# taz.de -- Zum Tod von Brigitte Bardot: Die Göttin der Sorglosigkeit
> Die Figuren, die Brigitte Bardot in ihren Filmen verkörperte, sind uns
> fremd geworden. Nun ist auch ihre menschliche Gestalt verstorben. Eine
> Hommage.
(IMG) Bild: B.B. auf dem Höhepunkt ihres Ruhms: 1965 am Flughafen Orly in Paris mit einem Riesen-Sombrero, den sie aus Mexiko mitgebracht hat
Als ich begann, mich für das Kino jenseits von „Fuzzy“ und „Dick und Doof“
zu interessieren, war [1][Brigitte Bardot] schon, wie man so sagt, eine
Leinwand-Legende. Sie spielte in Filmen, vor denen unsere Eltern und unsere
Lehrer uns immer gewarnt hatten. Aber gleichzeitig waren eben die, die sie
uns verbieten wollten, nachgerade besessen von ihr. Kein Karneval-Sketch,
kein Illustrierten-Witz, keine Nachtisch-Zweideutigkeit, ohne dass der
Name, was sage ich: die Chiffre Bardot fiel. Sie tauchte in idiotischen
Schlagertexten und in den Lamentos über die neue Zeit auf. Diese Kurven.
Diese Haare, dieses Blond. Dieser Tanz. Dieses Lächeln. Sie schien Lust und
Verderben zugleich der aufstrebenden Nachkriegszeit; weibliche Sexualität,
und fast noch mehr: die Angst vor ihr.
Brigitte Bardot war 1959 [2][der erste Bravo-Starschnitt]. Netzstrümpfe,
umgürtete „Wespentaille“, das lange blonde Haar. Der ikonische
„Schmollmund“. Das Bild war mit 156 Zentimetern nachgerade lebensgroß. Und
eine Göttinnengestalt, die vielleicht zum ersten Mal danach verlangte, dass
das Teenager-Zimmer ein vom Rest der Familie abgesonderter Raum war. Das
gab Kämpfe. Und Freiheiten.
[3][Diente Brigitte Bardot der alten Lüsternheit der einen oder der neuen
Selbstbestimmung der anderen Generation?] Später würde man verstehen, dass
ein Mythos sich gerade dadurch auszeichnet, dass er solche Widersprüche in
sich auflöst. Was Brigitte Bardot anbelangt, war es vielleicht vor allem
die offenkundige Unbekümmertheit, ein Lachen, das sich andere
„Sexgöttinnen“ nie hätten leisten können. Der Krieg ist vorbei, sagte ihr
Blick, ihr Körper, ihre Bewegung, und damit vielleicht auch eine
schreckliche Art der Männerherrschaft. Ihre Augen sahen voraus in ein
mögliches Zeitalter der Sorglosigkeit.
## Simone de Beauvoir und die „neue Eva“
Das Ur-Bild dafür war Brigitte Bardots erster Mannequin-Auftritt in der
Zeitschrift Elle, der Ur-Text dazu war Simone de Beauvoirs Buch „Das andere
Geschlecht“. Beides, gerade in ihrer Unterschiedlichkeit so bedeutsam,
erschien als Signal zu einem Aufbruch, dem sich die Leute so nach und nach
anschlossen, oder sich ihm widersetzten. Man schrieb das Jahr 1949.
Dass Brigitte Bardot dann das Frauenbild im Film revolutionierte, ist fast
schon ein Allgemeinplatz und verleugnet, was sich zwischen der scheinbar so
einfachen und direkten Leinwand- und Presse-Persona, dem um etliches
komplizierteren Menschen Bardot und der hochkomplexen Verarbeitung der
erotischen Provokation in der liberal-kapitalistischen Welt der fünfziger
und sechziger Jahre abspielte.
In „Brigitte Bardot und das Lolita-Syndrom“ analysierte Simone de Beauvoir
die explosive Mischung aus Kindfrau und Femme Fatale, aus der erst eine
„neue Eva“ entstehen sollte. Aber nicht diese neue Eva war das, was am Ende
bleiben sollte, sondern die Erinnerung an das wunderbare Durcheinander, die
heillose, aber lustvolle Verwirrung, die sie seit dem Film mit dem
abgeschmackten deutschen Titel „Und immer lockt das Weib“ aus dem Jahr 1956
anzurichten imstande war. Die Unruhe, die blieb, auch als aus der realen
Brigitte Bardot statt einer neuen Eva eine alte Dame mit schlechter Laune
und hochreaktionären Ansichten geworden war.
## Die große Brigitte-Bardot-Unruhe
In ihren Filmen zuvor, mit Titeln wie „Reif auf jungen Blüten“ oder „Das
Gänseblümchen wird entblättert“, die immerhin zu pädagogischen und
kirchlichen Unmutsäußerungen geführt hatten, war das Spiel mit dieser neuen
unverfrorenen Erotik noch als leichte Frivolität akzeptabel. Aber Roger
Vadim, kein Mann fürs Subtile, tat mit seiner schauderhaften Kolportage so,
als würde man’s jetzt ernst meinen. Öffentliche Aufschreie, Zensurverlangen
und erboste Eltern, die den Bravo-Starschnitt von den Zimmerwänden ihrer
Teenager-Kinder rissen, waren die Folge.
Die Brigitte-Bardot-Unruhe war in der Welt, und jeder neue Film, jede neue
Pressegeschichte, jedes BB-Foto war Teil davon. Die durch sie ausgelöste
Unruhe war bedeutsamer als die Frage, ob Brigitte Bardot tatsächlich eine
selbstbestimmte Frau oder doch nur wieder ein Produkt der mehr oder weniger
männlich dominierten Traumfabrik war. Brigitte Bardot war eine Figur in
einem kollektiven Traum geworden; weder sie selbst noch die Männer im
Hintergrund konnten dieses Bewegungsbild noch wirklich kontrollieren.
Solch öffentlicher Besitz hat auch seine Schattenseiten. Jean-Luc Godard
hat 1963 in „Die Verachtung“ den Mythos schon gecrackt; hier, vor dem
Hintergrund einer gescheiterten Verfilmung der Odyssee, verliert die Sirene
von ihrer destruktiven Schönheit und entwickelt bewussten Widerstand. Das
kann nicht gutgehen. Schon gar nicht für die Männer.
## Trotz allem: Französisch und bürgerlich
Und die Sirene sang statt zur Verführung der Männer über ihre eigene Reise,
womöglich auf einer Harley-Davidson. Brigitte Bardot verhalf dem „zweiten
Geschlecht“ und der ersten Nachkriegsgeneration zu einem rebellischen
Ansatz. Bei alledem aber blieb sie in ihren Filmen, in ihren öffentlichen
Auftritten und in ihren Liedern sehr französisch und vor allem sehr
bürgerlich. Natürlich hatte das mit ihrem eigenen Herkommen aus dem
Großbürgertum zu tun – wie bei allen großen Filmstars war auch bei ihr der
Meta-Film eine Autofiktion.
Die leichtfüßige Verführerin stellte immer nur eine sexuelle Ordnung
innerhalb der Klasse, nie eine politische Ordnung infrage. Das
unterscheidet Brigitte Bardot von den erotischen Diven des italienischen
Films, die oft eine Kraft aus dem Volk verkörperten und deren Sexualität
nie ohne die Klasse zu imaginieren war. Nicht aus den Tiefen der
Geschichte, sondern aus dem Überfluss der Gegenwart kam diese Schönheit.
Man nannte sie die schönste Frau der Welt, auch weil sie dem Ideal des
neuen Kleinbürgertums entsprach. Eine leuchtende, keine dunkle Schönheit,
klassisches Maß (fast schon proto-barbisch rank im Bravo-Starschnitt),
keine barocke Fülle, mehr material girl als übersinnliche Erscheinung, eine
Frau, zu der man sich keine Krankheit, kein Leiden vorstellen kann.
Brigitte Bardot war das Leben selbst, nicht mehr und nicht weniger.
Aber natürlich ging es vor allem um den Übergang. Von Feminismus war zur
Zeit ihres größten Ruhms in der breiten Öffentlichkeit kaum die Rede. Aber
davon, dass auch Frauen ihren Anteil an der Lust bekommen, die das Leben
nach der großen Katastrophe wieder bereiten kann. Man kann sich BB einfach
nicht mit schmutzigen Händen vorstellen.
## Am schönsten war sie in Komödien
Brigitte Bardots melodramatische Filme sind, seien wir ehrlich, genauer
besehen eher seltsam. Da zerfallen noch die alten Mythen von der Kindfrau
oder der Femme fatale; da geht es immer auch um das Strafen und das
„Zähmen“, da soll man wohl immer noch Mitleid mit den Männern haben, die an
ihr verzweifeln oder in romantische Depressionen verfallen. Am schönsten
war Brigitte Bardot in Komödien, genauer gesagt in Abenteuer-Komödien wie
„Viva Maria“, „Boulevard du Rhum“ oder „Petroleum Miezen“. In diesen Filmen
war es ihr vergönnt, die Unruhe, die sie auslöste, auch selbst zu genießen.
Das größte aller Sirenen-Versprechen: Dass die Welt und alles, was in ihr
geschieht, ein großer Spaß ist.
In ihrer ironischen Magie überlebte Brigitte Bardots Imago den Zorn der
nächsten Revolution. Die Bewegungen, die auf den Mai 1968 folgten, mochten
Brigitte Bardot wie eine Gestalt aus den Kinderzimmern, die man verlassen
hatte, erscheinen lassen. Das Frauenbild und die Leinwandsexualität aber
sahen da schon ganz anders aus. Brigitte Bardot war nun mehr Pop-Ikone, das
Modell für oft grausam schlechte Andy-Warhol-Imitationen und für Comic
Strips wie „Barbarella“ (die im Film zu verkörpern sie ablehnte),
Gegenstand für Coffee-Table-Books voller nostalgischer Glamour-Träume.
Symbol auch einer vergangenen Epoche des öffentlichen Luxus à la
Saint-Tropez und Cocktail-Bar.
Von der Brigitte-Bardot-Welt zu träumen, war viel schöner, als mit ihr
ernsthaft in Berührung zu kommen. Dort hätte man ihren Selbstmordversuch
erlebt, ihre Einsamkeit, ihr Gefangensein.
## Figuren aus einer anderen Zeit
Jemand wie Brigitte Bardot war für Charakter- und gar „Altersrollen“ nicht
geschaffen. 1973 erklärte sie ihren Rücktritt sowohl vom Film als auch von
der Musik – und wurde nie rückfällig. Ihr Bild zu bewahren, fiel der schon
wieder nächsten Generation denkbar schwer: Wie konnte sie, eine einstige
Vorkämpferin der Befreiung, nun mit den muffigsten Rechten gemeinsame Sache
machen, Rassismus und Nationalismus verbreiten, das lobenswerte Ziel des
Tierschutzes mit solchem Fanatismus verfolgen, dass noch die letzten Reste
der einstigen Sorglosigkeit verschwinden mussten, die einmal ihr
Charakteristikum gewesen waren?
Die Göttin der Sorglosigkeit, die möglicherweise, wie eine Zeitung damals
schrieb, den Sex für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts neu erfunden
hat, ist uns lange schon fremd geworden. Wir leben in einer Welt, die fast
nichts anderes mehr kennt als die Sorge. Auch beim Sex. Auch im Kino.
Den Bravo-Starschnitt von Brigitte Bardot kann man sich heute digital
zusammengesetzt aus dem Internet für den Heimdrucker bestellen und das
kleine Vermögen dafür per PayPal abdrücken. Aber die Göttin der
Sorglosigkeit lebt hier nicht mehr. Und nun ist auch ihre menschliche
Gestalt verstorben.
28 Dec 2025
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