# taz.de -- Riesenreptilien in Großstädten: Sie leben mitten unter uns
       
       > Mitten in Bangkok leben tausende Bindenwarane. Lange hatten die Leichen
       > fressenden Reptilien einen schlechten Ruf, nun sind sie Touristenmagnet.
       
 (IMG) Bild: Naherholung: Ein Bindenwaran im Lumpini-Park im Stadtzentrum von Bangkok
       
       Die Reptilienmenschen sollen ja unter uns sein, wie eine in rechten Kreisen
       wabernde Verschwörungserzählung raunt. Doch warum mühsam Angela Merkel und
       Hillary Clinton ins Reptiloide deuten, wo doch waschechte Riesenreptilien
       tatsächlich und für jeden sichtbar mitten durch das Zentrum [1][der
       thailändischen Millionenstadt Bangkok] stapfen?
       
       Die Bindenwarane im Lumpini-Park im Stadtzentrum, umgeben von modernen
       Wolkenkratzern und Einkaufszentren, sind inzwischen zu einer weiteren
       Attraktion der mit rund 23 Millionen Gästen jährlich meistbesuchten
       Metropole der Welt geworden. Das am Fluss Chao Phraya errichtete Bangkok
       wird von einem dichten Netzwerk aus Kanälen, Teichen und Grünanlagen
       durchzogen. Mit dem tropisch feuchtwarmen Klima bietet die Stadt der nach
       dem Komodowaran zweitgrößten Echsenart der Welt eine offenbar ausgesprochen
       zusagende Umgebung.
       
       Schätzungen gehen von einer Bindenwaranpopulation von mehreren Tausend
       Tieren im Stadtzentrum aus. Das sind zwar immer noch weniger als die über 8
       Millionen Menschen, aber dennoch ist die Populationsdichte der Warane in
       Bangkok erheblich größer als in ihren natürlichen Lebensräumen. [2][Was
       zieht die Riesenechsen], die bis 3 Meter lang und 15 Kilogramm schwer
       werden können, wenn sie sich meist auch mit etwa 2 Metern bescheiden, in
       die Großstadt?
       
       ## Ein reich gedeckter Tisch
       
       Dasselbe, was uns zunehmend Wildschweine und Füchse in unseren Städten
       beschert: ein vom Menschen reich gedeckter Tisch nebst einem gut
       strukturierten Lebensraum, zumindest im Vergleich umliegender Agrarwüsten.
       Im Fall der Warane, die gerne ausgiebig schwimmen und tauchen und im
       Englischen daher auch „water monitor“ heißen, gehören noch ausreichend
       Wasserflächen dazu, von denen der Lumpini-Park genug bietet.
       
       Bindenwarane sind Generalisten und Opportunisten, was im zoologischen
       Vokabular eher als Kompliment zu verstehen ist. Sie können sich gut an
       unterschiedlichste Bedingungen anpassen, sind neben dem Vorhandensein von
       Gewässern auf keine besonderen Merkmale in ihrem Lebensraum angewiesen, und
       sie sind zwar Fleischfresser, dabei aber nicht wählerisch. Verschlungen
       wird alles, was verfügbar ist: Sie jagen Mäuse, Ratten, Hörnchen, große
       Insekten, Krebstiere, Amphibien und andere Reptilien, fressen aber gerne
       auch Aas. Und damit auch Abfälle des Menschen.
       
       Im Lumpini-Park kann man beobachten, wie sie hinter Imbissständen geduldig
       warten, bis etwas für sie abfällt, und Müllsäcke, die unvorsichtigerweise
       in ihre Reichweite gelangen, von den gut riechenden Echsen umgehend geortet
       und durchwühlt werden. Dabei hilft ihnen ihre für Reptilien ungewöhnlich
       hohe Intelligenz, die durchaus mit der von schlaueren Säugetieren zu
       vergleichen ist. Weil viele Menschen nun einmal für viel Müll sorgen, den
       die Echsen entweder selbst verputzen oder der andere Leckerbissen wie Mäuse
       und Ratten anlockt, leben sie im Park im Waranparadies.
       
       ## Ein Waran im Supermarkt
       
       Früher war das anders: Die Warane hatten einen schlechten Ruf und galten
       als Unglücksbringer, wohl wegen ihrer Neigung, auch an menschlichen Leichen
       herumzuknabbern. Noch vor zehn Jahren hatten die Bangkoker Behörden
       versucht, die Reptilien in einer großangelegten Jagdaktion zurückzudrängen.
       Allerdings ergebnislos, die Population wuchs schnell wieder heran – ein
       Waranweibchen legt bis zu 40 Eier, da werden vakante Plätze rasch
       wiederbesetzt. Inzwischen aber hat sich das Image der Reptilien gewandelt.
       Sie werden mehr und mehr zur international bekannten und auch bei der
       einheimischen Bevölkerung beliebten Attraktion.
       
       Dazu haben zahlreiche Videos auf Youtube, Tiktok und Instagram beigetragen,
       die Menschen bei ihren Waranbegegnungen zeigen. Im letzten Jahr machte
       [3][eines millionenfach Furore], das einen ziemlich stattlichen Waran
       zeigte, der in einen Supermarkt geraten war und mangels Baum die
       Lebensmittelregale erklomm. Kein Einzelfall – die Bangkoker Feuerwehr rückt
       öfter aus, um verirrte Reptilien einzufangen, als um Brände zu löschen, wie
       die BBC berichtet. Inzwischen hat die Stadt sich jedenfalls arrangiert und
       konsequenterweise nicht nur Warnschilder im Lumpini-Park aufgestellt, auf
       dass sich niemand erschrecke, wenn ihm plötzlich ein Zweimeterreptil über
       den Weg läuft, sondern auch gleich noch eine große Waranstatue aufgestellt.
       
       Dabei sind Bindenwarane keineswegs die einzigen Reptilien in Bangkoker
       Parks. Im nahegelegenen, erst 2004 aus einem Firmengelände hervorgegangenen
       Benjakitti-Park lebt sogar eine kopfstarke Population der
       Großaugen-Bambusotter, einer schick grünen nahen Verwandten von Gary
       De’Snake, der durch „Zoomania 2“ gerade sehr populären Blauen
       Inselbambusotter. Die durchaus ernsthaft giftigen, aber nicht sonderlich
       aggressiven Bambusottern kriechen nach Einbruch der Dunkelheit durch den
       Park und lassen sich auch von seiner hellen Beleuchtung nicht abschrecken.
       Wenn junge Paare sich dort also zum Händchenhalten auf einer Parkbank
       niederlassen, empfiehlt es sich, vorher zu schauen, ob nicht schon eine
       Otter da liegt.
       
       In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift elaphe berichtet der
       Reptilienexperte Uwe Gerlach, dass er dort abends nach nur 45 Minuten Suche
       einen ganzen Schwung der Giftschlangen angetroffen hat. Der Beliebtheit des
       Parks tut das keinen Abbruch. Es geht also doch auch ein entspannter Umgang
       mit Schlangen, man sollte die Deutschen daran erinnern, wenn sie im
       nächsten Sommer gleich wieder Sondereinsatzkommandos anfordern, nur weil
       irgendwo mal eine Ringelnatter auftaucht.
       
       Reptilien in Städten sind natürlich kein Bangkoker Alleinstellungsmerkmal.
       Bindenwarane lassen sich auch in anderen südostasiatischen Städten blicken,
       in Australien kann man in Stadtparks häufig beispielsweise auf Buntwarane
       treffen, allerlei Schlangenarten und kleinere Echsen kriechen sowieso
       überall auf der Welt durch die Innenstädte, man denke nur an Geckos in
       Südeuropa. In der ecuadorianischen Küstenmetropole Guayaquil ist der
       Seminario-Park im Zentrum berühmt, in dem eine große Population bis zu 2
       Meter langer Grüner Leguane lebt und von der Parkverwaltung fürsorglich
       gefüttert wird. Und selbst in der Altstadt von Trier huschen, sobald die
       Sonne sich zeigt, Reptilien an den historischen Gemäuern umher, nämlich
       Mauereidechsen. Sie leben eben mitten unter uns.
       
       30 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Freihaengende-Stromleitungen-in-Bangkok/!6102628
 (DIR) [2] /Reptilien-in-Gefahr/!5898573
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=tm8SRZ8T21g
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heiko Werning
       
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