# taz.de -- Massenamnestie der Militärregierung: Myanmars Ex-Präsident frei
> Aus Anlass des burmesischen Neujahrsfestes werden 4.355 Gefangene
> begnadigt und alle Todesurteile in lebenslängliche Haft umgewandelt.
> Gerüchte um Aung San Suu Kyi.
(IMG) Bild: Auch Myanmars bekannte Filmemacherin Shin Daewe ist am Freitag aus Yangons Insein-Gefängnis entlassen worden
Die von Ex-Generälen dominierte neue Regierung Myanmars hat am Freitag im
Zuge einer weiteren Massenamnestie die Freilassung Tausender Gefangener
angekündigt. Als einer der ersten kam der frühere Staatspräsident Win Myint
frei. Exilmedien zeigten Fotos des 74-Jährigen im Kreis seiner Familie. Er
war nach als fabriziert geltenden Korruptionsvorwürfen zu neuneinhalb
Jahren Haft verurteilt worden.
Win Myint war von März 2018 bis zum [1][Militärputsch am 1. Februar 2021]
Staatspräsident und galt als Vertrauter der Friedensnobelpreisträgerin Aung
San Suu Kyi. Er stand stets in ihrem Schatten und wurde vor allem deshalb
Staatsoberhaupt, weil die vom Militär geschriebene Verfassung ihr die
Präsidentschaft verbot. Laut Staatsmedien wurde die Haftstrafe von 27
Jahren der inzwischen 80-jährigen Politikone, die vor dem Putsch
inoffiziell Regierungschefin war, jetzt um 4,5 Jahe reduziert.
Der international bekannte politische Kommentaror Khin Zaw Win, der nach
dem Putsch im Land blieb und selbst ein ehemaliger politischer Gefangener
der vorangegangen Junta war, kommentierte auf [2][Facebook], die
entscheidende Frage sei jetzt, was Win Myint tun kann, um Myanmars
derzeitige Notlage zu lindern. „Als ehemaliger Präsident lastet eine große
Verantwortung auf ihm. Das Beste, was er tun kann, ist, seinen eigenen Weg
zu gehen, ohne Rücksicht auf Aung San Suu Kyi zu nehmen. Aber ich bezweifle
das“, so der Kommentator.
Unklar blieb am Freitag, ob Aung San Suu Kyi noch in den Hausarrest
überstellt wird. Entsprechende Gerüchte kursierten am Freitag. Anders als
unter der Vorgängerjunta hatte die bisherige Militärregierung die
prominente Gefangene nach dem Putsch 2021 vollständig von der
Öffentlichkeit abgeschirmt. Auch ihre Anwälte hatten einen effektiven
Maulkorb bekommen. [3][Mutmaßlich sitzt sie in der Hauptstadt Naypyidaw in
Isolationshaft].
## Sohn: Betet für Aung San Suu Kyi
Immer wieder gibt es Gerüchte über Aung San Suu Kyis Gesundheitszustand.
Ihr in Großbritannien lebender jüngster Sohn Kim Aris, der seit Jahren
keinen Kontakt mehr zu ihr hat, hatte erst vor drei Tagen die Bevölkerung
Myanmars aufgefordert, aus Anlass des Neujahrsfestes für seine Mutter zu
beten.
Als Teil der Amnestie wurden jetzt laut Regierung auch alle Todesurteile in
lebenslängliche Haftstrafen umgewandelt. Das Militär hatte nach dem Putsch
die nicht mehr praktizierte Todesstrafe reaktiviert und auch Dissidenten
hingerichtet. Die Zahl der zum Tode verurteilten Personen wurde von der UNO
im Jahr 2022 auf 130 geschätzt. Im Mai 2023 waren erstmal 38 Todesurteile
in lebenslänglich umgewandelt worden.
Jetzt wurden auch alle Haftstrafen unter 40 Jahren um ein Sechstel
verkürzt. Wie viele politische Gefangene unter denjenigen sind, die jetzt
freikommen sollen, blieb zunächst unklar. Doch ist unter den Entlassenen
[4][auch die prominente Dokumentarfilmerin Shin Daewe].
Die inzwischen 53-Jährige war 2024 zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Zuvor war bei ihr bei einer Razzia eine Drohne gefunden worden. Diese
brauchte sie nach eigenen Angaben für Filmaufnahmen, das Gericht wertete
den Besitz einer Drohne jedoch als „Unterstützung des Terrorismus“.
## Amnestien als Imagepolitur
Anlass der jetzigen Amnestie ist Thingyan, das traditionelle Fest zum
Neujahr, [5][das oft mit Amnestien verbunden wird]. So hatte etwa auch Win
Myint als gerade neuer Präsident 2018 zu Thingyan 8.500 Gefangene
amnestiert.
Doch jetzt war es bereits [6][die dritte Massenamnestie seit Anfang
Dezember]. Das Militär des Bürgerkriegslandes will sich damit offenbar
versöhnlich präsentieren, ohne letztlich Macht abzugeben oder auch nur die
Bombardierungen als widerständisch geltender Regionen zu reduzieren. Auch
gilt jetzt, dass wer von den Freigelassenen künftig bei Protesten erwischt
wird, die jetzt erlassene Reststrafe wieder aufgebrummt bekommt.
Von Ende Dezember bis Ende Januar hatte es Scheinwahlen gegeben, bei denen
nur vom Militär zugelassene Parteien antreten durften. Die Wahl gewann
erwartungsgemäß die von Ex-Militärs gegründete und dominierte Union
Solidarity and Development Party (USDP) deutlich. Diese stellt jetzt in
beiden Kammern die größte Fraktion, doch sind laut Verfassung dort ohnehin
ein Viertel der Sitze Militärs vorbehalten.
## Ex-Armeechef jetzt Präsident
Vor einer Woche hatte das Scheinparlament den Putschführer und bisherigen
Armeechef [7][Min Aung Hlaing zum Präsidenten gewählt]. Der 69-jährige
General, der bis dahin in Uniform diktatorisch regierte, herrscht jetzt in
zivil.
In den letzten Monaten konnte das Militär den Widerstand verschiedener
ethnischer und prodemokratischer Milizen schwächen. Zum Teil gelang dies
wegen deren partieller Spaltung und weil die Junta, im Unterschied zu den
Rebellen, ausländische Unterstützung bekommt, vor allem aus Russland,
Indien und China.
Das Militär hofft jetzt, durch den zivilen Anstrich der Regierung, wie den
versöhnlich aussehenden Amnestien, auf mehr Anerkennung im Ausland, vor
allem bei den südostasiatischen Nachbarstaaten. Bei diesen scheint die
Bereitschaft, die Isolation der Militärregierung fortzusetzen, langsam zu
bröckeln.
Seit dem Putsch befindet sich Myanmar in einer schweren politischen,
wirtschaftlichen und humanitären Krise, deren Überwindung nicht einmal
ansatzweise in Sicht ist.
17 Apr 2026
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## AUTOREN
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