# taz.de -- Berlin verspielt seine Kunsträume: Rote Punkte, rote Linien
       
       > Die Berliner Künstler*innen geraten immer mehr unter Druck. Das
       > Atelierbüro warnt vorm Abbau eines weltweit einzigartigen Modells.
       
 (IMG) Bild: Auch dieses Atelier von Britta Adler im Atelierhaus in der Schönstedtstraße ist bedroht
       
       Schon der erste Blick auf die [1][neue Plattform des Atelierbüros] im
       Berufsverband Bildender Künstler in Berlin (bbk) lässt die Alarmglocken
       schrillen. Auf dem digitalen Stadtplan leuchten rote Punkte wie kleine,
       frische Wunden: Rund ein Drittel der 1.027 Ateliers in mehr als 60 Häusern
       gilt als akut bedroht. Rot heißt hier nicht temporär unsicher, sondern: in
       Gefahr, zu verschwinden.
       
       Daran habe auch die Nachjustierung des Berliner Sparkurses in Sachen Kultur
       Ende letzten Jahres nichts geändert, betonen die Redner*innen einhellig
       beim Pressefrühstück in der Druckwerkstatt des Kulturwerks des bbk im
       Bethanien am Mariannenplatz. Die Stimmung am Montagmorgen ist sachlich,
       aber angespannt. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.
       
       Was das Atelierbüro in Berlin leistet, gilt international als
       beneidenswert. Das Prinzip ist so schlicht, wie wirkungsvoll: Während
       Mieten für Ateliers auf dem freien Markt Berlins inzwischen im Schnitt bei
       20 Euro pro Quadratmeter liegen, zahlen Künstler*innen für die 1.027
       geförderte Ateliers – je nach Einkommen – zwischen 4,90 und 6,50 Euro. Die
       Differenz übernimmt das Land Berlin. Ein Instrument, das sich seit über 30
       Jahren bewährt hat.
       
       Doch genau dieses [2][Instrument wird nun radikal ausgeblutet]. Die Mittel
       für die Bestandssicherung werden um circa 20 Prozent gekürzt. Am
       Drastischsten fällt der Einschnitt beim Ausbau neuer Arbeitsräume aus:
       Statt über 20 Millionen Euro stehen künftig nur noch etwas mehr als 3
       Millionen zur Verfügung, das macht eine Reduktion von 85 Prozent. In der
       Praxis bedeutet das: kaum noch neue Ateliers, steigende Unsicherheit für
       bestehende Standorte, Stillstand in einem Gebiet, das eigentlich Expansion
       bräuchte, und das mindestens im Tempo der steigenden Mietpreise.
       
       ## Weckruf für die ganze Welt
       
       Wieder fällt an diesem Vormittag ein Satz, der in diesem Zusammenhang schon
       zum Ritual geworden ist: Die Kürzungen seien ein „Weckruf für die ganze
       Welt“, so Birgit Cauer, Sprecherin des bbk Berlin. Ein pathetischer Satz –
       und doch ein zutreffender. Denn er bringt einen großen Widerspruch zwischen
       kulturpolitischer Rhetorik und realer Haushaltsführung auf den Punkt.
       
       Berlin inszeniert sich weiterhin als Kulturmetropole, als sexy Magnet für
       Kreative, als Stadt der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten. Der
       Kulturhaushalt jedoch liegt bei rund zwei mageren Prozent des
       Gesamthaushalts – und wird nun noch einmal beschnitten. Zum Vergleich:
       Hamburg gibt fast das Doppelte aus.
       
       Dabei ist längst belegt, dass Kultur kein Zuschussgeschäft ist. Cauer weist
       darauf hin, was verschiedene Studien zeigen: Dass jeder in Kultur
       investierte Euro ein Vielfaches in die Stadt zurückspült – über
       Gastronomie, Hotellerie und Handel. „Umwegrentabilität“ ist der sperrige
       Begriff dafür. Kultur ist also nicht nur in Zeiten von Demokratieschmelze
       und Auseinanderdriften der Gesellschaft identitätsstiftend, sondern eine
       ökonomische Einnahmequelle. Dass ausgerechnet hier gespart wird, erscheint
       vielen der Anwesenden wie politischer Wille.
       
       [3][Julia Brodauf und Lennart Siebert, die Atelierbeauftragten des bbk],
       erinnern daran, dass ihr Programm einst als Antwort auf eine konkrete Frage
       entstanden sei: Wie kann eine Kunstmetropole verhindern, dass ihre
       Produzent*innen verdrängt werden? Mit dem Sparkurs, so Siebert, sei
       faktisch der „Ausbau abgesagt“. Und selbst die Bestandssicherung sei
       ungewiss, weil Berlins Kulturverwaltung in Kauf nehme, dass Kosten steigen
       und sich die Zielgruppen verschieben. Auf die Ansage aus seinem Büro, dass
       die Mieten der Ateliers im Grunde noch niedriger ausfallen müssen, stoße er
       in der Verwaltung auf Unverständnis.
       
       ## Unter der Armutsgrenze
       
       Berlin habe, so die beiden weiter, die höchste Künstler*innendichte
       der Welt nach New York. Verschiedene Schätzungen gehen von 10.000 bis
       20.000 Personen aus, die in dieser Stadt versuchen, von ihrer Kunst zu
       leben.
       
       Das bedeutet, dass viele von ihnen an oder unter der Armutsgrenze leben.
       Ihre Einkommen haben sich in den letzten fünf Jahren nicht erhöht, eher im
       Gegenteil. Hinzu kommen steigende Mieten und ein massiver Kaufkraftverlust.
       Man erlebe in den letzten Monaten immer öfter, dass Künstler*innen ihre
       Ateliers aufgeben – und damit nicht selten gleich ihren Beruf.
       
       Am Ende des Pressefrühstücks meldet sich [4][Britta Adler] zu Wort. Sie ist
       eine der Künstler*innen, die in einem der bedrohten Atelierhäuser arbeitet.
       Ihre Schilderung ist unspektakulär und setzt sich gerade deshalb fest.
       Anderthalb Jahre kämpft sie nun schon mit Kolleg*innen ums Atelierhaus
       in der Schönstedtstraße. Um ihre künstlerische Arbeit zu finanzieren, müsse
       sie zusätzlich arbeiten, zudem sei sie alleinerziehende Mutter von zwei
       Kindern.
       
       Der Satz, der daraufhin im Raum steht, ist bitter: Die meisten
       Künstler*innen in Berlin würden derzeit wohl nicht einmal dann genug
       Geld verdienen, wenn sie aufhören würden zu schlafen.
       
       26 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bbk-kulturwerk.de/atelierbuero/atelierhaeuser-im-arbeitsraumprogramm
 (DIR) [2] /Gefaehrdete-Ateliers-in-Berlin/!6128455
 (DIR) [3] /Ueber-Ateliers-und-die-Immobilienkrise/!5987014
 (DIR) [4] /Macht-sie-frei/!5572886/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
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