# taz.de -- Untersuchungsausschuss zum Justizskandal: Wer ließ den Maulwurf weiterwühlen?
       
       > Der Korruptionsprozess gegen einen Staatsanwalt in Hannover lässt viele
       > Fragen offen. Niedersachsens CDU will deshalb einen
       > Untersuchungsausschuss.
       
 (IMG) Bild: Rekordfund im Hamburger Hafen, doch die Hintermänner konnten sich absetzen – wegen Korruption in der Justiz?
       
       Als „einen der größten Justizskandale in der Geschichte des Landes
       Niedersachsens“ bezeichnete Oppositionsführer Sebastian Lechner (CDU) die
       Affäre. Und verantwortlich ist dafür in seinen Augen die Justizministerin
       Kathrin Wahlmann (SPD). Deshalb will die CDU jetzt einen parlamentarischen
       Untersuchungsausschuss einsetzen. Titel: „Justizskandal Wahlmann“.
       
       Ob es bei diesem Titel bleibt, muss sich erst noch herausstellen. Fest
       steht: Die Affäre um den mutmaßlich korrupten Staatsanwalt, der über Jahre
       hinweg interne Informationen verkauft haben soll, kann noch einiges an
       Aufklärung vertragen.
       
       Dieser Justizskandal beschäftigt [1][Niedersachsen nun schon seit Ende
       Oktober 2024] – damals wurde bekannt, dass der damals 39-jährige
       Staatsanwalt Yashar G. in U-Haft genommen wurde. Er soll dafür
       verantwortlich sein, dass zwei große Ermittlungsverfahren nicht erfolgreich
       abgeschlossen werden konnten und sich die Köpfe der beschuldigten
       Drogenbande vor ihrer Verhaftung ins Ausland absetzen konnten.
       
       Dabei ging es unter anderem um jenes Kokain-Kartell, das sich beim
       Schmuggel von spektakulären 16 Tonnen Kokain über den Hamburger Hafen
       erwischen ließ. Das war im Februar 2021 der bis dahin größte Fund, der Zoll
       und Drogenfahndern je gelungen war.
       
       ## Ein spätes und eher dürftiges Geständnis
       
       [2][Seit April 2025 wird dem Mann] vor dem Landgericht Hannover der Prozess
       gemacht. Zunächst leugnete er hartnäckig und versuchte, den Verdacht auf
       das LKA zu lenken. [3][Er erzählte wortreich von seinem schwierigen
       sozialen Aufstieg] als Flüchtlingskind aus dem Iran zum Top-Juristen und
       unnachgiebigen Ankläger in Drogensachen. Niemals, so behauptete er damals,
       hätte er all dies für so wenig Geld aufs Spiel gesetzt.
       
       Die Beweise gegen ihn präsentierten sich als mühsam zusammengesetztes,
       kleinteiliges Puzzle: Da waren die Funde von Einsatzplänen und
       Ermittlungsakten auf seinem privaten Handy und anderen Datenträgern, die
       entschlüsselten Chats aus den Kryptohandys der Kriminellen, Zeugen aus dem
       Milieu.
       
       Und zu der Beweislage kamen wohl auch die bedrückenden Haftbedingungen. Der
       Staatsanwalt klagte über einen gewaltsamen Übergriff, musste aber auch in
       Einzelhaft, weil er wohl noch aus dem Gefängnis heraus versucht hatte,
       Zeugen zu beeinflussen.
       
       Im Januar dieses Jahres knickte er dann ein und legte ein Teilgeständnis
       ab. Im Rahmen eines Deals mit der Staatsanwaltschaft gestand er 9 der
       angeklagten 14 Taten. Dafür sollte seine Strafe nicht höher als acht Jahre
       und neun Monate ausfallen.
       
       ## Der Prozess lässt viele Fragen offen
       
       Auch der mitangeklagte Boxtrainer, Deckname „Coach“, der als Mittelsmann
       fungiert haben soll, gestand. Weil Yashar G. allerdings nur das einräumte,
       was kaum noch zu leugnen war, blieben zahlreiche Fragen offen. Wie war der
       Kontakt zum Kartell ursprünglich zustande gekommen? Wann hatte er
       angefangen, Informationen zu verkaufen? Gab es weitere Abnehmer, wie
       einzelne Zeugenaussagen andeuteten?
       
       Was war sein Motiv? Der dringende Wunsch nicht nur im Justizapparat,
       sondern auch bei seinen alten Kumpanen von der Straße den großen Macher zu
       markieren? Brauchte er das Geld, um sein Doppelleben mit diversen Geliebten
       vor der Ehefrau geheimzuhalten? Hatte er sich in irgendeiner Art und Weise
       angreifbar und erpressbar gemacht? Oder ist er gar gezielt in die
       Staatsanwaltschaft platziert worden?
       
       Alle diese Fragen wird der Prozess wohl nicht mehr klären. Nach den
       bisherigen Planungen des Landgerichts sollen hier am 18. März die Plädoyers
       gehalten und am 20. März soll ein Urteil verkündet werden.
       
       Der parlamentarische Untersuchungsausschuss, den die CDU nun anstrebt, wird
       klären müssen, welche politischen Konsequenzen man aus dieser Affäre ziehen
       muss. Denn auch in der Handhabung dieses Skandals scheint so ziemlich alles
       schiefgelaufen zu sein, was schieflaufen kann.
       
       ## Betreibt die Justizministerin bloß Schadensbegrenzung?
       
       So wurden frühe Hinweise auf den Maulwurf in der Staatsanwaltschaft
       ignoriert, ein erstes Ermittlungsverfahren gegen den Mann eingestellt, die
       Ermittlungen intern geführt, statt sie an eine andere Staatsanwaltschaft
       abzugeben.
       
       Besonders schwer wiegt, dass man den Staatsanwalt – trotz der Ermittlungen
       gegen ihn, die sogar zu einer Hausdurchsuchung führten – nicht einmal aus
       den großen Drogenprozessen abzog und in eine andere Abteilung versetzte.
       Das geschah erst, nachdem er selbst bei seinen Vorgesetzten angezeigt
       hatte, dass sein Schwager wegen Drogenhandels zu einer mehrjährigen
       Haftstrafe verurteilt wurde.
       
       Das sei ein Fehler gewesen, räumte Justizministerin Wahlmann vor dem
       Rechtsausschuss ein. Man hätte den Mann früher aus dieser Abteilung nehmen
       und ihm auch vorläufig untersagen müssen, seine Dienstgeschäfte auszuüben.
       Die disziplinarische Aufarbeitung sei in dieser Sache noch nicht
       abgeschlossen.
       
       Sie habe außerdem verfügt, das künftig solche Ermittlungsverfahren immer an
       eine andere Staatsanwaltschaft abzugeben seien. Der CDU-Opposition ist das
       zu wenig und zu spät. Sie wirft der Ministerin nicht nur Führungsversagen
       vor, sondern auch, das Parlament in dieser Sache nur zögerlich,
       unvollständig und möglicherweise sogar unzutreffend unterrichtet zu haben.
       
       Es ginge jetzt um nicht weniger, als das Vertrauen in den Rechtsstaat zu
       reparieren, hieß es auf der CDU-Pressekonferenz. Den entsprechenden Antrag
       auf die Einrichtung des 26. parlamentarischen Untersuchungsausschusses will
       man im April stellen – für eine rechtssichere Ausformulierung war die Zeit
       bis zur Landtagssitzung im März zu knapp.
       
       Immerhin muss man bei der Formulierung des Untersuchungsausschusses
       aufpassen, dass es kein Bumerang wird: Die ersten Hinweise auf den Maulwurf
       hatte das Ministerium nämlich noch unter der Führung der damaligen
       CDU-Justizministerin Barbara Havliza erhalten.
       
       In ihre Amtszeit fällt auch die Einstellung des Staatsanwaltes, der sich
       aus Berlin zurückversetzen ließ. Ursprünglich war er aufgrund einer
       Vorstrafe wegen Körperverletzung nicht in den niedersächsischen
       Justizdienst übernommen worden. Könnte sein, dass der Ausschuss am Ende
       unter dem Titel „Justizskandal Havliza/Wahlmann“ firmieren muss.
       
       3 Mar 2026
       
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