# taz.de -- Klimawandel in Wilhelmshaven: Wenn das Wasser steigt
> Wilhelmshaven ist laut einer Untersuchung in Deutschland am stärksten vom
> Klimawandel bedroht. Ein Besuch in der Stadt am Meer.
(IMG) Bild: Wasser zu sehen gibt es hier genug: ein Spaziergang am Südstrand von Wilhelmshaven
Am östlichen Eingang zur Wilhelmshavener Marktstraße, der Einkaufs- und
Flaniermeile der Stadt, sind die Schaufenster eines leer stehenden
Geschäftshauses überklebt. „Wir machen grün statt grau“, steht da auf einem
in dicken Lettern, um für das städtische Projekt zu werben, das eine
„klimaresiliente Innenstadt“ schaffen will. Doch das Gegenteil einer
grünen, an die Klimaerhitzung angepassten Innenstadt zeigt sich gleich
daneben: Die Marktstraße ist vollflächig gepflastert, bis zum anderen Ende
ein paar Hundert Meter hinunter. Auf den grauen, rechteckigen Steinplatten
sammelt sich das Wasser von den vergangenen märztypischen Regenschauern
mittig der Länge nach. Erst in den abgehenden Seitenstraßen finden sich
hier und da einige Bäume, denen auch ein wenig ungepflasterter Boden
eingeräumt wurde.
Wie viele deutsche Städte hat Wilhelmshaven nicht nur ein ästhetisches
Problem mit seiner Innenstadt – worauf eine „klimaresiliente Innenstadt“
einerseits eine Antwort sein soll, indem es sie laut Fensterbeklebung zum
„attraktiven Lebens- und Arbeitsort“ transformieren will. Wilhelmshaven hat
aber vor allem ein Problem, das ein paar Relevanzstufen über der
ästhetischen Frage steht: Wie rettet man eine Stadt, über die die
Klimakrise mit ziemlicher Gewissheit in den kommenden Jahrzehnten
hinwegfegen wird?
Die 75.000-Einwohner:innen-Stadt in Niedersachsen landete beim Ende
vergangenen Jahr veröffentlichten [1][„Klima-Risikoindex“] auf Platz eins.
Das Institut der deutschen Wirtschaft und die Ergo-Versicherung hatten für
alle 400 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland eine
Gefahrenprognose erstellt, wie risikobehaftet sie jetzt schon sind – und
wie gefährdet ihre Infrastruktur um das Jahr 2050 sein wird. Basierend auf
zehn Naturgefahren, etwa Sturm, Starkregen und Hitzestress, liegt
Wilhelmshaven auf dem Index mit einer Skala von 0 bis 10 schon jetzt mit
5,7 an der Spitze. Bis 2050, so die Prognose, wird der Wert auf 5,88
steigen. Nirgendwo anders in der Bundesrepublik sind die Gefahren durch die
Klimakrise so hoch.
Im Wilhelmshavener Rathaus, einem Backsteinbau aus den 1920ern, das wegen
seiner monumentalen Form mit dem mittig aufragendem Turm auch „Burg am
Meer“ genannt wird, sitzt Carsten Feist an einem Besprechungstisch – und
zeigt sich demonstrativ unbeeindruckt von dem Spitzenplatz seiner Stadt auf
dem Index. Es gebe ja ständig allerlei Rankings. „Und auch dieses hier
nimmt man zur Kenntnis.“ Eine Überraschung sei es für den parteilosen
Bürgermeister jedenfalls nicht gewesen. „Es ist ja der besonderen Situation
hier an der Küste geschuldet“, sagt Feist.
Naheliegenderweise ist die Gefahr von Sturmfluten die größte. Zu drei
Seiten liegt die Stadt direkt am Meer: im Norden zur offenen Nordsee, wo
mit dem Jade-Weser-Port der einzige deutsche Tiefwasserhafen angesiedelt
ist; im Osten zum Eingang in den Jadebusen, wo sich der größte Stützpunkt
der Deutschen Marine befindet; und im Süden zum Jadebusen hin mit seiner
langen, der Stadt vorgelagerten Promenade.
## Deiche werden erhöht
Der Schutz der Deiche ist nicht Aufgabe der Stadt, dafür ist vor allem das
Land zuständig. Mit finanzieller Unterstützung des Bundes gibt
Niedersachsen in diesem Jahr rund 120 Millionen Euro für den Küstenschutz
und für Hochwasserschutz im Binnenland aus. Die Umsetzung von mehr als 280
Einzelmaßnahmen sei damit in diesem Jahr geplant, gab Niedersachsens
Umweltminister Christian Meyer (Grüne) vorvergangene Woche bekannt.
Entsprechend des steigenden Meeresspiegels sollen die Deiche der gesamten,
über 600 Kilometer langen Küste mittelfristig [2][um einen Meter erhöht
werden.]
Mehrere Kilometer lang lässt sich auf der Deichpromenade am Südstrand
spazieren. Tief unten schwappt das Meerwasser an einem Vormittag im März
ruhig gegen den Deich, sodass im Falle einer Sturmflut ein Übertritt des
Wassers über den Deich kaum vorstellbar scheint. Nur, so ein Deich kann
auch durch hohen Druck brechen. Wie es dann im Wilhelmshaven aussähe, lässt
sich im Zentrum der Stadt, direkt neben dem Rathaus erahnen: Schräg
gegenüber, an der ebenfalls rot verklinkerten Fassade des früheren Postamts
ist eine weiße Linie in rund drei Metern Höhe markiert. Sie zeigt die
Pegelhöhe der Sturmflut von 1962 an.
Große Teile der bewohnten Flächen von Wilhelmshaven hätten, wenn der Deich
damals gebrochen wäre, demnach unter Wasser gestanden. Dass er damals
gehalten hat, ist nach Feists Ansicht aber nicht unbedingt ein Grund zur
Beruhigung. Die zunehmende Klimaerhitzung bedeutet schließlich, dass die
Intensität und die Häufigkeit solcher Ereignisse tendenziell zunimmt, auch
wenn aktuell eine Sturmflutsaison endet, die glimpflich ausging: Nur acht
leichte Sturmfluten hat es an der niedersächsischen Küste gegeben, schwere
oder sehr schwere Sturmfluten blieben aus, meldete das zuständige Landesamt
Ende März.
Glimpflich ja, aber für Feist ist es dennoch eine Mahnung: „Das Klima zeigt
uns mit Sturmfluten ja längst ein paar Mal im Jahr, dass es nicht mit uns
verhandelt.“
Wie geht also die Stadt damit um? Festhalten lässt sich: Vom Klimaschutz
allein hat sich die Stadt, wie wohl das gesamte Land, mittlerweile ein
Stück weit verabschiedet – zu eindeutig ist, dass sogar das 1,5-Grad-Ziel
im langfristigen Durchschnitt nicht mehr erreichbar ist. Schon jetzt gibt
es in Deutschland durchschnittlich mehr Extremwetterereignisse, die auf die
Klimaerhitzung zurückzuführen sind. Der Pegel der Nordsee ist vor der
niedersächsischen Küste im Vergleich zum Jahr 1900 [3][schon um rund 25
Zentimeter gestiegen.]
## Klimaschutz und Klimaanpassung
Es ist jedoch nicht so, dass Klimaschutz in Wilhelmshaven keine Rolle mehr
spielen würde, weil alle Bemühungen nur noch dahin gehen, mit der
Klimakrise umzugehen. Der 56-jährige Feist zumindest, der vor seiner
Amtszeit als Bürgermeister lange als Verwaltungswirt bei der Stadt tätig
war und schon rein habituell kaum wie ein radikaler Klimaschützer
durchgehen würde, sieht seine Generation noch in der Pflicht zum
Klimaschutz. „Wir sind die letzte Generation, die noch eine Alternative
hat“, sagt Feist. Ergo: Die Generation nach ihm kann eigentlich nur noch
[4][Klimaanpassung] statt Klimaschutz betreiben.
Dennoch findet auch in Wilhelmshaven schon jetzt beides statt. „Wir haben
ein 150-seitiges Grundsatzpapier erarbeitet, mit dem wir Klimaschutz und
Klimaanpassung gleichzeitig beitreiben“, sagt Feist. Am Rathaus ließe sich
das am besten veranschaulichen: Viel Energie fresse das knapp 100 Jahre
alte Gebäude. Würde es energetisch saniert werden, sei das ein Beitrag zum
Klimaschutz – und gleichzeitig eine Anpassungsmaßnahme gegen Kälte und
Hitze zugleich. Einfach sei das aber natürlich nicht bei einem ikonischen
Klinkerbau, das unter Denkmalschutz steht. Aber nötig. „Und das wollen wir
mit allen 150 städtischen Gebäuden erreichen“, sagt Feist. Ebenso dazu
gehören Entsiegelungsmaßnahmen, wie sie in der Fußgängerzone geplant sind:
Einerseits sind sie durch die Begrünung ein Beitrag zum Klimaschutz –
andererseits eine Klimaanpassungsmaßnahme, weil Wasser dann schneller
versickern und Hitzeperioden erträglicher würden.
Die Entsiegelung und Wiederbegrünung ist Kernstück des [5][Prinzips
Schwammstadt], das seit einigen Jahren in jeder größeren Stadt als
Klimaanpassungsmaßnahme diskutiert wird: Dort, wo zu viel Fläche im Laufe
der Jahrzehnte versiegelt wurde, soll der Boden künftig Regenwasser am Ort
des (Extrem-)Niederschlags wie ein Schwamm aufsaugen und wieder abgeben,
wenn es benötigt wird.
Wie in den meisten Kommunen in Deutschland gibt es aber auch in
Wilhelmshaven bei allen Maßnahmen und Wünschen Prioritätenlisten. Das Geld
ist schließlich knapp. Auf eine halbe Milliarde Euro steuert der
Schuldenberg der Stadt zu, die dazu eine der höchsten Armutsquoten
Deutschlands hat. „Wir müssen uns fragen, bei welcher Maßnahme wir mit
wenig Einsatz maximalen Ertrag haben“, sagt Feist. Was natürlich bedeutet:
Sinnvolle Maßnahmen werden nicht unbedingt sofort umgesetzt, wenn sie teuer
sind.
## Widerstreitende Interessen
Und andere, widerstreitende Interessen gibt es ja darüber hinaus auch noch:
Die 1869 vom preußischen König Wilhelm I. [6][zum Aufbau seiner Marine
gegründete Stadt] darbt wirtschaftlich seit Jahrzehnten, weshalb die wegen
seiner Weitläufigkeit und den vielen Naherholungsgebieten selbsternannte
„grüne Stadt am Meer“ als Wirtschaftsmaßnahme weiter Flächen versiegelt –
zuletzt hatte der Stadtrat beschlossen, einen Teil des
[7][Naturschutzgebiets Voslapper Groden der Hafenindustrie zuzuschlagen.]
Und die Priorisierung bedeutet auch: Reine Klimaanpassungsmaßnahmen können
Vorrang vor Klimaschutzmaßnahmen bekommen. Zumindest hat laut Feist das
städtische Wasserkanalsystem eine hohe Priorität. Auch weil es alt ist,
aber auch, weil im Zuge einer eigens erstellten Betroffenheitsanalyse
ermittelt wurde, welche Stadtbereiche besonders gefährdet sind.
„Wir haben hier Stadtteile, die unter dem Meeresspiegel liegen“, sagt
Feist. Das bedeutet: Die Deiche können zwar das Meerwasser abhalten. Wenn
es aber von oben in großer Menge und in kurzer Zeit kommt, hilft das auch
nicht und es muss über die unterirdischen Abwasserkanäle schnell abfließen
können. Ein paar Entsiegelungsmaßnahmen nach dem Schwamm-Prinzip würden
nicht genügen.
Also reicht das alles schon? Ist das nicht ein bisschen wenig für die große
Gefahr, die Wilhelmshaven droht?
„Wichtig ist, dass wir beständig an den Aufgaben arbeiten“, sagt Feist. Ein
Vorteil, den Wilhelmshaven trotz der höchsten Klimagefahr in Deutschland
hat, ist nach Feists Ansicht die Erfahrung: „Wir fragen uns ja etwa in
Sachen Katastrophenschutz nicht erst seit gestern, was passieren muss, wenn
etwas passiert“, sagt Feist.
Das Bewusstsein der Gefahr von Extremwetterereignissen sei direkt am Meer
wohl ausgeprägter als anderswo im Land, vermutet er. „Wenn ich mir ansehe,
dass nach der [8][Flutkatastrophe im Ahrtal] teils an selber Stelle jetzt
wieder Häuser aufgebaut werden, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln“,
sagt er. „Wir wissen, dass wir bestens auf solche Ereignisse vorbereitet
sein müssen.“
7 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.iwkoeln.de/studien/johannes-ewald-hanno-kempermann-urbane-infrastruktur-deutscher-regionen-unterschiedlich-durch-klimawandel-bedroht.html
(DIR) [2] https://www.nlwkn.niedersachsen.de/startseite/hochwasser_kustenschutz/kustenschutz/kuestenschutz-in-niedersachsen-sicherheit-fuer-die-menschen-45612.html
(DIR) [3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1299773/umfrage/meeresspiegels-am-kuestenpegel-cuxhaven/
(DIR) [4] /Hitzeschutz-Frankreich-zeigt-wie-es-besser-geht/!6104462
(DIR) [5] /Entsiegelungs-Wettbewerb-Abpflastern/!6134336
(DIR) [6] /Wilhelmshavens-Last-der-Vergangenheit/!5844372
(DIR) [7] /FFH-Gebiet-soll-Industrieanlage-werden/!6160862
(DIR) [8] /Flutkatastrophe-in-Deutschland/!t5787404
## AUTOREN
(DIR) André Zuschlag
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