# taz.de -- Premiere „Böses Glück“ in der Volksbühne: Die Kindfrau sitzt schweigend da
       
       > In „Böses Glück/Cult of the Daughter“ fällt Regisseur Benny Claessens zu
       > den Werken von Tove Ditlevsen und Olga Ravn bloß unemanzipativer Klamauk
       > ein.
       
 (IMG) Bild: Balancieren tapfer durch den Textwust: Georg Friedrich und Ann Göbel
       
       Dieser Abend war eine Frechheit. Er hat Zeit, Geld und Nerven gekostet –
       und dabei ausgerechnet den Frauen und Mädchen, denen er eine Stimme geben
       wollte, einen Bärendienst erwiesen. Gemeint ist die Uraufführung „Böses
       Glück/Cult of the Daughter“ an der Volksbühne Berlin. Inszeniert wurde sie
       von Benny Claessens, der sich bisher vor allem als Schauspieler einen Namen
       gemacht hat. Seit einiger Zeit führt er selbst Regie, nun hat man ihm die
       große Bühne überlassen.
       
       Zugegeben, gewisse Erwartungen waren vorhanden: Claessens, der in seinen
       Rollen gerne wie eine überdrüssige Teenagerin oder Diva agiert, nimmt sich
       nun das autofiktionale Werk von [1][Tove Ditlevsen] vor – eine spannende
       Kombination. In der Trilogie erzählt die dänische Autorin schonungslos von
       ihrem Ausbruch aus einer Arbeiterfamilie, ihrem unbedingten Wunsch
       Schriftstellerin zu werden und dem Hadern mit übergriffigen Männern und
       ihrer Mutterrolle. Das Ganze verschneidet Claessens mit einem neuen Text
       von Olga Ravn, die gerade zum zweiten Mal für den Booker Prize nominiert
       wurde, und holt außerdem die Berliner Rapperin addeN dazu.
       
       Zu Beginn der Aufführung sieht man die Schauspielerin Ann Göbel im Auto
       sitzen und ein bitteres Lied singen. Es handelt von Abtreibung oder
       Totgeburt. Ihre Figur ist zerrissen zwischen mütterlicher Liebe und
       Selbsterhaltung, das Gesicht wird zur müden Fratze. Auf der Bühne dahinter
       ein Haus in Flammen, daneben eine Kapelle mit brennenden Kerzen. Das
       Ensemble sitzt am Tisch und redet von frühkindlichen Traumata, man feindet
       sich an, verliebt sich.
       
       Allerdings fällt es über weite Strecken des Stückes schwer, etwas anderes
       als Genervtheit für die Charaktere zu empfinden. Denn so wie die Rollen
       angelegt sind, kommen sie wie überhebliche Kunststudierende daher, die fast
       alles ironisch ausstellen oder vernuscheln müssen. Gut, die Truppe –
       Claessens steht selbst mit auf der Bühne – will ganz in der Tradition des
       Hauses schrill, wild und punkig auftreten. Doch leider fehlt ihnen an
       diesem Abend dafür das Format echter [2][Volksbühnengrößen].
       
       Göbel spielt die Theater-Ditlevsen als naive Kindfrau mit blonder
       Barbieperücke und weißem Unschuldsoutfit. Ihre Stimme ist die einer Kathrin
       Angerer, aber eben nicht ganz. In einem Exkurs sieht man sie umrahmt von
       Puppen bei einem Brutalo-Proll sitzen, der – natürlich! – von einem
       Österreicher gespielt werden muss. Jedenfalls schildert der Schauspieler
       Georg Friedrich auf ösideutsch den Fall eines Mannes, der ein Mädchen
       vergewaltigt hat.
       
       Friedrichs Figur denkt über mögliche Gründe für die Tat nach: Der Täter
       seit seiner Geburt gesellschaftlich geächtet, ein Außenseiter, und so
       weiter. Theaterprovokation hin oder her: Angesichts immer neuer Fälle von
       sexualisierter Gewalt, die gerade ans Licht kommen, irritieren solche
       Erklärungsversuche, zumal die Frauenfigur bloß stumm daneben sitzt und
       zuhört.
       
       Gisèle Pelicot, die Epstein-Files und, auf einem weitaus niedrigeren
       Niveau, das kürzlich bekannt gewordene Interview mit dem
       baden-württembergischen CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel: Die
       Sexualisierung von weiblichen Körpern ist allgegenwärtig, ebenso wie
       Frauenhass und misogyne Gewalt. Doch statt vor diesem Hintergrund ein
       einfühlsames oder gar emanzipatives Stück zu entwickeln, wirkt es, als
       hätte das Team um Benny Claessens die Dimension des Grauens, das einen
       beträchtlichen Teil der weiblichen Lebensrealität ausmacht, nicht wirklich
       erfasst.
       
       Dabei ist nicht das Problem, dass man sich dazu entschieden hat, aus allem
       eine groteske Abrissparty zu machen und dabei Hard Techno zu spielen. Man
       kann auch harten Themen mit Humor begegnen. Doch es ist ein Unterschied, ob
       der Humor transformierende Wirkung hat oder ob er sein Sujet verrät.
       
       ## Die ewige Opferrolle der Frau
       
       Können männliche Regisseure endlich damit aufhören, Geschichten zu
       inszenieren, von denen sie offensichtlich keine Ahnung haben? Ansonsten
       werden Frauen bloß wieder als das „ewige Opfer“ dargestellt, das mit seinen
       Autonomiebestrebungen bei gleichzeitiger Liebesbedürftigkeit irgendwie
       nervt. Selbst der „Tatort“ schafft es mittlerweile, progressivere
       Frauenfiguren zu entwickeln als dieser Abend.
       
       Tove Ditlevsen war aber mehr als bloß Opfer. Sie war zielstrebig, streitbar
       und konnte sehr rücksichtslos sein. Ditlevsen ging ihren Weg und hatte
       Erfolg damit. Diese Aspekte kommen in der Inszenierung zu kurz oder gehen
       im Klamauk unter.
       
       Warum die Schlingensief-Legende Kerstin Graßmann, die Rapperin addeN und
       die [3][Autorin Olga Ravn] nicht irgendwann aus der Produktion ausgestiegen
       sind, ist schleierhaft. Immerhin liefert Ravns kryptischer Text über eine
       Migräneklinik samt spirituellem Tochterkult dann doch noch einen Hauch von
       Katharsis, indem er an einer Stelle an die innere Stärke von Mädchen und
       Frauen appelliert, die es zu beschützen gilt. Wobei: Hat man das jetzt
       richtig verstanden? Wer weiß das bei diesem dreieinhalbstündigen Textwust
       schon so genau. Deshalb vollstes Verständnis für alle, die den Saal
       vorzeitig verlassen haben.
       
       1 Mar 2026
       
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