# taz.de -- Ausstieg aus der Jugendhilfe: „Wir spüren die Auswirkungen von Sparmaßnahmen“
       
       > Oft würden Jugendliche in staatlicher Obhut nur als Kostenverursacher
       > gesehen, kritisiert Konstanze Fritsch vom Berliner Rechtshilfefonds
       > Jugendhilfe.
       
 (IMG) Bild: Raus aus der Jugendhilfe? Im Jugendamt – hier in Magdeburg – wird die „Anschlussperspektive“ geklärt
       
       taz: Welche besonderen Herausforderungen haben junge Erwachsene aus der
       Jugendhilfe? 
       
       Konstanze Fritsch: Wir haben es hier mit einer Gruppe mit sehr schwierigen
       Lebensbedingungen zu tun. Viele haben [1][keinen oder nur sehr erschwerten
       Kontakt zur Familie] und schon viele Kontaktabbrüche hinter sich. Sie haben
       neben dem Erwachsenwerden häufig noch mal ganz andere Baustellen zu
       bearbeiten. Es bräuchte eigentlich eine ganz besondere Begleitung. Das
       Gefühl von Sicherheit ist Voraussetzung dafür, dass sie alles andere im
       Leben geregelt bekommen.
       
       taz: Wie ist der Ausstieg aus der Jugendhilfe rechtlich geregelt? 
       
       Fritsch: Ein Jahr vor Beendigung soll gemeinsam mit dem Jugendamt die
       Anschlussperspektive geklärt werden: Wohin geht der Weg, und welche
       Schritte müssen dafür eingeleitet werden? In der Gesetzesbegründung heißt
       es außerdem ganz klar, dass eine sogenannte „Gefährdungsbeurteilung“
       stattfinden soll: Könnte es passieren, dass der junge Mensch auf der Straße
       landet? Wir haben ein super Gesetz, zum Beispiel gibt es die sogenannte
       „Coming-back-Option“: eine Möglichkeit zur Rückkehr in die Jugendhilfe.
       Dazu gibt es noch die „Option auf Nachbetreuung“, die sagt: „Wir haben
       jetzt noch sechs Monate, in denen sechs Stunden pro Woche jemand
       vorbeikommt“ – das ist absolut sinnvoll.
       
       taz: Und wie läuft es in der Praxis? 
       
       Fritsch: Die Zahlen derjenigen, die sich mit rechtlichen Problemen an uns
       wenden, sind gestiegen – und zwar trotz Gesetzesreform 2021. Die jungen
       Volljährigen, beziehungsweise die 17-Jährigen, sind die anteilig größte
       Gruppe unter unseren Klienten. Dass eine „Gefährdungsbeurteilung“
       vorgenommen wird, ist überhaupt nicht gängige Praxis. Auch geschieht es,
       dass Hilfen beendet werden, ohne dass vorher überhaupt ein
       Hilfeplangespräch stattgefunden hat. Und ob das Jugendamt wirklich bereit
       ist, noch mal Geld bereitzustellen, wenn ich sage: „Ich brauche doch noch
       mal eine stationäre Unterbringung“, da würden wir alle sagen:
       wahrscheinlich nicht.
       
       taz: Woher kommen denn diese Komplikationen? 
       
       Fritsch: Obwohl man davon ausgehen muss, dass das Gesetz den zuständigen
       Behörden bekannt ist, wissen wir: Es ist nicht immer so. Teils drängt sich
       zudem der Eindruck auf, dass darauf spekuliert wird, dass Betroffene ihre
       Rechte nicht kennen. Spätestens seit 2024 spüren wir die [2][Auswirkungen
       von Sparmaßnahmen] definitiv. Wir gehen ja immer davon aus, dass auch
       Sozialarbeitende in Jugendämtern eigentlich helfen wollen. Aber die
       Kürzungen treffen hier eine Gruppe, die nichts im Hintergrund hat, was das
       auffangen kann.
       
       Häufig wird auf Menschen aus der Jugendhilfe ausschließlich als
       Kostenverursacher geblickt. Aber wenn man es schon unbedingt auf diese
       Ebene ziehen muss, dann sollte man auch sagen: Wir können uns das
       eigentlich überhaupt nicht leisten, auf diese jungen Leute zu verzichten!
       Wir brauchen sie mit Bildung, wir brauchen sie als Arbeitskräfte, und wir
       brauchen sie als Menschen, die an der Gesellschaft mitwirken.
       
       1 Apr 2026
       
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