# taz.de -- Krieg zwischen Iran und Israel: Abwehr am Limit
> Der Irankrieg legt die Schwachstellen von Israels Iron Dome offen. Und
> zeigt: Iran hat seit dem Krieg im letzten Sommer dazugelernt. Und nun?
(IMG) Bild: Tel Aviv im März 2026: Abwehrgeschosse des Iron Dome steigen auf
Seit einem Monat bombardieren Israel und die USA massiv in Iran, das
Raketenprogramm ist eines ihrer Hauptziele. Trotzdem nehmen die Treffer in
Israel zu. Während dieser Text in einem Schutzraum in Tel Aviv entsteht,
schlägt wenige hundert Meter entfernt am Donnerstagmittag mutmaßlich ein
Sprengsatz einer iranischen Streubombe ein. Am Dienstag wurden neun
Menschen in der Stadt Bnei Brak weiter östlich verletzt. Am Wochenende gab
es mehr als 150 Verletzte, nachdem zwei ballistische Raketen in den Städten
Dimona und Arad im Süden des Landes eingeschlagen waren. [1][Gleich zu
Kriegsbeginn starben neun Menschen in Beit Schemesch.]
Israels Raketenabwehrschirm zählt zu den leistungsfähigsten der Welt,
[2][doch mehr und mehr iranische Raketen finden ihren Weg an den
Abwehrsystemen vorbei]. „Diese Systeme galten bis vor Kurzem als
kampferprobt und zuverlässig“, sagt der Raketenwissenschaftler Moshik
Cohen, der seit 25 Jahren in der israelischen Raketenabwehr arbeitet und
mehrere dieser Systeme mitentwickelt hat. „Jetzt aber stehen wir an einem
Wendepunkt.“
Besonders die Treffer in Dimona und Arad werfen Fragen auf: In der Nähe
liegt Israels wichtigstes Atomforschungszentrum, mutmaßlich ein besonders
geschütztes strategisches Ziel. Israels Militär hat den Fehlschlag bisher
nicht erklärt.
Für Cohen hat die sinkende Zuverlässigkeit der Abfangsysteme mehrere
Gründe: „Ein Teil fällt auf Entscheidungen zurück, welches Abwehrsystem wo
eingesetzt wird.“ Ein Teil der Einschläge ergebe sich schlicht daraus, dass
der Vorrat an Abfangraketen nicht endlos sei. „Der Großteil aber erklärt
sich daraus, dass die Iraner dazulernen. Und bestehende Raketen etwa mit
Steuersystemen weiterentwickeln oder [3][Sprengköpfe mit Streumunition]
einsetzen, um die bestehenden Systeme zu umgehen.“
## Millionen kostet eine Abwehrrakete
Der israelische Raketenschirm besteht aus mehreren Schichten: Der Iron Dome
wehrt Kurzstreckenraketen ab. Das System David Sling wird vor allem gegen
Marschflugkörper und Mittelstreckenraketen verwendet. Das Arrow-System
fängt ballistische Langstreckenraketen ab. Hinzu kommen THAAD-Systeme aus
den USA, ebenfalls für Langstreckenraketen.
[4][Besonders Arrow und THAAD sind äußerst kostspielig]. Arrow 3 habe eine
etwa 90-prozentige Erfolgsrate, sagt Cohen. Eine Abfangrakete koste aber
rund 3 Millionen Dollar. Und: Mehr als 15 pro Monat ließen sich derzeit
kaum herstellen. Thaad sei mit bis zu 15 Millionen Dollar pro Schuss noch
teurer.
Iran soll laut dem israelischen Militär zu Kriegsbeginn über rund 2.500
ballistische Raketen verfügt haben. Mehr als 400 haben bisher Israel
erreicht, viele andere wurden bei Luftangriffen in Iran noch in ihren
Depots zerstört.
Der deutsche Raketenexperte Fabian Hoffmann hält den Mangel an
Abfangraketen für einen der wichtigsten Gründe für die jüngsten Treffer.
„Raketenabwehr ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung“, sagt der Doktorand am
Oslo Nuclear Project. Bei den ersten iranischen Raketensalven im April 2024
habe Israel noch zwei bis drei Abfangraketen pro einfliegende iranische
Rakete starten können und damit eine Erfolgswahrscheinlichkeit von nahe 100
Prozent erreicht. Nun, da der Iran seit einem Monat täglich feuere, werde
offensichtlich rationiert. Israel dementiert hingegen Berichte über
schwindende Reserven.
## Streubomben werden wohl absichtlich durchgelassen
Cohen sagt, Israel habe als Lehre aus dem Zwölf-Tage-Krieg mit Iran im
vergangenen Jahr begonnen, auch den Iron Dome gegen ballistische Raketen
einzusetzen. Ein Abschuss mit diesem System koste nur rund 100.000 Dollar.
Cohens Unternehmen sei daran beteiligt gewesen. „Wir kommen auch damit auf
etwa eine 80-prozentige Erfolgsrate“, sagt er.
Offen kommuniziert wird die Sparpolitik seitens Israel beim zunehmenden
Einsatz von iranischen Streubomben: Weil diese Raketen, die sich teils weit
vor dem Einschlag in bis zu 100 kleinere Sprengkörper teilen, nur unter
großem Aufwand abfangen lassen, nehme man die Einschläge in Kauf. Die
einzelnen Projektile seien für Schutzräume keine Bedrohung.
Die weit größere Herausforderung sieht Cohen in der technischen
Weiterentwicklung des Regimes in Iran „Sie haben ihre ballistischen Raketen
teils mit Manövrierkapazität versehen.“ Die israelische Abwehr verlasse
sich bei ballistischen Raketen bisher auf Berechenbarkeit. Starte eine
Rakete im Iran, berechne man deren Flugbahn und leite Gegenmaßnahmen ein.
„Wenn die Rakete aber im Flug ihre Bahn nur um ein paar Grad ändert, sinkt
die Effektivität des teuren Abwehrsystems deutlich“, warnt Cohen.
## Manche setzen auf Abschreckung
In Russland und China würde man das sehr genau verfolgen, ebenso wie die
Tatsache, dass die USA und Israel trotz militärischer Übermacht im Iran in
einer Art Sackgasse steckten. [5][Während es dem Regime genüge, zu
überleben] und etwa über die [6][Blockade der Straße von Hormus] Druck
auszuüben, kann sich US-Präsident Donald Trump derzeit kaum zurückziehen,
ohne eine Niederlage einzugestehen. [7][Dann ließe er ein verjüngtes,
radikalisiertes Regime zurück] – das umso motivierter sein dürfte, sein
Raketenprogramm wieder aufzubauen.
„Dass die Iraner im Raketenkrieg bisher trotz ihrer Unterlegenheit
bestehen, ist eine Blaupause für China und Russland, die über ganz andere
Ressourcen verfügen“, sagt Cohen. Das zeige die Notwendigkeit, neue
Generationen von Raketenabwehr zu entwickeln. „Deutschland könnte dabei
eine führende Rolle übernehmen“, sagt Cohen. Mit Blick auf den jüngsten
Entschluss von Volkswagen, künftig auf Raketenabwehr zu setzen.
Der deutsche Experte Hoffmann hingegen plädiert für einen anderen Weg: „Wir
sehen, dass der Fokus auf Abwehrsysteme ein verlorenes Spiel ist“, sagt er.
Europa sollte sich stattdessen darauf konzentrieren, im Fall von groß
angelegten Drohnen- und Raketenangriffen mit offensiven Mitteln zu
reagieren. Und so Abschreckung zu schaffen.
26 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Felix Wellisch
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