# taz.de -- Thailändische Spezialitäten: „Wie, du magst keine Ameiseneier?“
       
       > Wer in Thailand Omelett isst, kommt womöglich mit dem Kaviar des
       > Dschungels in Berührung. Unser Autor ist skeptisch.
       
 (IMG) Bild: Omelett mit Ameiseneiern – eine Delikatesse
       
       Als die Eier in meinem Mund platzen, verziehe ich keine Miene, schließlich
       will ich ein guter Gast sein. Eingebacken in ein Omelett liegen sie vor
       mir. Ich hielt sie zunächst für Nüsse, Cashews vielleicht, oder irgendein
       lokales Superfood, das mir später als heilsam für Leber, Libido oder
       Langlebigkeit verkauft werden würde. Aber es sind Ameiseneier. Ich weiß,
       Ekel ist ein Luxusproblem, aber Probleme sind Probleme.
       
       Mit meinem Kumpel Jan bin ich zu Besuch bei dessen Vater in [1][Chiang Rai
       im Norden von Thailand]. Wir hängen in seiner Villa herum. Morgens kühle
       ich mich im Pool ab, drei Mal am Tag wird gekocht, der Kühlschrank ist ein
       Bierbrunnen, und am Handgelenk des Hauseigentümers tickt eine Uhr, teurer
       als alle Autos zusammen, die ich jemals besessen habe. Ich bin zu Gast in
       dieser mir fremden Welt und sitze nun vor einem mir noch unbekannten Essen.
       
       Das Omelett glänzt vor Öl. Es ist goldgelb, innen weich und voll mit diesen
       weißen glitschigen Perlen, die nicht klein genug sind, um sie zu
       ignorieren. Ich stochere eine heraus, lege sie mir auf die Zunge und beiße
       langsam drauf, bis sie zerploppt. Geschmacklich ist es eher eine
       philosophische Erfahrung, es schmeckt nach glibberigem Nichts mit ein
       bisschen Säure. In dem Moment musste ich an einen Satz denken, den mir ein
       Koch aus Stuttgart mal mitgab: „Esse Se Hirnsupp, man soll immer des essa,
       was man net kennt und net hat!“
       
       „Jan“, frage ich und versuche mein Interesse natürlicher klingen zu lassen,
       als es ist, „was ist das eigentlich?“ – Er zuckt mit den Schultern.
       „Bestimmt irgendwas Komisches. Ameiseneier oder so.“ Er sagt das, als ob er
       einen Witz macht. – Tathsanee, die Frau von Jans Vater, kann kaum Deutsch,
       aber offenbar hat sie das entscheidende Wort verstanden. Sie blickt auf
       meinen Teller und nickt freundlich: „Eggs of ants.“ – Jan glaubt der
       Situation nicht. „Das hab’ ich nur aus Scheiß gesagt!“, ruft er. Das
       Schicksal hat Humor.
       
       Ich picke mir ein Ei heraus, seziere es wie im Biounterricht, und
       tatsächlich, da sind kleine Ameisenbeinchen, ein winziger Körper, ein
       winziges Köpflein, und alles ist noch im Stadium des Werdens. Wenn man
       nicht kaut, geht es gut runter. Aber mein Wissen darum, was ich esse, würzt
       stärker als Tathsanees Chilischoten.
       
       Ein paar Worte zur Eierernte: Was hier so unschuldig im Omelett glänzt, ist
       ein wichtiger Wirtschaftszweig für die landlosen Bauern Nordthailands. Die
       Eier sind von der Weberameise Oecophylla smaragdina, und während der
       Erntesaison ziehen ganze Dorfgemeinschaften los, um die Nester aus den
       Bäumen zu holen. Tageslohn: um die 500 Baht, was etwa 13 Euro entspricht.
       Und was kostet so ein kleines Tütchen auf dem Markt in Chiang Rai? 200
       Baht. Der Kaviar des Dschungels. Es ist wie Ostern, nur dass der, der die
       Eier findet, sie nicht selber verspeist.
       
       Ein paar Tage später in Bangkok. „Wie? Du magst keine Ameiseneier?“, fragt
       Bom, die gute Seele des DoDee-Cafés im Hostel, wo ich mich vom Reichtum
       erhole. 40 Euro für sechs Nächte, ein Zelt und eine Matratze ohne
       Bettwanzen. Eine Oase in der Metropole, mit Bambus, Palmen, Bungalows. Ein
       Ort, so leise und schüchtern, dass er errötet, wenn die Sonne ihn beim
       Untergang küsst.
       
       „Ich weiß nicht, was überwiegt“, sage ich. „Der Geschmack vom Nichts? Die
       Konsistenz? Der Glibber? Das Mundgefühl, wenn sie zerploppen?“ – „Oh, ich
       liebe sie“, sagt Bom. „Es ist mein absolutes Lieblingsessen.“
       
       Ich zögere einen Moment und frage mich, ob ich einen kleinen Exkurs über
       die Bauern wagen möchte, die für ein paar Hundert Baht in die Bäume
       klettern. Ich spreche es aus und bekomme ein weiteres Schulterzucken.
       „Karma“, sagt sie emotionslos, als spräche sie von einer
       Statistikvorlesung.
       
       Wer im letzten Leben Fehler gemacht hat, muss sie in diesem ausbaden. Dann
       kann er im nächsten vielleicht Mittelklasse fahren. Die Karmastatistik
       funktioniert aber auch andersrum. „Wer sagt denn, dass so ein Ameisenbauer
       sich nicht wie der König von Thailand fühlt?“, sagt Bom. Was sie meint:
       Vielleicht hat er einen Quantensprung hingelegt und war im letzten Leben
       ein Tier. Eine Ratte, eine von denen, die in den Sextourismusvierteln im
       Abfall wühlen.
       
       „Vielleicht war er aber auch eine sehr fleißige Ameisenkönigin mit
       unzähligen Babys“, sage ich. – Dann, findet Bom, könne man ihm nur
       gratulieren.
       
       3 Apr 2026
       
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