# taz.de -- Debütroman „Fische im Trüben“: Ohne Lippenstift auf Deutschland warten
> Elli Unruh schreibt vom kargen Leben der Russlanddeutschen in der
> kasachischen Steppe. Damit ist sie für den Preis der Leipziger Buchmesse
> nominiert.
(IMG) Bild: Könnte so schön sein, wenn die autoritären gesellschaftlichen Verhältnisse andere wären: Steppe in Kasachstan
Monumental ist die Landschaft, vor der der junge Krocha angeln geht und
Äpfel pflückt. Weit der Blick in die Steppe, begrenzt nur von den fernen
Gipfeln des Tian-Shan-Gebirges. Die Böden sind fruchtbar, es wachsen zwei
Kilo schwere Äpfel, und auch eigentlich alles andere gedeiht hier. Nur,
ganz freiwillig leben Krocha und seine Familie nicht in dieser Landschaft.
Denn Elli Unruhs Debütroman „Fische im Trüben“ spielt [1][in den 1970er
Jahren im Süden Kasachstans, und der Zehnjährige ist Russlanddeutscher].
Seine Familie gehört zur deutschen Minderheit in Russland, die auf
Einladung von Katharina der Großen im 18. Jahrhundert gen Osten zog. Sie
siedelten vor allem an der Wolga und der Schwarzmeerküste, wo sie ob ihrer
landwirtschaftlichen Tüchtigkeit willkommen waren. Das änderte sich mit den
kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts zunehmend, [2][bis
die Russlanddeutschen unter Stalin im Zweiten Weltkrieg nach Sibirien und
Kasachstan deportiert wurden], in Lagern für Zwangsarbeit interniert oder
der Erfrierung in der Steppe preisgegeben. Nach dem Krieg leben sie zehn
Jahre in geschlossenen Siedlungen, können diese ab 1955 verlassen.
Dort beginnt die Welt von „Fische im Trüben“. Der Roman begleitet das Leben
der Familie Fest, die mit weiteren Russlanddeutschen im Dorf Mihailowka
lebt. In episodischen, lose miteinander verknüpften Kapiteln fächern sich
die verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder auf. Handlung wird
dabei nur am Rande vorangetrieben. Krocha, Tante Hedi, Onkel Hein und
Mutter Schenja sind eher in Raum und Zeit geworfen. Sie führen ein
spartanisches Landleben, halten sich mit bäuerlichem Geschick in der
Mangelwirtschaft der Sowjetunion über Wasser.
Die Alten heilen ihre Wunden der Entrechtung. Die Jungen versuchen, ein
Leben trotz dieser Widerstände aufzubauen. Insgeheim warten alle nur
darauf, die Sowjetunion zu verlassen, um in die deutsche Heimat ihrer
Vorfahren zurückzukehren. Die 1987 in Kasachstan geborene Autorin ist
selbst Mitglied dieser Minderheit, wuchs aber in Deutschland auf – [3][mit
dem Zerfall der Sowjetunion bekamen die Russlanddeutschen die Möglichkeit
zur Übersiedlung in die Bundesrepublik].
## Bewusst gesetzte Leerstellen
Der Roman handelt also vom Fremdsein in der eigenen Heimat. Krocha ist dort
geboren, kennt keine anderen Orte und spürt trotzdem, dass er nicht
willkommen ist. Etwa, wenn ihm in der Schule klargemacht wird, dass er
seinen Traum, Kosmonaut zu werden, als „Faschist“ nicht verwirklichen
können wird.
Dieses Schicksal wird nicht in der Form einer linearen, eindeutigen
Erzählung dargeboten, sondern vielstimmig und subtil. Unruh hat einen
Familienroman auf der Höhe der Zeit geschrieben, [4][der bewusst viele
Leerstellen lässt] und keine Meistererzählung des Vergangenen strickt. Sie
verzichtet auf historische Einordnungen; Namen und Ereignisse fallen betont
beiläufig. Dieses tastende Aussparen reflektiert die prekäre
gesellschaftliche Stellung von Krocha und seinesgleichen.
Obwohl inzwischen offiziell von der sowjetischen Führung rehabilitiert,
wirkt das Stigma des „Feinds im Inneren“ fort. Man wird beäugt, schweigt
lieber. Beispielhaft dafür ist eine Szene, in der das russische Love
Interest Maxim von Tante Hedi wissen möchte, warum sie deutsch ist. Doch
Hedi rückt nur zögernd mit ihrer Familiengeschichte heraus, vermeidet Worte
wie Deportation oder Vertreibung. Man erfährt gerade so viel, um eine Idee
von der Wurzellosigkeit dieser Familien zu erhalten.
## Verzicht auf Schönheit
All das entsteht erst in der Deutung des Textes, die dem Leser obliegt. Das
macht den großen Reiz dieses Romans aus, der diesen Effekt durch seine
offene, episodische Erzählstruktur und seine nüchterne Sprache erzielt.
Kurze, prägnante Sätze geben den Alltag dieser Menschen, die am liebsten
die Vergangenheit vergessen würden, im Präsens wieder. Alles geschieht im
Augenblick.
Zugleich ist der Verzicht auf das Schöne auch ein Abbild des Glaubens der
Fests. [5][Sie sind Mennoniten], eine protestantische Strömung, die sich
durch einen hohen Anspruch an der Verwirklichung der Botschaft von Jesus
Christus im eigenen Leben kennzeichnet. Kriegsdienst wird kategorisch
verweigert, getauft wird nur im Erwachsenenalter, wenn eine bewusste
Entscheidung für ein christliches Leben möglich ist.
Das Kapitel, das den Glaubenssätzen in ihrer alltäglichen Gestalt nachgeht,
zählt zu den stärksten des Romans. Familie Fest gibt viel auf ihre
Genügsamkeit, alles soll sauber sein, aber nicht schön. Gekämmte Haare sind
in Ordnung, Lippenstift nicht. Karikiert wird diese ostentative
Bescheidenheit, wenn Besuch empfangen wird – dann darf auf einmal alles
funkeln und glänzen.
Unterbrochen wird diese nüchterne Haltung sprachlich von dosiert
eingestreuten Metaphern, [6][die eindrücklich die Landschaft in Szene
setzen]: „Lag hier einmal das Paradies? So wie im Frühjahr der Duft von
Bergblumen über die grüne Steppe weht, scheint es möglich, und im Mai erst,
wenn im Weizen der Mohn lodert, kann man sich fast sicher sein.“
Ihre unberührte, raue Ursprünglichkeit steht im Kontrast zu den von
Menschen gemachten Gewaltverhältnissen, aus denen diese Familie
hervorgegangen ist. Anders formuliert: Es könnte eigentlich schön dort
sein, wenn die autoritären gesellschaftlichen Verhältnisse andere wären.
Dass die eine oder andere Metapher ins Blumige verrutscht, ist verzeihlich.
Unruh hat ein bemerkenswertes Debüt geschrieben, das eine treffende Form
für sein Sujet findet.
18 Mar 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) David Hinzmann
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