# taz.de -- Urteil am Landgericht Hannover: 8,5 Jahre Haft für korrupten Staatsanwalt
       
       > Vor dem Landgericht Hannover ist der Prozess gegen den Staatsanwalt
       > Yashar G. zu Ende gegangen. Er hat sich von einem Drogenkartell bezahlen
       > lassen.
       
 (IMG) Bild: Ende des Prozesses am 20. März: Der angeklagte Staatsanwalt (Mitte) steht neben seinen Verteidigern im Landgericht Hannover
       
       Die Reue hat sie ihm nicht abgekauft. Das macht die Vorsitzende Richterin
       Jana Bader in ihrer mündlichen Urteilsbegründung deutlich. Zu achteinhalb
       Jahren Haft verurteilt sie den heute 40-jährigen Staatsanwalt Yashar G. –
       wegen schwerer Bestechlichkeit und des Verrats von Dienstgeheimnissen in
       neun Fällen.
       
       Damit geht vor dem Landgericht Hannover ein Prozess zu Ende, der mit einem
       der größten Justizskandale des Landes in Verbindung steht. Die Aufarbeitung
       dieses Skandals ist damit nicht abgeschlossen: [1][Ein parlamentarischer
       Untersuchungsausschuss soll sich bald damit befassen], wie der Maulwurf so
       lange unentdeckt bleiben konnte – und warum er auch nach ersten Hinweisen
       lange nicht abgezogen wurde.
       
       Aber, sagt Richterin Bader, mit den politischen Konsequenzen hatte sich
       diese Hauptverhandlung nicht zu befassen. Hier ging es um die individuelle
       Schuld der beiden Angeklagten. Neben dem Staatsanwalt war das sein
       Boxtrainer Amir F., der als Mittelsmann zu den Drogenhändlern fungiert
       hatte. Er wurde zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf
       Bewährung verurteilt.
       
       Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die beiden Ergebnisse aus einem
       großen Ermittlungskomplex aus dem Bereich des organisierten Drogenhandels,
       den Yashar G. als Staatsanwalt selbst bearbeitete, immer wieder an die
       Beschuldigten weitergereicht hatten.
       
       ## Die Champions League der Drogenhändler
       
       Und das waren nicht irgendwelche Drogenhändler, sagt die Richterin. Das
       waren die „größten Drogenhändler Hannovers“, Menschen, die sich selbst
       schon in der „Champions League der Drogenhändler“ verorteten, wie es in
       einem ihrer Chats hieß.
       
       Yashar G. steckte ihnen, wer gegen sie ausgesagt hatte, welche ihrer
       chiffrierten Chats schon entschlüsselt worden waren und welche nicht,
       welche Chatteilnehmer identifiziert wurden, bei wem Überwachungsmaßnahmen
       oder Haftbefehle beantragt wurden. Damit ermöglichte er den Köpfen des
       Kartells nicht nur die Flucht, er sorgte auch dafür, dass sie ihre
       Geschäfte fortführen, sich reorganisieren, den Ermittlern immer einen
       Schritt voraus sein konnten.
       
       [2][Bis zu jenem Großeinsatz im März 2022, nach dem den LKA-Ermittlern
       dämmerte], das es ein gewaltiges Leak geben musste: 1.100 Einsatzkräfte
       waren ausgerückt um 60 Objekte zu durchsuchen und 30 Haftbefehle zu
       vollstrecken. Sie trafen auf vollständig angekleidete Menschen, die mit
       ihrer Familie am Frühstückstisch saßen und entscheidende Beweise längst
       beiseite geschafft hatten. Die Köpfe der Bande hatten sich ins Ausland
       abgesetzt. Die Ermittler, die den Einsatz monatelang vorbereitet hatten,
       waren fassungslos.
       
       Das, so die Richterin, merkte man dem Ermittlungsführer auch immer noch an,
       als er im Gerichtssaal aussagte. Niemals sagte er, hätte er sich einen
       solchen Verrat vorstellen können. Nicht von dem Staatsanwalt, der ihm da –
       genau dann, als in der Einsatzzentrale unentwegt die Telefone klingelten –
       unmittelbar gegenüber gesessen hatte. Und die Reaktion des Angeklagten?
       Kalt, unbewegt – wie so oft in diesem Prozess.
       
       ## Reue sieht anders aus, findet das Gericht
       
       Das war nur einer der Gründe, warum das Gericht ihm seine salbungsvollen
       Schlussworte – er habe viele Menschen enttäuscht und bereue das zutiefst –
       nicht so ganz abgenommen hat. Auch die Art und Weise, [3][wie er im Laufe
       des Prozesses immer wieder mit dem Finger auf andere gezeigt habe] oder
       seine Ex-Freundin als Zeugin angegangen sei, habe dazu beigetragen, erklärt
       die Richterin.
       
       Er hatte die Ex-Freundin nicht nur aus der Haft heraus, mit einem
       eingeschmuggelten Telefon, zu beeinflussen versucht. Sondern sie auch mit
       intimen Fragen bloßgestellt, von denen er selbst aber dringend verschont
       werden wollte, und zu diskreditieren versucht.
       
       Tatsächliche, umfängliche Reue sehe anders aus, fand die Richterin. Und sie
       hoffe, dass er die Haft auch nutze, um einmal die gesamtgesellschaftlichen
       Folgen in den Blick zu nehmen, den Schaden, den er der Glaubwürdigkeit der
       Justiz zugefügt habe – und nicht bloß die Folgen für sich selbst und seine
       Familie, die er immer wieder beklagt hat.
       
       Als Jurist, so viel steht fest, wird er auch nach der Haft so schnell kein
       Bein mehr auf den Boden kriegen. Auch eine Zulassung als Anwalt bekommt er
       mit einer solchen Vorstrafe auf Jahre hin nicht.
       
       Offen bleibt aber, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Über seine Motive
       hat der Angeklagte keine Auskunft gegeben, sein überraschendes Geständnis,
       das er im Januar durch seine Anwälte verlesen ließ, blieb dürftig und
       beschränkte sich auf das, was ohnehin zu beweisen war.
       
       ## Motive unklar, Geld verschwunden
       
       Im Prozess deutete sich immer wieder an, dass es möglicherweise noch mehr
       Taten und auch noch andere Kunden gab – so klingt es jedenfalls in den
       Chats der Kriminellen. Überhaupt war es in erster Linie deren
       Geschwätzigkeit, die dem Staatsanwalt zum Verhängnis wurde. Er selbst hat
       wenig Spuren hinterlassen, immer darauf bestanden, dass nichts schriftlich
       festgehalten wird.
       
       Auch das Geld, das er mutmaßlich damit verdient hat, ist nicht gefunden
       worden, wie Staatsanwalt Nils Leimbrock in seinem Plädoyer noch einmal
       ausgeführt hat. Nur eine verdächtige Bareinzahlung auf sein Konto hat man
       ausfindig gemacht. Das Gericht konnte dann auch „nur“ 45.000 Euro zur
       Einziehung anordnen – das sind die 5.000 Euro pro nachgewiesener Tat, die
       man aus den Chats rekonstruieren konnte.
       
       Und selbst diese Summe hatten seine Anwälte noch kleiner erscheinen lassen
       wollen: In Wirklichkeit habe er doch bloß die Hälfte bekommen, die andere
       Hälfte habe der Boxtrainer eingesteckt. Das Gericht hielt dies für eine
       Schutzbehauptung.
       
       ## Das politische Nachbeben kommt noch
       
       Dem Boxtrainer glaubte man dagegen, dass er hier bloß als Mittelsmann
       zwischen lauter alten Freunden fungiert hatte, dem die meiste Zeit das
       Ausmaß seiner Botschaften nicht einmal bewusst gewesen sei. Als
       „menschlichen Briefkasten“ hatte der Staatsanwalt ihn bezeichnet. Trotzdem
       muss auch er sich nun vier Jahre lang mit Bewährungsauflagen herumplagen
       und eine Geldauflage von immerhin 15.000 Euro an die Staatskasse bezahlen.
       
       Um die politischen Nachbeben dieses Prozesses wird sich ab April ein
       parlamentarischer Untersuchungsausschuss kümmern. Dann wird es unter
       anderem darum gehen, ob den frühen Hinweisen auf diesen Maulwurf energisch
       genug nachgegangen wurde, ob der Staatsanwalt nicht früher aus der
       Abteilung für Betäubungsmittelkriminalität hätte abgezogen werden müssen –
       und ob Vorgesetzte und politisch Verantwortliche das wahre Ausmaß dieses
       Skandals vielleicht nicht wahrhaben wollten oder gar zu vertuschen
       versuchten.
       
       20 Mar 2026
       
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