# taz.de -- Welthungerhilfe über Erdbeben in Myanmar: „Dort überschneiden sich zwei Krisen“
       
       > Vor einem Jahr erschütterte ein schweres Erdbeben Myanmar. Der
       > Wiederaufbau ginge schleppend voran, berichtet Henry Braun von der
       > Welthungerhilfe.
       
 (IMG) Bild: Straßenszene in Mandalay in Myanmar 2025
       
       taz: Wie ist die humanitäre Lage ein Jahr nach dem Erdbeben im Zentrum des
       Landes? 
       
       Henry Braun: Viele Betroffene haben noch nicht in ein stabiles Alltagsleben
       zurückgefunden. [1][Während einige ihre Häuser teilweise reparieren oder
       wieder aufbauen konnten, leben andere weiter in beschädigten oder
       provisorischen Unterkünften]. Dass dazu keine verlässlichen Zahlen
       vorliegen, hängt auch mit der politischen und administrativen
       Fragmentierung des Landes zusammen.
       
       In vielen Gebieten ist die Datenerhebung unter Bürgerkriegsbedingungen nur
       eingeschränkt möglich. Zugleich hat die geringe internationale
       Aufmerksamkeit für Myanmar dazu beigetragen, dass nicht überall so geholfen
       werden konnte, wie es nötig gewesen wäre. Insgesamt ist der humanitäre
       Bedarf weiter hoch, vor allem in Gebieten, die von bewaffneten Konflikten
       betroffen sind. Landesweit leiden 12,4 Millionen Menschen unter
       Ernährungsunsicherheit. 8,5 Millionen sind auf Nahrungsmittelhilfe
       angewiesen.
       
       taz: Wo sehen Sie Erfolge, wo Defizite beim Wiederaufbau? 
       
       Henry Braun: Im Jahr [2][nach dem Beben] konnten die Welthungerhilfe und
       anderen Organisationen 1,7 Millionen Menschen mit lebensrettender Hilfe
       erreichen. Doch kommt der Wiederaufbau nur schleppend und ungleichmäßig
       voran. Viele Familien müssen mehrere Belastungen tragen. Sie haben
       Einkommensquellen verloren, etwa weil Ernten, Werkzeuge, kleine Geschäfte
       oder Gelegenheitsarbeit weggefallen sind. Zugleich müssen sie ihre Häuser
       reparieren oder neu bauen, Haushaltsgegenstände ersetzen und den täglichen
       Bedarf ihrer Familien decken. Das heißt, mit weniger Einkommen höhere
       Ausgaben zu stemmen.
       
       taz: Im Gegensatz zur Zyklon-Katastrophe 2008 hat die Junta 2025 schnell zu
       internationaler Hilfe aufgerufen [3][und sogar einen Waffenstillstand]
       erklärt. Was hat das bewirkt?
       
       Henry Braun: Die anfängliche Öffnung nach dem Beben hat schnelle Nothilfe
       ermöglicht. Für den längerfristigen Wiederaufbau bleiben die Hindernisse
       aber groß. Dazu gehören vor allem der anhaltende Konflikt, begrenzte
       internationale Finanzierung, zerstörte oder unsichere Verkehrswege,
       Treibstoffknappheit und starke Preissteigerungen. All das erschwert nicht
       nur den Wiederaufbau, sondern auch die Versorgung und Mobilität im Alltag.
       
       taz: Wie wirkt sich der Bürgerkrieg auf Ihre Arbeit aus? 
       
       Henry Braun: Er wirkt sich direkt auf unseren Zugang und die Art der Hilfe
       aus. Wo bewaffnete Kämpfe stattfinden, Straßen unsicher sind oder
       Luftangriffe und Beschuss drohen, können wir nicht einfach Teams
       hineinschicken. Das betrifft direkt die Versorgung der Menschen etwa mit
       Lebensmitteln, Trinkwasser oder mobiler Hilfe. Dies erfordert sorgfältige
       Koordination und Einbindung lokaler Netzwerke.
       
       Können Sie in Gebieten unter Kontrolle des Militärs und der Rebellen
       gleichermaßen helfen? 
       
       Humanitäre Hilfe sollte sich am Prinzip der Neutralität orientieren, also
       dass wir Menschen allein auf Grundlage ihrer Not erreichen wollen. Doch
       haben wir es in Myanmar nicht mit einer klaren Frontlinie zwischen zwei
       Konfliktparteien zu tun, sondern es gibt viele unterschiedliche bewaffnete
       Akteure, lokale Machtverhältnisse und ständig wechselnde Einflusszonen.
       Manche Gebiete stehen unter der klaren Kontrolle einer Gruppe, andere sind
       umkämpft, wieder andere weitgehend abgeschottet oder nur über lokale
       Vereinbarungen zugänglich.
       
       Deshalb braucht jeder Einsatzort eine genaue Kontextanalyse und einen
       eigenen Hilfsansatz. Der Zugang ist nicht überall gleich möglich. In
       Einzelfällen mussten Aktivitäten verschoben, angepasst oder über andere,
       sicher erreichbare Orte organisiert werden. Wir stimmen uns dann mit
       anderen Organisationen ab, damit verfügbare Hilfsgüter möglichst dort
       eingesetzt werden, wo der Bedarf ebenfalls hoch und Hilfe praktisch
       umsetzbar ist. Doch gibt es unter diesen Bedingungen auch immer
       unterversorgte Gemeinden.
       
       taz: Wie gehen Sie damit um, dass es neben den laut UNHCR 17 Millionen
       Erdbebenbetroffenen auch 3,6 Millionen Binnenvertriebene gibt, die auch
       Hilfe benötigen? 
       
       Henry Braun: Wir machen grundsätzlich keinen Unterschied zwischen
       Erdbebenopfern und Menschen, die durch den Bürgerkrieg in Not geraten sind.
       In Myanmar überschneiden sich diese Krisen. Deshalb priorisieren wir nicht
       nach starren Kategorien, sondern nach Verwundbarkeit, Dringlichkeit und
       Unterstützungsbedarf. Die größte Herausforderung ist, dass der Bedarf sehr
       hoch ist, die Ressourcen aber begrenzt sind.
       
       taz: Wie wirken sich die derzeitigen Kriege und Krisen in Nahost, der
       Ukraine und Sudan auf die humanitäre Hilfe für Myanmar aus? 
       
       Henry Braun: Die größten Auswirkungen sind indirekt. Die Krisen in der
       Ukraine und in Sudan binden sehr große humanitäre Budgets und politische
       Aufmerksamkeit, die Eskalation in Nahost erhöht jetzt auch noch
       Betriebskosten, Treibstoffpreise und verschärft die Risiken in den
       Lieferketten. Für Myanmar heißt das: weniger planbare Mittel, mehr
       Priorisierung, teurere Umsetzung und – international weniger Beachtung,
       obwohl der Bedarf weiter sehr hoch ist. Oft wird Hilfe international jetzt
       stärker nach politischen Prioritäten verteilt.
       
       26 Mar 2026
       
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