# taz.de -- Magdalenen-Wäschereien in Irland: „Wir waren Sklavinnen“
> Mary Merritt wuchs unter Nonnen auf. Sie wurde eingesperrt und
> ausgebeutet, mit anderen Frauen, die als ausgestoßen galten. Das hatte
> System.
(IMG) Bild: Hier gedenkt Mary Merritt mit Überlebenden der Magdalenen-Wäscherei an deren Opfer
Der Raum ist kaum größer als eine Telefonzelle. Es ist dunkel, nur ein
kleines, elektrisches [1][Kreuz] eines Heiligen-Herz-Bildes leuchtet rot.
Aus einem leeren Bildschirm ertönte eine Frauenstimme. Sie gehört Mary
Merritt, sie erzählt die Geschichte ihres Lebens. Es ist keine schöne
Geschichte.
Bevor man sie hören darf, muss man in der Bibliothek des Little Museum am
[2][Dubliner] St. Stephen’s Green ein Formular unterschreiben: „Ich bin
über 18 Jahre alt. Ich bin mir bewusst, dass diese Installation eine
Geschichte erzählt, die manche Menschen als sehr verstörend empfinden. Ich
leide nicht unter Klaustrophobie oder anderen Beschwerden, die mich daran
hindern könnten, einen kleinen, dunklen Raum zu betreten. Ich betrete die
Installation aus freiem Willen.“
Dann drückt einem der Museums-Kurator Daryl Hendley Rooney einen
abgenutzten braunen Ledergürtel in die Hand. Was es damit auf sich hat,
erfährt man später. Man wird in den kleinen Raum geführt und setzt sich auf
einen Holzstuhl. Für die nächsten 16 Minuten ist man allein mit Mary
Merritts Stimme. „Du kannst jederzeit gehen“, so beginnt sie ihre
Geschichte, und so heißt auch die Installation. Manchmal leuchtet kurz ein
Foto aus Marys Vergangenheit auf, zum Beispiel von ihrer Tochter Carmel,
die ihr nach der [3][Geburt] weggenommen wurde und die sie erst 38 Jahre
später wiedergesehen hat.
## „Bis heute weiß ich nicht, wer meine Mutter ist“
Doch der Reihe nach. Geboren wurde Merritt als Mary O’Conor in einem
Arbeitshaus in Dublin. Im Alter von zwei Jahren kam sie in ein Waisenhaus
der Sisters of Mercy in Ballinasloe in der Grafschaft Galway. „Bis heute
weiß ich nicht, wer meine Mutter ist“, erzählt sie. Mary hatte wiederholt
versucht, es herauszufinden, aber niemand konnte ihr etwas über ihre
Herkunft sagen.
„Wenn ich im Alter von zwei Jahren in eine Industrieschule geschickt wurde
und unter Vormundschaft stand, dachte ich, müssten die Gerichte doch etwas
haben.“ Sie gab den [4][Nonnen] alle Namen der Kinder, die mit ihr in der
Industrieschule waren. „Keiner dieser Namen war in den Büchern der Kirche
für unsere Erstkommunion zu finden. Aber ich erinnere mich daran, als wäre
es gestern gewesen.“
## Spezielle Schulen für verwaiste oder vernachlässtigte Kinder
Später schickte man sie auf eine „Industrial School“, aber unterrichtet
wurde sie nicht. Industrieschulen waren Internate für vernachlässigte,
verlassene oder verwaiste Kinder. Sie wurden meist von religiösen Orden
geleitet und fungierten auch als Strafanstalten für jugendliche Straftäter.
Ab ihrem zehnten Lebensjahr musste Mary auf dem Bauernhof des Klosters
arbeiten: „Ich musste 270 Hühner füttern und jeden Tag die Hühnerställe
ausmisten. Ich musste zur Molkerei gehen und eine halbe Meile mit zwei
Eimern Kartoffeln für das Kloster laufen. Ich musste drei Flure im Kloster
schrubben. Ich musste jeden Tag zwei Eimer Trinkwasser für die Nonnen von
der Pumpe holen.“
Sie wurde oft geschlagen – als Strafe für kleinere Vergehen, die man ihr
unterstellte. „Ich habe mich immer gewehrt“, sagt sie. „Schon als Kind war
ich rebellisch.“ Einmal schlug eine Nonne ohne Grund mit dem Ledergürtel
auf ihre Hüften und den Rücken, die Narben trug sie ihr Leben lang.
Mit 16, erzählt Mary, schlich sie sich mit vier anderen Mädchen eines
Nachts hinaus und klaute ein paar Äpfel aus dem benachbarten Obstgarten. Am
nächsten Morgen befahlen ihr die Nonnen, sie solle ihre Sachen packen: „Du
wirst nach Dublin gebracht.“ Sie wurde in einen Zug gesetzt, flankiert von
zwei Nonnen in voller Tracht. Es war der 7. Januar 1947, der kälteste
Winter seit Menschengedenken. In Dublin wartete ein Taxi auf sie.
Es brachte sie zum High Park in Drumcondra im Norden der Stadt, einer
Magdalenen-Wäscherei, die 100 Jahre zuvor als Schule für Frauen gebaut
worden war. „Wir wären besser dran gewesen, wenn wir ins Gefängnis gekommen
wären“, sagt sie. „Dann hätten wir wenigstens gewusst, wann wir wieder
herauskommen, und wir hätten ein bisschen Geld bekommen. Aber wir haben nie
einen Penny gesehen.“ Die Nonnen gaben ihr den Namen „Attracta 63“.
## Hartes leben im Kloster
Die Arbeitsbedingungen waren hart. „Wir standen morgens um 6 Uhr auf, um
zur Messe zu gehen“, erzählt sie. „Dann bekamen wir ein kleines Frühstück,
ein bisschen Haferbrei, gingen hinunter in die Wäscherei und arbeiteten
dort bis 12 Uhr. Mittags gab es Kohl und Kartoffeln, danach gingen wir
wieder in die Wäscherei und arbeiteten dort bis sieben Uhr.“ Sie wuschen
die Wäsche für das Justizministerium und den Palast des Präsidenten, für
Hotels und Krankenhäuser, für Internate und Colleges. „Wir waren
Sklavinnen“, sagt sie.
Ähnliche Wäschereien gab es überall in Irland. Sie sind nach der biblischen
Figur Maria Magdalena benannt, angeblich eine reuige Prostituierte, was sie
zur Schutzpatronin für „gefallene Frauen“ machte. Diese Einrichtungen, in
denen seit Gründung des Staates im Jahr 1922 rund 10.000 Frauen eingesperrt
waren, wurden als kommerzielle, unbezahlte Arbeitshäuser für Frauen
betrieben, die als sozial ausgestoßen galten. Die letzte dieser
Einrichtungen wurde erst vor 30 Jahren geschlossen.
1993 hatten die Schwestern von Our Lady of Charity – Eigentümerinnen und
Betreiberinnen der Wäscherei in High Park – Geld bei Aktiengeschäften an
der Börse verloren. Um ihre Verluste zu decken, verkauften sie einen Teil
des Grundstücks ihres Klosters an einen Immobilienmakler für 1,5 Millionen
Pfund. Dabei wurden 133 unmarkierte Gräber entdeckt. Nur für 75 Leichen
lagen Sterbeurkunden vor, „obwohl es in diesem Staat eine Straftat ist,
einen Todesfall, der sich auf dem eigenen Grundstück ereignet, nicht zu
melden“, hieß es in einem Bericht der Irish Times.
Einmal gelang es Mary, aus High Park zu fliehen. Sie fragte einen Fremden
auf der Straße, wo sie einen Priester finden könnte. Der würde ihr helfen,
hoffte sie. Der Fremde schickte sie zum Palast des Erzbischofs. In einem
Nebenraum voller Heiligenbilder gab ihr ein Priester eine Tasse Tee und
vergewaltigte sie. Danach rief er die Polizei und ließ das verstörte
Mädchen zurück in die Magdalenen-Wäscherei High Park bringen.
## Bis zum 31. Lebensjahr immer in Einrichtungen gewesen
Zwei Monate später stellte sie fest, dass sie schwanger war. Man steckte
sie in eins der berüchtigten katholischen Mutter-Kind-Heime, in denen
unverheiratete Frauen ihre Kinder zur Welt brachten, bevor man sie ihnen
wegnahm und ins Ausland verkaufte. Mary sah ihr Baby nur einmal. Fast 40
Jahre lang sollte sie ihre Tochter nicht wiedersehen. Zurück in der
Wäscherei bestrafte man sie für ihren „Fehltritt“. Sie schnitten ihr die
Haare ab, sperrten sie in einen Raum ohne Fenster und ohne Essen, und sie
musste den Boden küssen und sich vor allen entschuldigen.
Als sie 1969 endlich von den Nonnen entlassen wurde, wusste sie nicht,
wohin sie gehen sollte. „Ich kannte die Stadt Dublin überhaupt nicht“, sagt
sie. „Ich wusste nicht einmal, dass Dublin existierte.“ Als sie verängstigt
und ohne Bleibe auf einer Bank in Drumcondra saß, hatte sie zum ersten Mal
in ihrem Leben Glück. Eine Frau Cronin sah sie, nahm sie vorübergehend bei
sich auf und besorgte ihr eine Wohnung und einen Job. Mary war 31 Jahre alt
und hatte ihr ganzes Leben in Einrichtungen verbracht.
Sie bekam eine Anstellung in einer Wäscherei in Dublins Hauptstraße, der
O’Connell Street. „Ich kannte mich mit Wäsche aus“, sagt sie. „Das war das
einzige, das ich konnte.“ Und nun wurde sie anständig dafür bezahlt. Aber
eines Abends kamen zwei Polizeibeamte in die Wäscherei und sagten, dass
jemand in der Nacht zuvor versucht hatte, die Magdalenen-Wäscherei High
Park niederzubrennen. Sie glaubten, dass es Mary gewesen sei. Ihr
Arbeitgeber bezeugte jedoch, dass sie zum fraglichen Zeitpunkt gearbeitet
hatte.
Mary beschloss nach diesem Erlebnis, Irland zu verlassen, da sie sich nie
sicher fühlen würde. Sie konnte weder lesen noch schreiben, aber sie ging
nach London und nahm auf Vermittlung ihres Chefs eine Stelle in einer
Filiale der Wäscherei an. Dort lernte sie Bill Merritt kennen, einen
Soldaten der Royal Marines, der die Waschmaschinen bediente. Sie heirateten
1969.
## Papst sprach nur eine Menge Müll
2018 wurden Mary und die anderen Überlebenden der Magdalenen-Wäschereien
vom damaligen Präsidenten Michael D. Higgins in seine Residenz eingeladen,
sie erhielten eine Entschuldigung und eine Entschädigung. Aber was sie sich
am meisten wünschte, war eine Entschuldigung von der Institution, die ihre
Versklavung sanktioniert hatte.
Zum Schluss der Installation im Little Museum erscheint Mary Merritt auf
dem bis dahin dunklen Bildschirm – eine resolute Frau, die ihr Leben lang
gekämpft hat, um das Leiden der Magdalenen-Frauen bekannt zu machen. Sie
hatte ihre Hoffnung auf den Besuch von Papst Franziskus in Dublin gesetzt.
„Aber er hat nur über die Familie gesprochen“, sagt sie. „Kein Wort über
die Magdalenen-Frauen, nur eine Menge Müll.“
Mary hat die Entschuldigung nie erhalten. Die Installation „Du kannst
jederzeit gehen“ ist Mitte Januar eröffnet worden. An dem Tag wurde Mary
Merritt in London beerdigt, sie war eine Woche zuvor gestorben. Man hatte
gehofft, dass sie noch einmal nach Dublin reisen könnte, wenn die
Installation eröffnet würde. Nur eine einzige Person kann diese
Installation pro Tag besuchen.
Der Kurator Daryl Hendley Rooney sagt: „Es ist auch für unsere Mitarbeiter
sehr emotional, weil man nie weiß, wie Besucher reagieren.“ Nachdem Mary
Merritt ihre Geschichte zu Ende erzählt hat, darf man zehn Minuten für sich
allein in der Bibliothek sitzen, um diese Geschichte zu verdauen.
„Ich spreche immer noch meine Gebete am Abend, und ich glaube, dass mir
diese kleine religiöse Gewohnheit auf meinem Weg geholfen hat“, sind ihre
letzten Worte. „Und ich danke Gott immer noch für das, was ich heute habe,
und dafür, dass er mich durch alles hindurchgebracht hat, was ich
durchgemacht habe.“
11 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ralf Sotscheck
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