# taz.de -- Tagebuch aus Litauen: Aufgehen in Vilnius
       
       > Irina und Michail mussten aus Belarus flüchten. In ihrem Exil haben sie
       > sich mit einer Bäckerei selbstständig gemacht. Der Neuanfang hat
       > funktioniert.
       
 (IMG) Bild: Mehl, Wasser und Salz: Im Brotteig liegt etwas Symbolisches
       
       „Zwei Brötchen“, so heißt eine Bäckerei in [1][Vilnius]. Ihr Logo erinnert
       manche an eine Wolke, andere an Spiegeleier, und wieder andere glauben,
       darin eine weibliche Brust zu erkennen.
       
       Irina und Michail Serejonok haben vor einem Jahr in Vilnius diese Bäckerei
       eröffnet. Dass sie heute Brot backen, ist nur ein Teil ihrer Geschichte.
       Zuvor waren sie politische Gefangene in Belarus und verbrachten hundert
       Tage in Haft.
       
       Erst recht spät haben mir Bekannte von dieser Bäckerei erzählt – und von
       dem Leben, das die beiden nach ihrer Freilassung und [2][Übersiedlung] nach
       Litauen neu aufbauen mussten. Ich selbst bin auch erst vor Kurzem ins
       Baltikum umgezogen.
       
       ## Denunziert von einem Freund
       
       Vor Vilnius führte das Ehepaar ein ganz anderes Leben. In Minsk betrieben
       sie eine eigene Kette von Geschäften mit Kinderbekleidung. All das endete
       im Herbst 2022. Wegen ihrer Teilnahme an den Protesten von 2020 wurden sie
       festgenommen.
       
       Ein enger Freund hatte Irina und Michail denunziert. Er hatte den
       Sicherheitskräften ein Foto gegeben, das die beiden mit einer
       weiß-rot-weißen Flagge zeigte – dem Symbol der belarusischen Opposition.
       Nach dem Prozess wurden sie unter Hausarrest gestellt. Das bedeutet: Sie
       mussten zu Hause bleiben, durften die Wohnung nur zu bestimmten Zeiten
       verlassen und standen unter ständiger polizeilicher Überwachung.
       
       Es gelang der Familie nicht auf Anhieb, aus [3][Belarus zu fliehen]. Gegen
       Irina war ein Ausreiseverbot verhängt worden, und sie erinnert sich, wie
       sie sich jeden Tag informierte, ob es endlich aufgehoben worden war. Als
       das endlich der Fall war, fuhren sie, ihr Mann und ihre beiden Kinder
       sofort [4][zur litauischen Grenze].
       
       In den ersten Monaten lebten sie von dem Geld aus dem Verkauf ihrer Minsker
       Wohnung und versuchten, sich in ihrer neuen Realität zurechtzufinden. Die
       [5][alltäglichsten Dinge] – Dokumente, Rechnungen, praktische
       Angelegenheiten – bereiteten ihnen Stress.
       
       Die Idee zu einer Bäckerei kam ihnen erst später und fast zufällig. Alles
       begann mit einem selbstgebackenen Brot, das Michail hergestellt hatte. Sie
       ließen Bekannte probieren – und erhielten unerwartet gute Resonanz.
       
       In der Bäckerei wird Brot mit Sauerteig gebacken, ohne Hefe und
       Konservierungsstoffe, nur mit Mehl, Wasser und Salz. Den Sauerteig hat
       Michail nach einem eigenen Rezept hergestellt. Neben Brot bieten sie auch
       Frühstück an: Eier Benedict, Croissants, Kaffee und auch Käsekuchen.
       
       ## Die Kosten der Selbstständigkeit
       
       Die Eröffnung der Bäckerei kostete das Paar mehr als 100.000 Euro. Da die
       Familie diese Summe nicht selbst aufbringen konnte, fand sie einen
       Geschäftspartner, der den fehlenden Betrag investierte.
       
       Seither dreht sich der Tag von Irina und Michail um Teig, Brot und
       Kund:innen. Dieser Rhythmus hat eine Beständigkeit, die ihnen früher
       gefehlt hat. In diesem einfachen Rezept – Mehl, Wasser und Salz – liegt
       etwas Symbolisches: Alles beginnt immer von Neuem, bei den grundlegendsten
       Dingen.
       
       Irina sagt, die Müdigkeit gehöre inzwischen zum Alltag. Doch zugleich sei
       da dieses leise, beständige Gefühl, nun am richtigen Ort zu sein.
       
       Über ihre Flucht ins Exil spricht sie nüchtern: Sie sei die Chance, endlich
       das zu tun, was man will – und ein ruhiges Leben zu führen.Ihre Geschichte
       zeigt, dass ein Neuanfang möglich ist. Selbst dann, wenn zuvor alles
       verloren schien.
       
       Auch ein belarusisches Leben im Exil kann erfolgreich sein. Es kann neue
       Kraft geben, man muss sie nur finden.
       
       [6][Glafira Zhuk] war Stipendiatin der [7][taz panterstiftung].
       
       Aus dem Russischen von [8][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch [9][Spenden an die taz panterstiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       3 Apr 2026
       
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