# taz.de -- Roman über Belarus: Die EU-Kommission bekundet tiefe Besorgnis
> Das neue Buch von Viktor Martinowitsch trägt den polemischen Titel „Das
> Gute siegt“. Ein großes Werk über das bleierne Belarus.
(IMG) Bild: Darf nicht verhungern: der Kater Heidegger in dem Roman „Das Gute siegt“ von Viktor Martinowitsch
Die Träume von einem freien Land: zerschlagen. Als alles vorbei ist,
gleicht Minsk einer Geisterstadt. Bedrohung, Angst, Paranoia liegen in der
Luft. „Wenn das Fantasy war, dann musste sie jemand mit einer großen
Faszination für das Computerspiel ‚Syberia‘, die totalitäre Moderne und
Orwells ‚1984‘ ersonnen haben“, denkt Matwej, die Hauptfigur des Romans
„Das Gute siegt“, als er durch die Straßen fährt.
Ihm fällt dabei ein, dass die belarussische Übersetzung des dystopischen
Klassikers von Orwell auf den Index gekommen war, ebenso Joseph Brodskys
„Ballade vom kleinen Schlepper“ – ein Kindergedicht. „Um die Absurdität
begreifen zu können, muss man manchmal selbst zu einer Absurdität werden“,
sinniert er weiter.
„Das Gute siegt“ ist der polemische Titel des neuen Romans von Viktor
Martinowitsch. Er zeigt darin, wie Absurdität und Grausamkeit, wie
Überwachen und Strafen ineinandergreifen in der Lukaschenko-Diktatur.
Martinowitsch ist ein [1][berühmter Autor in Belarus], sein erster Roman
„Paranoia“ wurde 2009 verboten, weil die Kritik am Regime wohl allzu
offensichtlich war.
## Seine Werke werden im Ausland veröffentlicht
Seine Werke, so auch sein neuestes, können oft [2][nur im Ausland
erscheinen.] Der Autor lebt heute noch immer in Belarus, er lehrt an einer
Universität in Vilnius. Er erzählt also auch von sich selbst, wenn er sagt,
man müsse zu einer Absurdität werden, wenn man sie verstehen wolle.
Martinowitsch zeichnet in „Das Gute siegt“ das Belarus der jüngeren
Gegenwart nach – mit seinen Propagandisten und seiner Scheinjustiz, seinen
Repressionen und prügelnden Spezialeinheiten, aber auch mit seiner
widerständigen Zivilgesellschaft, hier in Form eines Theaterensembles, das
wohl dem Belarus Free Theatre nachempfunden ist.
Dabei arbeitet er etliche kulturgeschichtliche Bezüge ein, von Jeanne d’Arc
über die Französische Revolution und die Dreyfus-Affäre bis hin zur
Popkultur in der Zeit der Perestroika. Eine tapfere Kämpferin gegen die
Regierung heißt in seinem Buch Lady Di, die Philosophieprofessorin des
Protagonisten hat einen Kater namens Heidegger. Als sie verhaftet wird,
soll er das Tier aus ihrer Wohnung retten, Heidegger droht zu verhungern.
## Jeanne d’Arc und belarussische Frauen
Die Hauptfigur Matwej hat darüber hinaus zunächst eine Art
Beobachterposition inne, die das Geschehen erst reflektiert und allmählich
in die Handlung hineingezogen wird. Matwej ist Schauspieler, er soll in dem
fiktiven Stück „Das irdische Gericht“ des fiktiven Autors Romuald Yehudis
eine Nebenrolle spielen. Behandelt wird darin der Jeanne-d’Arc-Stoff, der
Bezug zu den Frauen als Protagonistinnen der belarussichen Opposition ist
dabei deutlich erkennbar.
Das Stück muss von den Zensoren einer „Abnahmekommission“ genehmigt werden
– diese fordert zunächst, Szenen auszulassen, ehe das Stück ganz abgesetzt
und der künstlerische Leiter des Theaters entlassen wird. Jeanne d’Arc
scheitert auf der Bühne, ihre Wiedergängerinnen scheitern auf der Straße.
Martinowitsch gelingt es, den Diktator und seine Lakaien vorzuführen, vor
allem mithilfe eines abgründigen Humors, der immer wieder aufblitzt und mit
dem er die lächerlichen Fake News über den Westen und den Personenkult um
Lukaschenko entlarvt.
Aber die Spitzen des Autors richten sich auch gegen den Westen und die EU;
nachdem Matwej später erst selbst inhaftiert und dann wieder entlassen
wird, solidarisieren sich amerikanische Promischauspielkollegen, können
aber nicht mal seinen Namen aussprechen und halten Belarus für Russland.
Und Mitstreiterin Polina unterrichtet ihn, dass sein Fall in Europa zum
Politikum geworden sei: „Die EU-Kommission hat in deinem Fall zweimal ihre
Besorgnis bekundet. Erst einfache Besorgnis. Dann tiefe Besorgnis.“
Nicht nur wegen solcher Minipointen, die sich durch den Roman ziehen, lohnt
die Lektüre. „Das Gute siegt“ darf schon jetzt als eines der großen Bücher
über das bleierne Belarus in der Zeit nach der niedergeschlagenen
Revolution 2020 gelten. Wer wissen will, wie Lukaschenko die
Belaruss:innen seither (mund)tot gemacht hat, der erfährt das
verdichtet in dieser referenzreichen, anspruchsvollen, aber nicht
überbeanspruchenden Handlung. Die Sprache ist dabei rasant, scharf,
zugespitzt. Das Gute siegt? Wer dieses Buch gelesen hat, wird daran auch
jetzt, da viele politische Gefangene freikommen und Lukaschenkos Kurs
unklar scheint, größte Zweifel haben. Und Besorgnis ausdrücken. Tiefe
Besorgnis.
24 Jan 2026
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