# taz.de -- Bally Bagayoko: Das Schwarze Frankreich
       
       > Eine neue Schwarze Mittelklasse in Frankreich kann bei den
       > Parlamentswahlen Gewicht haben. Rassismus wird sich für die Rechte nicht
       > auszahlen.
       
 (IMG) Bild: Bally Bagayoko, neuer Bürgermeister von Saint-Denis von der linken Partei La France insoumise (LFI)
       
       Bally Bagayoko schrieb im März Geschichte. Er wurde in Saint-Denis, der
       zweitgrößten Stadt im Großraum Paris, zum ersten Schwarzen Bürgermeister
       gewählt. In der 150.000-Einwohner-Stadt im Norden der französischen
       Hauptstadt leben vorwiegend Arbeiter:innen und ihre Familien, die aus
       Afrika stammen. Bagayokos Familie kommt aus dem westafrikanischen Mali, wo
       ein Bürgerkrieg tobt.
       
       [1][Bagayoko] steht für Frankreichs neue und selbstbewusste Schwarze
       Mittelklasse. Er ist in Saint-Denis aufgewachsen und hat lange für das
       große städtische Verkehrsunternehmen RATP im Management als leitender
       Angestellter gearbeitet. Seit vielen Jahren engagiert er sich im
       Gemeinderat. In den vergangenen Jahren war Bagayoko als Mitglied der
       linkssozialistischen La France insoumise (LFI), stellvertretender
       Bürgermeister gewesen.
       
       Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass vielen Schwarzen der soziale
       Aufstieg in der französischen Klassengesellschaft – anders als Bagayoko –
       nicht gelingt. Das hat auch mit dem Rassismus zu tun, weshalb Schwarze
       Menschen in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – sei es auf dem
       Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche oder im Umgang mit Behörden –
       benachteiligt sind.
       
       Nach seinem Sieg entbrannte eine heftige Diskussion über Bagayoko. Man
       brachte ihn mit Drogenhandel, der in Saint-Denis grassiert, in Verbindung.
       Und mit ethnischem Separatismus, einem Kardinalverbrechen im
       republikanischen Frankreich, das so tut, als ob die Republik farbenblind
       sei, als ob alle gleiche Chancen hätten, als ob es Rassismus und
       Diskriminierung nicht gäbe.
       
       ## Fatales Missverständnis
       
       Eine Fernsehjournalistin hatte Bagayoko in einem Interview missverstanden.
       Sie hatte „la ville des noirs“ (die Stadt der Schwarzen) verstanden, obwohl
       er „la ville des rois“ (die Stadt der Könige) gesagt hatte. In der
       Kathedrale von Saint-Denis liegen viele Könige begraben, davon hatte
       Bagayoko gesprochen und nicht, wie manche gerne verstehen wollten, dass die
       Stadt nun den Schwarzen gehöre. Wer von ethnischen Identitäten in
       Frankreich spricht, wird schnell mit Islamisten in Verbindung gebracht.
       Einem sicheren politischen Todesurteil in einem Land, das von schweren
       islamistischen Anschlägen erschüttert worden ist.
       
       Bagayoko wehrte sich gegen die wütenden Angriffe. Gegen den Fernsehsender
       CNews ging er sogar juristisch vor. Dort hatten ihn Journalisten in einer
       Sendung rassistisch beleidigt. CNews gehört zum Medienimperium des
       Oligarchen Vincent Bolloré. 2022 hatte er den rechtsextremen Kandidaten
       [2][Eric Zemmour] bei den Präsidentschaftswahlen unterstützt. Heute
       unterstützt er mit seinen Medienhäusern [3][Jordan Bardella], den
       Präsidenten des rechtsextremen Rassemblement National.
       
       Bagayokos Fall zeigt einmal mehr, dass selbst gelungene Integration in die
       französische Gesellschaft nicht vor rassistischen Angriffen schützt. In
       Frankreich bricht der im Kolonialismus eingeübte Rassismus, der die
       kolonialen Untertanen als minderwertig behandelte, sich immer dann Bahn,
       wenn Schwarze Menschen an herausgehobener Stelle in Institutionen oder auch
       in der Öffentlichkeit auftreten, wo sie nach der Meinung der Rassisten, die
       sich besser als in der Vergangenheit auch mithilfe einflussreicher Männer
       wie [4][Bolloré] organisiert haben, wegen ihrer Herkunft einfach nicht
       hingehören.
       
       Bei der Eröffnung der Olympiade in Paris 2024 hatte es die Sängerin Aya
       Nakamura getroffen. Damals kritisierte Marine Le Pen den von Emmanuel
       Macron vorgeschlagenen Auftritt der Sängerin als Zumutung für die
       Franzosen, weil die Schwarze Sängerin ihrer Meinung nach nicht einmal
       richtiges Französisch singe. Im Falle Bagayoko geht es um mehr als nur um
       Rassismus. Es geht auch um die Präsidentschaftswahlen im Mai 2027. La
       France insoumise, an deren Spitze seit vielen Jahren der umstrittene
       Linkssozialist Jean-Luc Mélenchon steht, ist Erstaunliches gelungen: die
       Mobilisierung der Arbeiter:innen in den Vororten der Großstädte.
       
       ## Neues, diverses Frankreich
       
       Mélenchon setzt der rechten Identitätserzählung, wonach das „ewige
       Frankreich“ vor Zuwanderung und dem Verrat der Eliten gerettet werden muss,
       ein alternatives Projekt entgegen, das ebenfalls auf die Identität abzielt.
       Er nennt es „La nouvelle France“ (Das neue Frankreich), worunter er ein
       diverses Frankreich versteht. Bis in die 1980er Jahre hatte die
       französische Arbeiterschaft mehrheitlich links gewählt.
       
       Mit den Wirtschaftskrisen begann der Aufstieg der Rechtsradikalen, weil
       viele Arbeiter:innen aus Enttäuschung von der Linken davonliefen. Dort
       aber, wo – wie in Saint-Denis oder in vielen anderen Vororten der
       Metropolen Paris, Marseille und Lyon – die Mehrheit der Menschen aus den
       ehemaligen Kolonien in Afrika sowie aus den Überseegebieten in der Karibik
       und im Indischen Ozean stammt, ist es Mélenchon in den letzten Jahren
       gelungen, Wähler:innen für sich zu gewinnen.
       
       Es gibt nur Schätzungen, wie groß das „Schwarze Frankreich“ ist, da in
       Frankreich keine offiziellen Datenerhebungen auf Basis von Herkunft und
       Religion erlaubt sind. Drei bis fünf Millionen Menschen, vielleicht auch
       sieben, könnten es sein. Dazu kommen noch viele Millionen arabischstämmige
       Franzosen. Vor zwei Jahren trat der Präsident des RN, Jordan Bardella, zu
       den vorgezogenen Parlamentswahlen an. Im Wahlkampf war er mit großer
       Selbstsicherheit aufgetreten. Er sah sich schon als neuer Premierminister
       Frankreichs. Nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse trat er bedröppelt vor
       die Kameras.
       
       Zum ersten Mal nach vielen Jahren waren die sieggewohnten Rechtsradikalen
       empfindlich geschlagen worden. Frankreichs Schwarzer Fußballstar Kylian
       Mbappé hatte seinen Anteil an der Niederlage Bardellas. Er hatte die jungen
       Leute in den Vororten aufgerufen, gegen das rassistische Projekt des RN zur
       Wahl zu gehen. Die rassistische Wut auf Bagayoko ist die Folge. Der Rechten
       dämmert es, dass das „Schwarze Frankreich“ ihnen wohl die Machtübernahme
       versperrt.
       
       4 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Armin Osmanovic
       
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