entwurf für ein Kulturfördergesetz
> schlägt Mindesthonorare, mehr vom Haushalt und zwei neue Kulturhäuser
> vor.
(IMG) Bild: Bei einer Demo gegen Kulturkürzungen in Berlin 2025
Wer in Berlin Kunst macht, handelt oft aus Leidenschaft – und nicht selten
gegen jede betriebswirtschaftliche Vernunft. Viele freie
Kulturakteur*innen arbeiten projektweise, hangeln sich von Ausstellung
zu Ausstellung, von Premiere zu Premiere, von Konzert zu Konzert.
Rechnete man ihre tatsächliche Arbeitszeit ehrlich zusammen – also
kreatives Tun plus Konzeptentwicklung, Antragslyrik, Öffentlichkeitsarbeit
und Buchhaltung –, lägen sie in den meisten Fällen unter dem gesetzlichen
Mindestlohn. Und das in einer Stadt, deren Vermieter sich längst nicht mehr
an die Legende vom billigen Berlin erinnern. Die Lebenshaltungskosten
steigen, die Honorare stagnieren.
Vor diesem Hintergrund bekam dieser Montagabend im Deutschen Theater eine
fast historische Wucht. Hier wurde der erste Entwurf eines Berliner
Kulturfördergesetzes vorgestellt – kein Feuilletontraum, sondern ein
handfestes Regelwerk in spe. Die Initiative wurde bereits 2021 gegründet,
seit 2023 gab es erste Überlegungen Berliner Kulturverbände.
Im April 2025 begann dann der Beteiligungsprozess, maßgeblich
vorangetrieben vom Verein Berliner Kulturkonferenz und gefördert vom Senat
für kulturelle Angelegenheiten und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Fünfzehn Fachgruppen mit mehr als 120 Beteiligten aus allen Sparten, von
der freien Szene bis zur kulturellen Bildung, erarbeiteten den 150 Seiten
starken Entwurf. Besonders Bereiche, die vom aktuellen Sparkurs
überproportional gebeutelt sind, saßen mit am Tisch.
Denn der finanzielle Hintergrund ist unerfreulich: Der Berliner
Kulturbereich muss mit Einsparungen von weit mehr als 100 Millionen Euro
umgehen – überproportional, schmerzhaft. Andere Städte sind klüger: Hamburg
etwa gibt anteilig mehr für Kultur aus. Dass Kürzungen zuerst jene treffen,
die ohnehin prekär arbeiten, ist keine Überraschung, sondern strukturelle
Logik. Wenn Projektmittel schrumpfen, schrumpfen Honorare. Wenn Häuser
sparen, sparen sie an der freien Szene. Und wenn Vielfalt vom Zufall
abhängt, verliert am Ende die Stadt.
## Es geht um bescheidene Mindeststandards
Worum geht es also? Um nichts weniger als bescheidene Mindeststandards, die
nicht von Doppelhaushalt zu Doppelhaushalt neu verhandelt werden müssen.
„Berlin ist nicht die Vorreiterin in Sachen Kulturfördergesetz“, sagt Wibke
Behrens, Vorstand der Berliner Kulturkonferenz, mit nüchterner Klarheit zur
taz. Doch gerade der breite Schulterschluss von über 60 Verbänden sei in
Berlin entscheidend: „Er schafft Planbarkeit, Verlässlichkeit und auch ein
Selbstbewusstsein der Akteur*innen, die mehr sind als Lobbyisten und
Antragsstellende.“
Zentrale Forderung ist, dass künftig nicht mehr rund zwei, sondern drei
Prozent des Landeshaushalts in Kultur fließen. Das klingt nach einer
Marginalie, ist aber politisch ein Kraftakt. Hinzu kommen Mindesthonorare
für alle Kulturakteur*innen, Tarifbindung in institutionell geförderten
Häusern, die Dynamisierung von Honoraren und Gehältern sowie eine
Begrenzung freier Arbeitsverhältnisse. Berichtspflichten über Gender Pay
Gaps sollen Transparenz schaffen. Und schließlich die Frage, die man in
kulturpolitischen Werbeblöcken gern umschifft: Wie ist die Altersarmut
einer ganzen Berufsgruppe noch zu verhindern?
Ein anderer Kernpunkt des Entwurfs ist Raum – jene kostbare Ressource, die
in Berlin genauso umkämpft ist wie bezahlbarer Wohnraum. Arbeits- und
Präsentationsorte sollen vom Berliner Arbeitsraumprogramm genauso gesichert
werden wie deren Verwaltung. Außerdem soll es zwei neue Kulturhäuser für
freie Musik und Tanz geben. Kulturakteur*innen sollen bei runden
Tischen zur Stadtentwicklung, beim Schulneubau oder selbst bei
unvermeidlichen Sparrunden mitreden.
In einer Stadt, in der mögliche Kulturhäuser nach kostspieligen
Beteiligungsprozessen und parlamentarischer Diskussion bisweilen dann doch
per Handschlag und jenseits großer Öffentlichkeit vergeben werden – man
denke an die Alte Münze –, scheint das noch immer keine
Selbstverständlichkeit.
Interessant ist auch der Vergleich mit dem Berliner Sportfördergesetz, den
der Entwurf des Kulturfördergesetzes immer wieder zieht. Warum, so die
implizite Frage, wird der Breitensport selbstverständlich unterstützt, die
Breitenkultur jedoch oft als schmückendes Beiwerk behandelt? Kultur ist
eben nicht nur „Leistungssport“, also Hochglanzentertainment für
zahlungskräftiges Publikum.
Sie ist Chorprobe im Kiez, Theater-AG in der Schule, Tanzworkshop im
Jugendzentrum, Senior*innenatelier im Nachbarschaftshaus. In Zeiten
gesellschaftlicher Erosion und demokratischen Ermüdungserscheinungen sind
niedrigschwellige kulturelle Angebote kein Luxus, sondern ein Muss. So wie
Sportplätze öffentlichen Raum beanspruchen dürfen, sollten auch öffentliche
Liegenschaften Kulturinitiativen dauerhaft oder temporär kostenfrei zur
Verfügung stehen, wenn diese nicht gewinnorientiert arbeiten.
CDU und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten, ein
Kulturfördergesetz auf den Weg zu bringen. Die nun vorgelegten
Publikationsbeiträge sind als Zwischenschritt gedacht; 2028 könnte ein
Gesetz tatsächlich in Kraft treten. Beim Abend im Deutschen Theater hat die
zuständige Senatorin, Sarah Wedl-Wilson, positiv reagiert. Man darf das als
höflichen Optimismus deuten – oder als ernstgemeintes Signal.
Der vielleicht entscheidende Begriff, der über dem Entwurf schwebt, ist
„Normalisierung“. Was überall gilt, sollte auch im Kulturbereich, der für
das Wohl dieser Stadt so unverzichtbar ist, normativ gelten: faire Arbeit
zu fairem Lohn inklusive Arbeits- und Kündigungsschutz. Ein
Kulturfördergesetz wäre damit nicht bloß eine ökonomische Forderung,
sondern ein gesellschaftlicher Vertrag.
Es würde festschreiben, dass Kultur kein Ornament ist, das man in
Haushaltskrisen als Erstes abschlagen kann. Dass die Stadt kein Biotop für
Kreativwirtschaft werden möchte, in der heroische Selbstausbeutung und das
Recht des Stärkeren gilt, sondern die Bedingungen zur Produktion
nachhaltiger Kunst von vielen schaffen möchte. Daher ist der Entwurf ein
großer Schritt in die richtige Richtung. So groß, dass er nach dem Abend im
Deutschen Theater lang erinnert werden wird.
10 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
## TAGS
(DIR) Kultur in Berlin
(DIR) Berliner KünstlerInnen
(DIR) Schwarz-rote Koalition in Berlin
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