# taz.de -- Cannabis-Legalisierung in Thailand: High auf Koh Lanta
       
       > Im Backpacker-Paradies boomt der Cannabis-Konsum. Das bringt
       > Arbeitsplätze im Tourismus – und Probleme mit respektlosen Urlaubenden.
       
 (IMG) Bild: Das Geschäft mit dem Hanf floriert: Stickerwand auf einer Hanfmesse in Bangkok, 2025
       
       Vor der thailändischen Küste ragen dunkle Felsen aus dem Meer. Fischerboote
       liegen im flachen Wasser, es ist Ebbe. Palmen säumen die Straße, dahinter
       beginnt direkt der Strand. Auf der Insel Koh Lanta im Süden von Thailand
       schlendern am Abend Touristinnen und Touristen die zentrale Promenade
       entlang. Zwischen Restaurants, kleinen Läden und Bars herrscht entspanntes
       Treiben. Gruppen junger Reisender laufen mit Joints hinter dem Ohr oder
       rauchend die Straße entlang, manche mit geröteten Augen und Bierflaschen in
       der Hand, in ausgelassener Stimmung. Dazwischen gehen Familien mit Kindern
       und ältere Urlauber langsam in Richtung Strand. Thailand ist seit Jahren
       ein Reiseziel für Backpacker und Familien. Auffällig ist, wie viele
       westliche Reisende unterwegs sind.
       
       Ein paar Meter weiter verändert sich die Atmosphäre. Zwischen
       Massagesalons, kleinen Restaurants und Roller-Verleihern reihen sich
       Cannabis-Shops, Tattoo-Studios und Bars mit lauter Musik aneinander. Vor
       einigen Türen stehen Menschen und rauchen. Der Geruch von Gras liegt in der
       warmen Luft.
       
       Einer dieser Läden heißt „Happy Land“. Dort steht der 26-jährige Qu hinter
       der Theke. Vor ihm stehen Gläser mit verschiedenen Cannabissorten. Er dreht
       sich einen Joint. Der sei für später, sagt er und lächelt leicht. Dann
       zeigt er auf eine Gruppe junger Männer vor der Tür. „Die meisten Kunden
       kommen aus England, Deutschland und Frankreich“, sagt er.
       
       Während der Coronapandemie sei es hier still gewesen. Keine vollen Bars,
       keine Backpacker, keine Tagesausflügler. Viele in der Region verloren ihre
       Arbeit im Tourismus. Als Thailand 2022 Cannabis entkriminalisierte, wurde
       das von manchen auch als wirtschaftliche Chance verstanden – für Bauern,
       für kleine Betriebe und touristische Orte wie diesen. Kurz darauf
       eröffneten in Koh Lanta und in anderen touristischen Orten dutzende
       Coffeeshops. „Seitdem ist wieder mehr los, ein bisschen zu viel“, sagt Qu
       und blickt auf die überfüllte Straße.
       
       ## Völlig high auf dem Roller
       
       Ein Tourist aus Deutschland betritt den Laden und fragt nach einem
       vorgedrehten Joint. Er wolle einfach nur entspannen, sagt er. Beim letzten
       Mal sei das nicht so gut gelaufen, erzählt er lachend. Er zeigt auf sein
       Knie, ein Verband, darunter frische Wunden. „Ich war völlig high und bin
       dann Roller gefahren“, sagt er. Trotz des kleinen Unfalls würde er es
       wieder tun. „Das ist doch die pure Freiheit, Mann.“ [1][In Deutschland ist
       der Anbau und Besitz kleinerer Mengen Cannabis inzwischen zwar auch legal,
       der Handel bleibt allerdings strafbar.]
       
       Qu lacht leise und schüttelt den Kopf. Er empfiehlt eine einfache
       Indica-Sorte – eine Cannabis-Variante, die für ihre eher körperlich
       entspannende Wirkung bekannt ist. „Green Crack“, sagt er, und versichert,
       trotz des Aufsehen erregenden Namens, das sei nur ganz normales, im
       Gewächshaus gezogenes Cannabis.
       
       Qu findet die gesetzliche Lage schwer zu durchschauen. Was erlaubt sei und
       was nicht, ändere sich ständig. Aber der Laden sichere seinen
       Lebensunterhalt. Touristen wie der euphorisierte Deutsche ließen viel Geld
       hier.
       
       Koh Lanta sei in den vergangenen Jahren voller geworden, sagt Qu.
       Reisegruppen, Familien mit Kindern, Rentner aus Europa, junge Backpacker,
       die feiern wollen – für jeden gebe es hier etwas. Am Abend mischen sich die
       Gruppen auf der Hauptstraße: Bars, Restaurants, Tattoostudios,
       Massagesalons, Coffeeshops. Manche kommen zum Entspannen, andere zum
       Feiern.
       
       Qu sieht das nicht nur positiv, trotz des Umsatzes, den er mit den
       Touristen macht. Viele tränken Alkohol, rauchten Cannabis – und stiegen
       dann aufs Moped. „Und sie rauchen überall“, sagt er. Eigentlich gehöre das
       nicht zur Kultur des Landes. „Viele tun so, als gehöre ihnen Thailand“,
       sagt er und zuckt mit den Schultern. Das empfinde er als respektlos. Aber
       wirklich aufregen wolle er sich darüber nicht.
       
       ## Thailand hatte ein strenges Anti-Drogengesetz
       
       Dass Qu offen Cannabis verkauft, wäre vor wenigen Jahren kaum vorstellbar
       gewesen. Thailand hatte lange eines der strengsten Anti-Drogengesetze der
       Region. Besitz und Handel konnten mit langen Haftstrafen geahndet werden.
       
       2022 änderte sich das überraschend schnell. [2][Die Regierung
       entkriminalisierte Cannabis und machte Thailand zum ersten Land in Asien,
       das Anbau und Verkauf weitgehend erlaubte]. Offiziell sollte die Pflanze
       vor allem medizinisch genutzt werden, doch klare Regeln für den
       Freizeitkonsum fehlten. Innerhalb weniger Monate eröffneten vor allem an
       touristischen Orten Coffeeshops. Für Qu bedeutet das: Arbeit. Und darüber
       ist er froh.
       
       Auch in Ao Nang, an der Küste der Andamanensee in der Provinz Krabi, ist
       Cannabis längst Teil des touristischen Alltags geworden. Am Abend füllt
       sich der Nachtmarkt, es riecht nach gegrilltem Fisch und süßem Teig,
       Tourist:innen schlendern zwischen den Ständen.
       
       Marina sitzt hinter einem kleinen Verkaufsschalter von „Krabi Sunset
       Travels“. Ihr kleiner Stand steht direkt vor einem 7-Eleven, jener rund um
       die Uhr geöffneten Ladenkette, die in Thailand überall zu finden ist:
       Treffpunkt, Minimarkt und Zwischenstopp zugleich. Tourist:innen kaufen
       hier Flaschen mit Wasser, Bier, Toasts oder Eis, warten im Schatten der
       Markise oder suchen kurz Schutz vor der Hitze. Wer stehen bleibt, sieht
       automatisch das Angebot von Marina.
       
       Hinter Marina hängen Poster von Inseln, Bootstouren und Sonnenuntergängen.
       Broschüren stapeln sich auf dem Tresen, daneben ein Taschenrechner. Marina
       trägt eine dunkle Fußballtrikot-ähnliche Bluse, die Haare zurückgebunden,
       große Brille im Gesicht. Gerade betreut sie eine Gruppe französischer
       Tourist:innen, die eine Tagestour buchen wollen. Einer von ihnen sitzt ihr
       gegenüber auf einem roten Plastikstuhl, in der einen Hand einen Burger, in
       der anderen einen Joint. Der Rauch zieht langsam über den Tresen.
       
       Marina erklärt ihm das Tagesprogramm zu den Phi-Phi-Inseln, zeigt auf die
       Fotos hinter sich und schreibt Abfahrtszeiten auf einen Zettel. Der Mann
       nickt, nimmt einen Bissen von seinem Burger und bläst den Rauch zur Seite.
       
       Marina sagt, sie habe nichts gegen Tourist:innen. Im Gegenteil: Nach der
       Pandemie habe es lange kaum Arbeit gegeben, sie sei froh, dass wieder so
       viele Menschen nach Ao Nang kommen. Trotzdem wünsche sie sich Regeln.
       „Vielleicht Orte für den Konsum von Cannabis, wo man rauchen darf“, sagt
       sie. „So Raucherzonen, das wäre doch super.“
       
       ## Rauch im Gesicht
       
       Marina studiert, sie möchte Lehrerin werden. Mit dem Job am Stand
       unterstützt sie ihre Familie. „Manchmal sitzen Leute direkt vor mir und
       rauchen“, sagt sie und deutet auf den Platz vor dem Tresen. „Der Rauch
       kommt in mein Gesicht.“ Und manchmal glaubt sie high zu sein, vom
       Passivrauchen.
       
       Dass Cannabis so leicht zu kaufen ist, findet sie problematisch. Zwar
       gelten seit Juni 2025 strengere Regeln – offiziell ist der Verkauf nur noch
       mit ärztlichem Rezept erlaubt. Auf die Verkaufspraxis in Shops wie die von
       Qu in Koh Lanta hat das aber offensichtlich keinen Einfluss.
       
       Auch in Ao Nang verkaufen zahlreiche Läden offen ihre Ware, Rezepte
       verlangen die Cannabis-Shop-Besitzer nicht. In zwei Jahren sei auch nie ein
       Kontrolleur vorbeigekommen, sagt Qu in Koh Lanta.
       
       Zwischen Gesetzeslage und Alltagshandeln klafft also eine Lücke. „Manche
       kommen nicht gut damit zurecht“, sagt Marina. Vor allem in Kombination mit
       Alkohol falle ihr das auf. „Cannabis allein macht ja nicht aggressiv“, sagt
       sie. „Aber wenn sie trinken und rauchen, werden einige sehr laut.“ Dann
       kippe die Stimmung schnell.
       
       Dass die Regierung in Bangkok die Regeln im vergangenen Jahr wieder
       verschärft habe, habe sie mitbekommen. Ob sich hier seitdem viel geändert
       habe? Sie schüttelt den Kopf.
       
       Von strengeren Kontrollen und Rezeptpflicht sei die Rede gewesen. „Aber
       hier merkt man davon wenig“, sagt sie und blickt auf die Straße. „Die Shops
       sind noch da.“ Dann zieht sie demonstrativ die Luft ein und lacht: „Und der
       Grasduft über Ao Nang ist auch noch da.“
       
       Das Cannabisgeschäft manifestiert sich nicht nur in den Shops entlang der
       Einkaufsstraße von Ao Nang. Ein paar Kilometer außerhalb, an der Straße
       Richtung Krabi-Stadt, befindet sich eine Indoor-Plantage in einem
       unscheinbaren Gebäude. Von außen wirkt es wie ein Lagerhaus. Drinnen summen
       Ventilatoren, grelle Lampen tauchen Reihen von Pflanzen in künstliches
       Licht. Der Geruch ist schwer und süßlich.
       
       ## Es riecht nach Erde und Dünger, nicht nach Party
       
       Während sich in Ao Nang am Abend die Bars füllen und Tourist:innen mit
       Joints durch die Straßen ziehen, ist es hier stiller. Zwischen Lampen,
       Klimaanlagen und Bewässerungsschläuchen riecht es nach Erde und Dünger,
       nicht nach Party. Hände prüfen Blätter, messen Feuchtigkeit, schneiden
       Triebe.
       
       Die Plantage ist nicht nur Produktionsort, sondern Teil des touristischen
       Angebots. Über Reiseveranstalter in Ao Nang lassen sich Führungen buchen –
       oft als Zwischenstopp auf dem Weg zu Aussichtspunkten oder Stränden.
       Kleinbusse halten vor dem Gebäude, Reisende steigen aus, manche noch in
       Badekleidung. Ein Mitarbeiter erklärt den Anbau, zeigt Setzlinge, Lampen
       und Bewässerungssysteme. Wer möchte, darf Fotos machen. Am Ende führt der
       Rundgang in einen Verkaufsraum. Cannabis wird hier nicht versteckt
       produziert. Es wird gezeigt.
       
       Hier arbeiten Menschen auf den Cannabis-Plantagen, die vor der
       Liberalisierung in Hotels, Restaurants oder auf Baustellen beschäftigt
       waren. Viele wollen ihre Namen nicht im Text lesen. Manche erinnern sich
       noch daran, wie riskant vor der Cannabislegalisierung schon der Besitz
       kleiner Mengen sein konnte. Nach der Parlamentswahl am 8. Februar hat zwar
       die Partei von Cannabis-Befürworter Anutin Charnvirakul gewonnen, der die
       Legalisierung als damaliger Gesundheitsminister einst vorangetrieben hatte.
       Aber Charnvirakul braucht Koalitionspartner und da sind die Mehrheiten für
       Cannabis nicht klar.
       
       Während des Wahlkampfs habe die Plantage zeitweise keine Führungen
       angeboten, sagt ein Mitarbeiter. Man habe abgewartet. Zu groß sei die
       Unsicherheit gewesen. Wenn sich die politische Stimmung drehe, könnten neue
       Auflagen kommen – strengere Kontrollen, höhere Gebühren, vielleicht sogar
       ein Anbauverbot.
       
       „Wir haben investiert“, sagt er und deutet auf die Lampen über den
       Pflanzen. Klimaanlagen, Bewässerungssysteme, Lizenzen – alles koste Geld.
       „Wenn die Regierung neue Regeln macht, müssen wir wieder zahlen.“
       
       In Koh Lanta steht Qu wie beinahe jeden Abend hinter der Theke von „Happy
       Land“. Vor dem Laden sammeln sich Gruppen junger Männer, manche mit roten
       Augen, Bierflaschen in der Hand. Andere kommen zögernd herein, fragen
       leise, ob sie „zum ersten Mal“ probieren könnten.
       
       Qu stört das Kiffen nicht. Er raucht selbst. Manche kämen neugierig herein,
       sagt er, wollten im Urlaub „etwas ausprobieren“. Dann erkläre er ihnen, sie
       sollten langsam anfangen. Mehr könne er nicht tun.
       
       Beraten könne er nur begrenzt. Fragen nach den Sorten Sativa oder Indica
       kann er beantworten– die eine Sorte gilt als eher anregend, die andere als
       beruhigend. „Ich sage ihnen, was ich persönlich mag“, sagt Qu. „Aber am
       Ende ist es ihre Entscheidung.“
       
       ## „Ich bin doch kein Arzt“
       
       Ob jemand Vorerkrankungen habe, Medikamente nehme oder es überhaupt
       vertrage, wisse er nicht. „Ich bin doch kein Arzt“, sagt er. Verantwortung
       habe hier jeder für sich selbst.
       
       Im Laden stehen die Gläser mit Namen wie „Blueberry Kush“ oder „Chocolate
       Mint“. Draußen mischt sich der Geruch von Gras mit dem von gebratenem
       Fisch. Qu weiß, dass er nur ein kleines Rädchen ist in einem größeren
       Geschäft. Die Shop-Inhaber verdienen mehr als einfache Verkäufer wie er,
       der Staat kassiert Steuern. Qu bekommt seinen Monatslohn – genug, um seine
       Miete zu bezahlen, sagt er.
       
       Wie viel eine Sorte kostet, entscheidet nicht Qu. Die Preise machen die
       Shop-Besitzer, und die richten ihre Gewinnmargen wiederum danach aus, wie
       hoch die staatlichen Abgaben sind.
       
       Qus Arbeit ist einfach: abwiegen, verpacken, kassieren. Wenn es dann auch
       mal ruhiger wird im Laden, dreht er sich einen Joint. Nicht zu viel, sagt
       er und grinst – am Ende müsse ja die Kasse stimmen.
       
       27 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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