# taz.de -- Myanmar nach dem Militärputsch: Die verschwundenen jungen Männer von Yangon
> Fünf Jahre nach dem Putsch sitzen weiterhin Tausende in den Gefängnissen
> der Diktatur. Im Stadtbild der Metropole Yangon sind die Folgen deutlich
> sichtbar.
(IMG) Bild: Angehörige warten Anfang Januar an einer Absperrung vor Yangons berüchtigten Gefängnis Insein auf die Freilassung ihrer Liebsten
„Die meisten meiner jungen Freunde haben zu meiner Überraschung nicht mehr
in Yangon gelebt, als ich aus dem Gefängnis kam“, sagt Su. Ihr Name ist wie
der alle anderen in diesem Text geändert. Su war einige Monate nach dem
Militärputsch in Myanmar vom 1. Februar 2021 inhaftiert worden.
Anfang Februar dieses Jahres ist sie nach mehr als vier Jahren Gefängnis
[1][aus der Haft entlassen] worden. Ihre männlichen Freunde leben längst
entweder in Myanmars Grenzregionen unter Kontrolle bewaffneter
Widerstandsgruppen oder sind als Arbeitsmigranten nach Thailand, Japan oder
Singapur gezogen.
Myanmars Hafenmetropole Yangon (früher Rangun) ist eigentlich immer voll
mit Menschen gewesen, die aus dem Hinterland zugezogen sind. Denn die
größte Stadt des Landes hat immer junge Menschen angezogen, die hier ihre
Träume verwirklichen wollten. Doch fünf Jahre nach dem Staatsstreich ist
Yangon längst nicht mehr wie früher.
Statt vieler junger Leute sind jetzt viele Polizisten und Soldaten zu
sehen. Sie machen Patrouillenfahrten und sind jederzeit bereit, irgendwo
einzugreifen. Früher war auch das bunte Nachtleben ein Merkmal Yangons.
Doch mit dem Militärputsch und der Verhängung des Kriegsrechts zwei Monate
später wurde den jungen Menschen das Nachtleben genommen. Das verschärfte
sich noch, [2][als die Junta im Februar 2024 die Wehrpflicht einführte].
## Junge Männer werden zwangsrekrutiert
„Mein Neffe wurde zusammen mit zwei Freunden von Uniformierten in einen
privaten Kleinbus gezerrt und unter Androhung von Gewalt entführt“,
berichtet Ma Cho, die am Stadtrand in South Dagon Myothit lebt. Der gerade
erst 18-jährige Kyaw sei mit seinen Freunden im April 2025 gegen 5.30 Uhr
morgens von der Nachtschicht in einer Textilfabrik kommend an eine Straße
entlang gegangen. Kyaw hatte als einziger in seiner Familie einen Job und
sorgte damit für deren gesamten Lebensunterhalt.
Vier Monate später bekam seine Tante einen Anruf aus dem nördlichen
Shan-Staat, damals eine der umkämpftesten Regionen des Landes. Es war Kyaw.
Er erzählte, er werde an vorderster Front zur Bewachung eines
Militärpostens eingesetzt. „Mir geht es gut“, sagte er nur. Seitdem hat die
Tante nie wieder etwas von ihm gehört.
Seine Geschichte ist typisch für junge Birmesen, die – zum Teil vom Militär
für den Wehrdienst zwangsrekrutiert – nach dreimonatiger Grundausbildung an
die Front geschickt werden. Berichten zufolge verlieren viele in den zwei
Jahren des für Männer im Alter von 18 bis 35 und für Frauen von 18 bis 27
Jahren obligatorischen Wehrdienstes ihre Familie aus den Augen oder sterben
auf dem Schlachtfeld.
Manchen gelingt es, sich nach tagelangen Verhören für umgerechnet 2.000
Dollar freizukaufen. Andere schließen sich auch dem bewaffneten Widerstand
der sogenannten Volksverteidigungskräfte an, um gegen die Militärdiktatur
zu kämpfen.
## Braindrain ins Ausland
Aber die meisten jungen Menschen wollen lieber das Land verlassen und im
Ausland arbeiten. Dieser Braindrain führt mit dazu, dass die Probleme von
Myanmars ohnehin angeschlagener Wirtschaft weiter wachsen.
Lag der Wechselkurs zum Dollar im Jahr 2021 noch bei 137 Kyat, sind es
heute 4.000 trotz strenger Devisenbewirtschaftung durch die Junta. Die
strenge Überwachung des internationalen Zahlungsverkehrs erschwert den Im-
und Export von Gütern. Die Inflation hat sich inzwischen verdreifacht, die
Einkommen der Bevölkerung aber bei Weitem nicht.
„In den letzten Jahren ist mein Geschäft für Baumwollkleidung zum Erliegen
gekommen. Denn die Menschen geben kaum noch Geld für nicht unbedingt
lebensnotwendige Güter wie Kleidung aus“, sagt einer der Straßenverkäufer,
der seit Jahren Kleidung auf dem Nachtmarkt Kyee Myint Dine in Yangon
verkauft. Kleidung hat für die Menschen im Vergleich zu
Grundnahrungsmitteln keine Priorität.
Bei den jüngsten [3][Parlamentswahlen, die international als Scheinwahlen
kritisiert wurden,] haben Tausende mit Boykotten ihren Widerstand
gezeigten. Doch Daw Aye hat ihre Stimme abgegeben. „Meine Tochter ist im
Gefängnis, weil sie nach dem Antiterrorgesetz zu zehn Jahren Zwangsarbeit
verurteilt wurde. Wenn ich nicht gewählt hätte, könnte ihr im Gefängnis
vielleicht etwas zustoßen. Denn sie ist jetzt ‚in ihren Händen‘“, erklärt
Daw Aye, und meint damit das Militärregime.
Die Junta klagt Menschen, die den Volksverteidigungskräften des bewaffneten
Widerstands und der Untergrundregierung der Nationalen Einheit spenden, als
„Unterstützer des Terrorismus“ an. Daw Aye sorgt sich um ihre Tochter, wenn
sie auf Facebook, Tiktok und Telegram von den Menschenrechtsverletzungen in
den Gefängnissen hört. Aus Angst vor der Überwachung postet sie dazu keinen
einzigen kritischen Kommentar. Denn die Behörden spüren die Autoren auf und
lassen sie festnehmen, wenn sie die Junta oder die Armee kritisieren.
La Pyae ist das Pseudonym einer Person, die kürzlich nach mehr als vier
Jahren politischer Gefangenschaft freigelassen wurde.
12 Feb 2026
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