# taz.de -- Kommunalwahlen in Frankreich: Frankreich sucht 35.000 Bürgermeister*innen
       
       > Die französische Linke kann sich nicht mehr zusammenraufen. Bei den
       > Wahlen am 15. und 22. März könnten Paris, Lyon und Marseille nach rechts
       > kippen.
       
 (IMG) Bild: Paris steht auf der Kippe: Frankreich kurz vor der ersten Runde der Bürgermeisterwahlen am 15. März 2026
       
       „Wie wollen Sie ein Land mit 258 Käsesorten regieren?“, soll General
       Charles de Gaulle einst gesagt haben. Über die genaue Zahl der
       Milchprodukte, die Frankreichs kulinarischen Weltruhm ausmachen, wird
       gestritten. Dass die vielfältige und multikulturelle Nation mit de Gaulles
       Zentralismus nur schwer auf einen Nenner zu bringen war und ist, steht
       außer Zweifel.
       
       Bei den Kommunalwahlen am 15. und 22. März sind alle Wahlberechtigten in
       Frankreich an die Urne gerufen, um die Bürgermeister und die Mitglieder
       ihrer Gemeinderäte zu wählen. Das Land stellt ein Patchwork aus unzähligen
       lokalen Eigen- und Besonderheiten dar. Es gibt 35.000 Kommunen, von denen
       viele weniger als 300 Einwohner, aber dennoch ein Rathaus haben.
       
       In den Medien wird hingegen vor allem der Ausgang der Lokalwahlen in den
       wichtigsten großen Städten, in Lyon, Marseille und in der Hauptstadt Paris,
       verfolgt. Denn auch wenn es bei den Kommunalwahlen vorab um sehr bürgernahe
       Sorgen und Probleme geht, sagen sie auch etwas zu den generellen
       politischen Meinungen und Trends. Das interessiert besonders in Hinblick
       auf die Präsidentschaftswahlen vom Frühling 2027.
       
       In Paris versucht Emmanuel Grégoire als Bürgermeister die Nachfolge seiner
       sozialistischen Parteikollegin Anne Hidalgo und deren Vorgänger Bertrand
       Delanoë anzutreten. Nicht alle sehen die Bilanz nach 25 Jahren rot-grüner
       Regierung rosig. Die ehrgeizige Verkehrsberuhigung mit einem Tempolimit von
       30 km/h in fast der ganzen Stadt, die Verwandlung der Seine-Uferstraßen in
       Promenaden und die Einrichtung von Radwegen haben viele Gegner.
       
       ## Paris: Emmanuel Grégoire gegen Rachida Dati
       
       Die Konservative Rachida Dati steht ihrem Lebensziel, anstelle der Linken
       ins Rathaus einzuziehen, so nahe wie noch nie. Die ehemalige Ministerin von
       [1][Präsident Nicolas Sarkozy] wird nicht nur von ihrer Partei, Les
       Républicains (LR), unterstützt, sondern auch von einem Teil der
       Macronisten.
       
       Datis Chancen stehen auch deswegen gut, weil das linke Lager, wie fast
       überall bei diesen Wahlen, gespalten und zerstritten ist. Die „Neue
       Volksfront“ der Linken (Sozialisten, Grüne, Kommunisten, Place publique und
       La France insoumise) existiert nicht mehr. Die Spitzenkandidatin der
       Linkspartei La France insoumise (LFI) in Paris heißt Sophia Chikirou. Sie
       ist, wie nur inoffiziell bekannt ist, die Lebensgefährtin von Ex-Parteichef
       [2][Jean-Luc Mélenchon] – und dessen wichtigste politische Beraterin. Wie
       dieser bekämpft sie mehr die ehemaligen Bündnispartner als die rechten
       Gegner. Sie hat explizit der Zeitung Le Parisien erklärt: „Ich will nicht,
       dass ein Sozialist Bürgermeister von Paris wird.“
       
       Doch Dati hat auch aus dem rechten Lager Konkurrenz. Der etwas farblose,
       aber dennoch ehrgeizige Pierre-Yves Bournazel kandidiert für einen Teil der
       Macronisten (namentlich von Macrons Ex-Premierministern Édouard Philippe
       und Gabriel Attal), die sich nicht mit Dati und ihrem aggressiven Stil
       abfinden wollen. Dati muss sich zudem im September wegen Korruption und
       Veruntreuung öffentlicher Gelder [3][vor Gericht verantworten]. Ihr droht
       ein ähnliches Schicksal wie ihrem Mentor Sarkozy: eine Haftstrafe und der
       Verlust der Wählbarkeit.
       
       Viel weiter rechts steht Sarah Knafo (von der Partei Reconquête), die wie
       Dati um die Stimmen der rechtsbürgerlicher Wähler*innen wirbt. Auch sie
       ist die Partnerin eines Ex-Präsidentschaftskandidaten, des mehrfach wegen
       rassistischer Hetze verurteilten Rechtsradikalen Éric Zemmour. Ihr
       politisches Ziel ist ein Bündnis zwischen den nationalistischen Extremisten
       und der bürgerlichen Rechten. Die Liste ihres rechtsnationalen Rivalen von
       [4][Marine Le Pens Rassemblement National (RN)], Thierry Mariani, hat sie
       bereits klar in den Schatten gestellt.
       
       Wie die LFI-Linke Chikirou könnten sich neben den beiden Favoriten Grégoire
       und Dati sowohl Bournazel wie Knafo mit mehr als 10 Prozent der Stimmen für
       die zweite Wahlrunde qualifizieren, was seriöse Prognosen zum finalen
       Ausgang fast unmöglich macht. Je nach der Konstellation, mit zwei, drei,
       vier oder sogar fünf Finalisten, könnten laut derzeitigen Umfragen Grégoire
       oder Dati gewinnen. Bei einem simplen Duell lägen sie Kopf an Kopf.
       
       ## Lyon
       
       Weit klarer ist die Ausgangslage in Lyon. Dort hat der ehemalige
       Vorsitzende des lokalen Fußballklubs Olympique Lyonnais, der Unternehmer
       Jean-Michel Aulas, einen deutlichen Vorsprung vor dem bisherigen
       Bürgermeister der Grünen (Les Écologistes), Grégory Doucet.
       
       Der von den lokalen LR-Konservativen und den Macronisten unterstützte Aulas
       ist allein durch seine Funktion in der Welt des Fußballs so populär und so
       siegesgewiss, dass er praktisch keine traditionelle Wahlkampagne
       organisiert. Im Unterschied zu 2020 ist auf der Gegenseite Doucet mit der
       Konkurrenz einer LFI-Liste konfrontiert.
       
       Die nationalistische Rechte kann bei diesen Wahlen mit Schadenfreude
       verfolgen, wie sich die gegnerische Linke streitet. Die erfolgversprechende
       Einheit hat gegenseitigen Beschimpfungen und ideologischen Abgrenzungen
       Platz gemacht. Dass die LFI auch von links für den [5][Tod des
       Rechtsradikalen Quentin Deranque] bei einer Schlägerei mit Antifaschisten
       in Lyon im Februar verantwortlich gemacht wird, hat diese Spannungen noch
       verschärft.
       
       Für die Sozialisten und Grünen ist der LFI-Gründer und
       Ex-Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon ohnehin wegen seiner als
       „antisemitisch“ verurteilten Äußerungen samt seiner Partei schlicht kein
       akzeptabler Partner mehr.
       
       ## Grüne im freien Fall
       
       Mehr noch als die Sozialisten büßen die Grünen für die Spaltung und
       Rivalität. In Straßburg tritt die einstige sozialistische Bürgermeisterin
       Catherine Trautmann gegen die Grüne Jeanne Berseghian an, die seit 2020 an
       der Spitze einer linken Koalition die Europa-Kapitale regiert hat.
       Berseghians Chancen für eine Wiederwahl stehen schlecht, da auch sie noch
       eine LFI-Liste gegen sich hat.
       
       Der Rückschlag für die Grünen ist vermutlich eines der absehbaren Merkmale
       dieser Kommunalwahlen. 2020 gewannen sie zusammen mit der vereinten Linken
       in Straßburg, Lyon, Bordeaux, Grenoble, Poitiers, Besançon und Annecy.
       Jetzt müssen sie mit mehreren herben Niederlagen rechnen.
       
       Die Ängste, Wünsche und Prioritäten der Wähler*innen sind nicht mehr
       dieselben. Stand 2020 in der französischen Gesellschaft das Thema
       Klimawandel ganz oben auf der Liste der Prioritäten, kommt dieser jetzt
       klar hinter der Sicherheit in den Quartieren, der Kaufkraft, der
       Altersvorsorge oder der Migration.
       
       ## Nur ein bedingter Stimmungstest für 2027
       
       In nur 14 Monaten wird Frankreich den oder die neue Präsidentin wählen. Die
       Kommunalwahlen können hier nur bedingt als nationaler Stimmungstest dienen.
       Vor allem in den Dörfern stehen lokale Anliegen und Streitfragen im
       Vordergrund. Von ihren Bürgermeister*innen erwarten die
       Wähler*innen viel für ihren Alltag: zum Beispiel Baugenehmigungen,
       Sozialwohnungen, den Unterhalt der Schulen, der Kinderkrippen, aber auch
       mehr Sicherheit auf der Straße.
       
       Bei der Bürgermeisterwahl spielt die Person eine größere Rolle als das
       „Programm“. In den kleineren Kommunen sind die Gewählten sehr häufig „sans
       étiquette“, das heißt parteilos. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum
       die Kommunalpolitik und die lokal gewählten Politiker*innen bei der
       Bevölkerung bei Weitem populärer sind und mehr Vertrauen genießen als die
       nationalen Parteien und ihre Vertreter.
       
       Gerade in den ländlichen Kommunen erwartet man jedoch trotzdem Gewinne für
       die Kandidaten des RN. Die Rechtspopulisten hoffen außerdem auf gute
       Ergebnisse in ihren Hochburgen in Nordfrankreich und an der Côte d’Azur,
       etwa in der Hafenstadt Toulon.
       
       ## RN blickt auf Chancen in Marseille und Toulon
       
       Die Brandmauer der Linken und bürgerlichen Rechten gegen die Extremisten
       bröckelt weiter. Allianzen mit Kandidaten des RN sind kein absolutes Tabu
       mehr. Der große Testfall wird Marseille sein, wo der bisherige linke
       Bürgermeister, Benoît Payan, von der RN-Liste des Spitzenkandidaten Franck
       Allisio hart bedrängt wird. Die für die konservativen LR kandidierende
       Martine Vassal ist weit abgeschlagen. Anderswo sind die französischen
       Konservativen mit einigen „Platzhirschen“ immer noch stark verankert.
       
       Der relativ jungen Bewegung von Präsident Emmanuel Macron und den heutigen
       Parteien Ensemble! und Horizons ist es hingegen nicht gelungen, in der
       Kommunalpolitik wirklich Fuß zu fassen. Manchen der prominenten Gesichter,
       die ab 2017 von rechts oder links zu Macron übergelaufen sind, dürfte eine
       Wiederwahl als Bürgermeister*innen nun nur schwer gelingen.
       
       Das gilt beispielsweise für Ex-Premierminister Édouard Philippe, der in Le
       Havre von einem Kommunisten ausgestochen werden könnte, aber auch in Nizza
       für Christian Estrosi. Sein schärfster Konkurrent ist der frühere
       LR-Parteivorsitzende Éric Ciotti, der sich mit seiner Splitterpartei UDR
       mit Marine Le Pens RN verbündet hat, um über seinen langjährigen Rivalen
       Estrosi zu triumphieren.
       
       Der emotional angeheizte Wahlkampf dürfte die Spaltung der Linken und den
       Trend nach rechts vor den nationalen Wahlen von 2027 noch verstärken.
       
       10 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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