# taz.de -- Nonnen beim Skaten: Ave Halfpipe
       
       > Plötzlich sind sie überall: Nonnen! Woher die neue Faszination kommt und
       > was sie über uns aussagt.
       
 (IMG) Bild: Auch Nonnen fahren gerne Rollschuh: hier in der Opernperformance „Sancta“
       
       Es taucht gerade wieder vermehrt eine Figur in der Popkultur auf, von der
       man eigentlich gedacht hätte, dass sie aus der Mode gekommen ist: die
       Nonne. Sprachen wir 2024 noch vom rebellischen „Brat Summer“, zu dem Charli
       XCX mit ihrem Album „Brat“ (Göre) inspiriert hatte, wenden sich jetzt viele
       Künstler*innen der Nonne zu.
       
       Jüngstes Beispiel ist die katalanische [1][Sängerin Rosalía], die gerade
       erst ein ganzes Album über Transzendenz veröffentlicht hat. Auf dem Cover
       von „Lux“ (Licht) ist sie als Novizin mit blütenweißer Nonnenhaube
       abgebildet. Die Arme hält sie fest um den eigenen Körper geschlungen, der
       zugleich von einer Art Zwangsjacke fixiert wird.
       
       Huch, ist Rosalía, die gerne Motorrad fährt, für das Recht auf Abtreibung
       ist und als feministische Popikone gilt, hier etwa vom rechten Pfad
       abgekommen? Oder deutet ihre Verkleidung als Nonne auf etwas anderes hin?
       
       Auch Lily Allen zeigt sich im Nonnenkostüm zu ihrem neuen Song „Pussy
       Palace“. Der handelt davon, wie sie in die Zweitwohnung ihres Partners
       kommt und herausfindet, dass er die nicht zum Sport machen nutzt, sondern
       zum Vögeln.
       
       ## Nonne auf einem Barhocker
       
       Im dazugehörigen Artwork sieht man Allen, wie sie im Nonnengewand auf einem
       Barhocker sitzt. Ihr Rock fällt zur Seite und gibt den Blick frei auf
       transparente Nylonstrümpfe. Allen guckt mit schwer zu deutendem
       Gesichtsausdruck in die Kamera und raucht eine Zigarette. Was will sie uns
       damit sagen?
       
       Nonnen waren schon immer eine beliebte Projektionsfläche. Es gibt die
       strenge, unerbittliche, mitunter brutale Nonne, wie sie in Filmen wie „Die
       unbarmherzigen Schwestern“ vorkommt. Die herzensgute Fake-Nonne, die den
       Klosterchor zu neuem Leben erweckt: Siehe Whoopi Goldberg in „Sister Act“.
       Oder die „Coming of Age“-Nonne, wie in der „Geschichte einer Nonne“ mit
       Audrey Hepburn oder in „Los Domingos“, der beim Filmfestival in San
       Sebastián gerade erst mit der Goldenen Muschel ausgezeichnet wurde.
       
       Und haben Sie im vergangenen Herbst zufällig die skurrilen Proteste vor der
       Staatsoper Stuttgart und der Berliner Volksbühne mitbekommen, zu denen
       christliche Fundamentalisten aufgerufen hatten, um gegen Florentina
       Holzingers skandalumwitterte Opernaufführung [2][„Sancta“] vorzugehen?
       
       Stein des Anstoßes war, dass die Oper von einem sexuellen
       Erweckungserlebnis einer Nonne handelt. Das wird in der Vorlage von
       Komponist Paul Hindemith zwar sofort geahndet, die Ordensschwestern mauern
       Sancta Susanna ein. In Holzingers Performance aber wird sie tausendfach
       befreit: Durch Live-Sex an der Kletterwand, halsbrecherische
       Rollschuh-Stunts auf der Halfpipe, Screaming-Gesänge und den Auftritt
       [3][einer lesbischen Päpstin].
       
       Schnell wird klar: In dieser mehrfach ausgezeichneten Performance geht es
       nicht nur um die Kritik an der katholischen Kirche, sondern auch um
       sexuelle Selbstbestimmung. Und um – hier wird es jetzt interessant – das
       Recht auf eine eigene Spiritualität jenseits des von Männern erschaffenen
       Macht- und Möglichkeitsraums.
       
       Denn bekanntermaßen werden Frauen und Queers insbesondere in religiösen
       Zusammenhängen bis heute unterdrückt, versklavt, erniedrigt. Nicht überall,
       aber jede große Weltreligion lässt es zu, dass in ihrem Namen unsägliche
       Dinge geschehen.
       
       ## Yoga, Meditation, Gebet, Skaten
       
       Dabei ist Spiritualität viel zu wichtig, um sie sich von ein paar Mackern
       kaputt machen zu lassen. Gerade in krisenhaften Zeiten bietet die innere
       Einkehr für viele einen Zufluchtsort. Sei es beim gemeinsamen „Om“ auf der
       Yogamatte oder beim Gebet in der Moschee, beim schamanischen Kakaoritual
       oder bei einer Meditation, beim Besuch in einer Synagoge oder Kathedrale.
       Doch muss man deshalb gleich zur Nonne werden?
       
       Die Pluspunkte: Schwesternschaft, Entschleunigung, die Abkehr von
       Schönheits- und Selbstoptimierungswahn – eigentlich gar nicht so übel,
       oder? Die Ära des Boyfriends ist ja eh vorbei, wenn man den Prognosen
       einiger Influencerinnen trauen darf. Letztlich ist die Wiederkehr der Nonne
       in den Künsten aber kein Aufruf, ins Kloster zu gehen, sondern ein Symbol
       für die Verbindung mit etwas Größerem, die in uns ebenso Platz haben darf
       wie alles andere.
       
       11 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://youtu.be/htQBS2Ikz6c?si=AWDaeArsRqLH_C5i
 (DIR) [2] /Florentina-Holzinger-inszeniert-Sancta/!6011620
 (DIR) [3] /Zeit-Debatte-ueber-Linke/!6108899
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Fastabend
       
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