# taz.de -- Russische Verbrechen in der Ukraine: Viele kleine Butschas
> Vor vier Jahren massakrierten russische Soldaten Einwohner der Stadt
> Butscha. Russland macht bis heute weiter Jagd auf Zivilisten.
(IMG) Bild: Lichtinstallation beim Gedenken an die Opfer der russischen Massaker in Butscha
Um Punkt 9 Uhr morgens beginnt die Schweigeminute auf dem Friedhof in
Butscha. Eine Minute lang halten die Bewohner der Kyjiwer Vorstadt hier
inne, während der Lautsprecher die Sekunden zählt. Tick, tick, tick. Etwa
hundert Menschen stehen am Montag in einem Kreis vor der grauen
Friedhofskapelle. In ihren Händen halten sie Blumen, Rosen und blau-gelbe
Gestecke.
Die Versammelten sind die Angehörigen von Soldaten aus Butscha, die im
Krieg gegen Russland getötet wurden; oder von Zivilisten, die die russische
Armee während der einmonatigen Besatzung im März 2022 hier massakriert hat.
Viele von ihnen haben [1][die Gräueltaten überlebt], indem sie flohen oder
[2][in ihren Häusern ausharrten]. Ende März jährt sich die Befreiung
Butschas zum vierten Mal – zu diesem Anlass gedenken die Menschen den im
Krieg gefallenen Soldaten.
Svitlana Tschernyakov erlebte zwei Wochen der Besatzung. Am 27. Februar
2022, drei Tage nach Beginn der Vollinvasion, erreichten die russischen
Truppen Butscha. Die Armee begann Männer zu foltern, Frauen zu
vergewaltigen und wahllos auf Menschen zu schießen. Bis in die Ausläufer
der Hauptstadt Kyjiw konnten Russlands Soldaten vordringen.
In Butscha sammelten Leute Leichen von der Straße ein, weil Hunde begannen,
die Kadaver zu fressen, erinnert sich Svitlana im Gespräch mit der taz. Am
9. März habe ihr ältester Sohn Wladyslav sie und ihren jüngsten Sohn mit
dem Auto aus der Stadt Richtung Westen gebracht. „Auf dem Weg aus der Stadt
lagen überall zerschossene Autos und Leichen, es war schrecklich“.
Nach der Rettung sei Wladyslav wieder nach Butscha zurückgekehrt, sagt
Svitlana, um den anderen Leuten zur Flucht zu verhelfen, oder Menschen, die
sich ohne Strom und Wasser in ihren Häusern versteckten, mit dem Nötigsten
zu versorgen. Nach der Befreiung kämpfte ihr Sohn in der ukrainischen
Armee. Ende Dezember 2022 starb er bei Avdiivka, in der Nähe der Stadt
Donezk. Wladyslav, der 2023 sein Finanzstudium beendet hätte, wurde nur 20
Jahre alt.
## Inbegriff der Grausamkeit
Als die ukrainische Armee am 31. März wieder die Kontrolle über Butscha
erlangt hatte, waren dort über 400 Zivilisten gestorben. Die [3][Bilder der
Verbrechen] drangen bald an die Öffentlichkeit und verbreiteten sich
weltweit. Der Name der 40.000-Einwohner-Stadt wurde schnell zum Inbegriff
für die Gräuel der russischen Armee – und eine Warnung für das, was der
ukrainischen Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten drohen würde.
Svitlana ist für den Gedenktag mit ihrer Mutter auf den Friedhof gekommen.
Die 43-Jährige trägt ihre blonden Haare zu einem Zopf nach hinten gebunden.
Ihr Leben sei mittlerweile eintönig geworden. Sie habe zwei Routen: Eine
zum Supermarkt, um Essen zu kaufen, und eine hierhin, ans Grab ihres
Sohnes. In der Stadt selbst ist die Zerstörung noch hier und dort sichtbar.
Doch viele der zerstörten Häuser sind bereits im modernen Neubaustil wieder
aufgebaut.
Viele andere Bewohner von Butscha versuchten mit dem Erlebten abzuschließen
und einfach weiterzuleben, sagt Svitlana. Aber sie schaffe das nicht. „Der
Krieg ist ja auch nicht vorbei. Wir versuchen uns über jede Kleinigkeit zu
freuen. Schon morgen könnte eine Drohne hier einschlagen.“
## Besuche an der Front
Auch Vera Katanenko trauert an diesem Montag um ihren Sohn, Andrij. Er fiel
vor gut zwei Jahren als Soldat der ukrainischen Armee – am 21. Februar
2024, so steht es auf dem Grabstein, der auch Andrijs Gesicht zeigt, mit
einer ukrainischen Flagge im Hintergrund. Als er gekämpft hat, in den
Oblasten Donezk und Dnipropetrowsk, da habe Vera ihn hin und wieder in der
Nähe der Front besucht, erzählt die 66-Jährige.
Auch Andrij sei es während der Besatzung von Butscha gelungen,
Familienangehörige mit dem Auto aus der Stadt zu bringen. Vera selbst aber
wollte in jenem März nicht weg. „Ich wollte in meiner Wohnung bleiben“,
sagt die zierliche Frau. Damals habe sie einen jungen russischen Soldaten
mit einem Raketenwerfer in der Hand auf der Straße gesehen. Sie sei zu ihm
hingegangen und habe ihn gefragt, was er hier mache. „Wir sind gekommen, um
euch Ruhe und Ordnung zu bringen, wie sie bei uns in Russland herrscht“,
habe der Soldat entgegnet.
Auf dem Friedhof in Butscha sind viele Gräber der Gefallenen heute
hergerichtet. Über ihnen wehen ukrainische Flaggen oder die Fahnen ihrer
Regimenter. Doch andere Gräber sind nur provisorisch angelegt: ein
Holzkreuz und ein Erdhügel, aus dem Pflanzen sprießen. Es wirkt, als käme
die Stadt mit dem Ausbau nicht hinterher. Weiter hinten auf dem Friedhof
haben die vor vier Jahren getöteten Zivilisten ihre letzte Ruhe gefunden.
Auf den Grabsteinen und Kreuzen sieht man Frauen, Kinder und sogar ganze
Familien.
Vera Katanenko ist es wichtig, auch über die Gegenwart zu reden. Sie
schlägt vor, dass US-Präsident Donald Trump nicht nur ihre Heimatstadt
besuchen sollte, um sich ein Bild von dem Krieg zu machen, sondern auch die
östlichen Oblaste. Also jene frontnahen Gebiete, in denen die russische
Armee mit kleinen FPV-Drohnen nach wie vor Jagd auf ukrainische Zivilisten
macht. Eine Bekannte im besetzten Teil der Oblast Cherson habe ihr erzählt,
wie ein russischer Soldat sie vergewaltigt habe. „Es ist nicht nur
Butscha“, sagt Vera. „Es gibt viele kleine Butschas“.
Mitarbeit: Daniel Sagradov
31 Mar 2026
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