# taz.de -- Krise der Sozialdemokratie: Die Partei, die nicht will, aber immer funktionieren muss
> Nach den Wahlniederlagen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und
> München: Die SPD sucht nach Antworten – und wirkt orientierungsloser denn
> je.
(IMG) Bild: Die SPD steht vor einer Herausforderung: Wie soll sie auf den Abwärtstrend reagieren?
Nach der Wahlniederlage in Rheinland-Pfalz herrscht in der SPD
Ratlosigkeit. Der Frust ist so groß, dass nicht mal die üblichen Rituale
absolviert werden. [1][Der abgewählte SPD-Ministerpräsident Alexander
Schweitzer kommt am Montag nach der Niederlage nicht ins Willy-Brandt-Haus
in Berlin] – nicht wir waren es, die Bundespartei war schuld, soll das
heißen. Die SPD hat nach 35 Jahren in Mainz wegen der Bundes-SPD die Macht
verloren. Diese Erzählung setzt sich durch, auch wenn es etwas
komplizierter ist. Das blame game läuft.
Die Parteichefs, Lars Klingbeil und Bärbel Bas, imprägnieren sich gegen
mögliche Rücktrittsforderungen mit einem kühnen Verweis auf die Weltlage,
Iran, Ukraine, Donald Trump. Da dürfe man jetzt nicht „die SPD ins Chaos
stürzen“, so Klingbeil. Das offenbart ein Problem der SPD. Sie ist die
Partei, die nicht will, sondern immer muss. Regieren, funktionieren.
Es geht nicht nur um Rheinland-Pfalz. [2][In Baden-Württemberg kam die SPD
knapp über 5 Prozent. Die Lage dort ist existenziell bedrohlich.] In
München, das seit Jahrzehnten sozialdemokratisch geprägt ist, stolpert die
Partei dem Abgrund entgegen. Die Volkspartei SPD verwandelt sich in einem
anscheinend unaufhaltsamen Prozess in eine norddeutsche Regionalpartei, die
nur noch zwischen Bremen und Schwerin Mehrheiten organisieren kann. Warum?
Was könnte nun helfen? Kann überhaupt etwas helfen?
## Der Faden ist gerissen
Anruf bei Kurt Beck. Der 77-Jährige hat Rheinland-Pfalz fast 20 Jahre lang
regiert. Nach 2006 sogar mit absoluter Mehrheit. Der gelernte Elektriker
war auch SPD-Vorsitzender im Bund und einer der ganz wenigen
SPD-Spitzenpolitiker ohne Abitur und Uniabschluss. Diese Bodenhaftung fehlt
der SPD derzeit.
Die Niederlage seiner Partei in Rheinland-Pfalz findet Beck „bedrückend“.
Aber er warnt davor, alle Schuld auf dem Duo Bas/Klingbeil abzuladen. „Sie
haben sich nicht hinter einer Schutzmauer verschanzt“, so Becks Eindruck.
„Das Spitzenpersonal auszuwechseln, würde nichts Positives bewirken.“
Vielleicht spielt bei dieser Skepsis auch das Schwielowsee-Trauma eine
Rolle. 2008 hatte Franz Müntefering den SPD-Chef Beck per Intrige abgesetzt
und Frank-Walter Steinmeier zum Kanzlerkandidaten gemacht. Das Ergebnis:
2009 verlor die SPD krachend die Wahl. Auch der halb erzwungene Rücktritt
von Andrea Nahles 2019 war kein Ruhmesblatt. Bei der SPD hapere es nicht am
Spitzenpersonal, sagt Beck. Die Malaise liege tiefer. „Wir haben den Faden
zu einem Teil der Arbeitnehmerschaft abreißen lassen.“
## Die Genossen von Germersheim
Die SPD ist schon lange eine Akademikerpartei geworden, eine Partei der
Lehrer, Juristen, Politikwissenschaftler und Beamten. In diesem
Verwandlungsprozess hat sie die Antennen zu den Arbeitern verloren. Zu der
neuen Unterschicht in der Dienstleistungsgesellschaft, von Pflegekräften
bis zu Paketzustellern, hatte sie nie einen Draht. Aber auch in den
kriselnden Großindustrien, in denen die Angst vor dem Abstieg grassiert,
verliert sie an Zuspruch. Wie in Germersheim, einer Kleinstadt mit 20.000
Einwohnern unweit der Industriemetropole Ludwigshafen am Rhein.
Ziya Yüksel kommt zum Interview in einem Café in Germersheim direkt von der
Nachtschicht. Er arbeitet als Chemikant bei der BASF in Ludwigshafen.
Yüksel ist SPD-Genosse. Wir treffen ihn und Karl-Heinz Hoffmeister,
ebenfalls SPD-Mitglied. Beide kommen aus Arbeiterhaushalten. Yüksel wuchs
als Kind von Arbeitsmigranten in Germersheim auf und hat sich früh gegen
Rassismus und Ausgrenzung engagiert. Hoffmeister kommt aus einem
SPD-Haushalt in Niedersachsen und studierte Jura. Ein klassisch
sozialdemokratischer Aufstieg durch Bildung. Nach Germersheim kam er wegen
seines Jobs bei der Daimler AG. Dort war er Stabsleiter des
Gesamtbetriebsrats.
Die beiden treiben zwei Fragen um: Warum hat die SPD die Landtagswahl
verloren? [3][Und wie kann die SPD den Vormarsch der AfD stoppen?]
## Es gibt sozialdemokratisches Potenzial
Hoffmeister und Yüksel tippen sich ab und an am Arm an, wenn sich nicht
einer Meinung sind. Beide wissen meist schon, was der andere gleich sagen
will. Die beiden Männer sind über 50, und sie haben schon oft über die SPD
debattiert. Hoffmeister sitzt für die SPD im Stadtrat, Yüksel ist
Vorsitzender des Kreisverbandes Germersheim und im Migrationsbeirat. In
Germersheim haben laut Zensus 2011 mehr als 50 Prozent der Einwohner eine
Zuwanderungsgeschichte. Jetzt bei den Landtagswahlen wählten in der Stadt
35 Prozent die AfD, die damit stärkste Kraft wurde. So war das auch schon
bei der Bundestagswahl 2025.
Das Ergebnis der AfD ist eine Katastrophe, sagen beide. Dabei hat
Germersheim eigentlich sozialdemokratisches Potenzial. Die Stadt ist
geprägt von Industrieansiedlungen. Bei Mercedes-Benz arbeiten hier 2.500
Leute aus der Region in einem großen Logistikzentrum. Doch beim
Fahrzeughersteller brach im Sommer der Gewinn um mehr als die Hälfte ein.
Der Chemieriese BASF in Ludwigshafen kündigte im Februar Sparmaßnahmen an
und kürzte Investitionen.
Warum ist die AfD für Arbeiter attraktiv? Hoffmeister vermutet, die Rechten
hätten die einfacheren Antworten. Die Geopolitik – Stichworte China und
US-Zölle – würden viele verunsichern. „Ich habe ‚Zentrum Automobil‘
erlebt“, sagt Hoffmeister. Das ist eine selbsternannte „alternative
Gewerkschaft“ mit engen Verbindungen zur AfD und rechtsradikalen Gruppen.
In Stuttgart-Untertürkheim holte das „Zentrum“ 2022 bei den
Betriebsratswahlen bei Mercedes-Benz 15,8 Prozent. Bundesweit ist die
Vereinigung bisher kaum erfolgreich. Hoffmeister erzählt, wenn das
„Zentrum“ bei Versammlungen den Verbrenner zurückforderte, „bebte die ganze
Betriebsversammlung“. Dass Verbrennermotoren eigentlich keine Zukunft
haben, das rücke in dem Moment in den Hintergrund. Es gebe den Menschen in
dem Augenblick Sicherheit – eine falsche.
Der Aufstieg der Rechten und der AfD bei der früheren Kernklientel ist die
andere Seite des Abstiegs der SPD. Die Rechte legt damit die wunde Seite
der Sozialdemokratie offen. In Ostdeutschland ist dieser Prozess weiter
fortgeschritten, in Rheinland-Pfalz dramatisch, aber noch vergleichsweise
übersichtlich. Bei den Landtagswahlen machten 31 Prozent der WählerInnen
mit Hauptschulabschluss bei der SPD ihr Kreuz, 23 Prozent bei der AfD.
## Die Jugend macht Yüksel Sorgen
Der Erfolg der Rechten hat, so die beiden Basis-Genossen, ganz handfeste
konkrete Gründe. „Die Rechten haben mehr Manpower“, sagt Yüksel. Vor den
Landtagswahlen sei die AfD in Germersheim präsent und aktiv gewesen.
Zweimal die Woche hatte die AfD in der Innenstadt direkt vor der
Berufsschule einen Stand aufgebaut. „Junge Menschen sind meines Erachtens
nach empfänglich für einfache Parolen und stärker durch soziale Medien
beeinflusst“, so Yüksel. Bei den Jüngeren schnitt die AfD bei den
Landtagswahlen knapp besser ab als die SPD.
Gerade die Jugend macht Yüksel Sorgen – beziehungsweise deren Fehlen. Die
SPD-Mitglieder sind im Schnitt 60 Jahre alt, in Germersheim sind sie noch
älter, sagt Hoffmeister. „Es gelingt uns nicht ausreichend, Nachwuchs zu
gewinnen“, sagt Yüksel. Das Ergebnis: Wenige müssen viel Parteiarbeit
machen. Und die AfD macht am Ende den kraftvolleren Wahlkampf. Auch digital
ist die AfD besser aufgestellt. Yüksel ist zwar auch auf sozialen
Plattformen aktiv, Hoffmeister aus Prinzip nicht. „Ich will meine Ansichten
nicht in einem 15-Sekunden-Video herunterbrechen müssen“, sagt er. Die Welt
sei dafür zu komplex.
Was sollte die SPD jetzt tun? Nach solchen Wahldebakeln muss eine Partei
signalisieren: Wir haben verstanden. Aber was? Juso-Chef Philipp Türmer
fordert, dass die SPD „eine Kampfgemeinschaft“ wird, die soziale
Gerechtigkeit und Umverteilung durchsetzt. Allerdings hat die SPD in
Rheinland-Pfalz nicht an die Linkspartei verloren – wahlentscheidend war,
dass 80.000 Ex-SPD-Wähler diesmal die CDU ankreuzten. Das kann man nur
bedingt als Votum für eine entschlossene Wende nach links deuten.
## Uneins bei der Analyse
[4][Der rechte Flügel der SPD, der Seeheimer Kreis, glaubt, dass die Partei
sich zu viel um Nischenthemen, Minderheiten und Bürgergeldempfänger
gekümmert hat]. Nun müsse die SPD wieder die „hart arbeitende Mitte“
vertreten – eine Formel, ohne die schon seit Monaten keine SPD-Rede
auskommt.
Die Genossen Yüksel und Hoffmeister sind sich da nicht ganz einig.
Hoffmeister überlegt, ob die SPD nicht klar genug gemacht hat, dass sie
sich um Arbeitnehmer kümmere und nicht nur um sozial Benachteiligte. Yüksel
widerspricht: „Das ist doch Humbug.“ Die SPD kämpfe doch „gegen die
Beschneidung von Mitbestimmungsrechten und Sicherungssystemen von
Arbeitern.“ Als reine Mitte-Partei, die von Vielfalt und Minderheiten
nichts wissen wolle, sei die SPD auf dem falschen Weg.
Kurt Beck plädiert, die SPD müsse mehr „über Tarifverträge und
Sozialpartnerschaft reden. Arbeitnehmer sind kein Kostenfaktor mit Ohren,
sondern gleichberechtigte Partner“. Es gehe um „die Basics unserer
Politik“.
Allerdings schlummert in dieser Analyse ein vertracktes Problem. Denn die
SPD hat ja die Agenda 2010 überwunden und macht beharrlich
Arbeitnehmerpolitik. Zum Beispiel mit dem Mindestlohn, der den
Niedriglohnsektor schrumpfen ließ, auch wenn den erst die rot-grüne
Regierung bis 2005 aufgepumpt hatte. In der schwarz-roten Regierung
versucht die SPD gerade gegen den zähen Widerstand der Union durchzusetzen,
dass nur Unternehmen, die Tariflöhne zahlen, Aufträge vom Staat bekommen.
Das ist eine konkrete, effektive Maßnahme, die Tarifbindung zu steigern –
und damit auch die Löhne. Das Missliche: Teile ihrer früheren Kernklientel
wählen die SPD trotzdem nicht mehr.
Die AfD ist ein doppelter Grund für die Malaise der Sozialdemokratie –
aggressive Konkurrenz in ihrer Stammklientel und auch noch ein Player, der
die politische Bewegungsfreiheit der SPD verkleinert. Die Union in die
Hände der AfD zu treiben, ist für die SPD ein Unding. Die schwarz-rote
Regierung sei deswegen „zum Erfolg verdammt“, sagt ein SPD-Linker, und
damit ist die SPD „zum Kompromiss verdammt“.
Da ist schon wieder viel „muss“ und wenig „will“. Politik als Exekution von
Notwendigkeit. Die SPD leuchtet derzeit einfach nicht.
## Die SPD-Fehleranalyse ist vorhersehbar
Und dann auch noch München: Die Stadt war, viel mehr noch als
Rheinland-Pfalz, SPD-Gebiet. Hans-Jochen Vogel, Georg Kronawitter,
Christian Ude – Sozialdemokraten haben München zu dem gemacht, was es ist.
Dieter Reiter, zwölf Jahre lang SPD-Oberbürgermeister, hat die Wahl
verloren. „Ich hab’s verbockt“, sagte er am Wahlabend. Und manche fragen:
War es das auch mit der SPD in München?
Reiters Niederlage ist der Tiefpunkt des langen Niedergangs der Münchner
SPD, die auf ein reines Verwalten und „Weiter so“ setzte. In München können
sich Normalverdiener kaum noch eine Wohnung leisten, ein Armutszeugnis für
eine Partei, die soziale Gerechtigkeit für sich reklamiert. Im Stadtrat ist
die SPD nur noch die drittstärkste Fraktion. Alt-OB Christian Ude zog nach
der verlorenen Wahl ein vernichtendes Fazit: „Die SPD, auch in München, ist
eine politisch entleerte Partei geworden.“ Das klingt nicht mehr nach
Krise, sondern schon fast nach Zusammenbruch.
Insgesamt ist SPD-Fehleranalyse nach den Niederlagen in Stuttgart, München
und Mainz vorhersehbar wie der Sonnenuntergang. Die SPD-Linke fordert mehr
Umverteilung, manche mehr Fokussierung auf das Thema Frieden, der rechte
Flügel mehr Pragmatismus und Mitte. Kurzum: Alle fordern unbeeindruckt von
den Wahlen das, was sie schon immer gefordert haben.
## War die Bundespolitik wirklich entscheidend?
Das Desaster in München ist hausgemacht. Und Mainz? Hatten die SPD und
Alexander Schweitzer, der populäre Ministerpräsident, angesichts des
Bundestrends keine Chance? Auch beliebte SPD-Politiker können bei
Landtagswahlen in der Regel kaum mehr als 12 Prozentpunkte über den
aktuellen Umfragewerten der Bundes-SPD holen. Das war ungefähr das Ergebnis
der SPD in Rheinland-Pfalz.
Auch Yüksel und Hoffmeister haben beim Haustürwahlkampf die Erfahrung
gemacht, dass die Bundespolitik entscheidend war. 90 Prozent wollten über
bundespolitische Themen sprechen. „Landespolitik wie Polizei und Bildung
hat niemand interessiert“, sagt Hoffmeister.
Doch wenn man etwas genauer hinschaut, wird das Bild komplexer. Befragungen
nach den Wahlen zeigen: Für 56 Prozent war die Politik in Rheinland-Pfalz
wichtiger, nur für 40 Prozent die Bundespolitik. Und noch gravierender: Es
gab nach 35 Jahren SPD-Regierung einen Hauch von Wechselstimmung. 57
Prozent fanden, dass es mal „an der Zeit für eine andere Partei“ sei.
## Schweitzers Wahlkampf war zu gemütlich
Hat die SPD in Rheinland-Pfalz etwas übersehen? Claudia Ritzi, Professorin
für Politische Theorie von der Universität Trier, sieht hausgemachte
Fehler. Alexander Schweitzer habe die Verlustängste vieler Menschen nicht
ausreichend thematisiert. Das zeige sich besonders in strukturschwachen
Gegenden wie der Pfalz, und in Städten wie Pirmasens oder Kaiserslautern.
„Die Leute dort haben den Eindruck, dass sie jahrelang nicht unterstützt
wurden“, so Ritzi. Die AfD bediente erfolgreich die Angst, etwa im
Vergleich zu Migranten benachteiligt zu werden, und „arbeitete viel mit
negativen Emotionen“.
Diese Gefühle fallen auf fruchtbaren Boden, gerade weil viele Städte und
Gemeinden hoch verschuldet sind. Den Bürgermeistern seien wegen der klammen
Kassenlage in fast allen Bereichen die Hände gebunden. „Nach 35 Jahren an
der Macht wird eine Partei einfach für alles verantwortlich gemacht, was im
Land nicht läuft“, sagt Ritzi. „Die Daten sprechen eine klare Sprache: Ein
Teil der klassischen SPD-Klientel ist zur AfD gewechselt.“
Dabei hätte Alexander Schweitzer die Chance gehabt, sich als neue Person zu
präsentieren, die alte Problemfelder anpackt, so Ritzi. Stattdessen habe er
versucht, in alter SPD-Manier, den neuen Landesvater zu spielen. Doch nach
anderthalb Jahren im Amt hatte er nicht die Sympathiewerte, mit der seine
Vorgängerin Malu Dreyer Wahlen für sich entschied, auch wenn der
Bundestrend mies war. „Die neue Malu zu werden, war vielleicht einfach das
falsche Ziel“, sagt Ritzi.
Schweitzers Wahlkampf war zu gemütlich – und ohne Zuspitzung. Viel
landesväterliches Image, wenig Zukunftsversprechen. Deshalb gab es auch
keinen Özdemir-Effekt in Rheinland-Pfalz. In Baden-Württemberg votierte
auch SPD-Klientel für den Grünen, weil sie Özdemir mehr zutrauten als dem
allzu glatten CDU-Mann Manuel Hagel. In Rheinland-Pfalz blieb der
umgekehrte Effekt aus: Kaum Wähler der Grünen oder Linken glaubten, dass es
einen großen Unterschied macht, ob CDU-Mann Gordon Schnieder oder
Schweitzer regiert.
## Wir müssen mehr arbeiten, ist die Ansage
Das ist mehr als ein taktischer Fehler in einem Landtagswahlkampf. Es ist
ein, vielleicht das zentrale Problem der Partei. Die SPD hat außer „Weiter
so“ wenig anzubieten. Sie verfügt über wenig sinnstiftende Ressourcen, über
keine zündenden Visionen. Und daher auch nicht über die Möglichkeit, im
Wahlkampf zu polarisieren, wenn es darauf ankommt.
Und jetzt? Karl-Heinz Hoffmeister sagt unverdrossen: „Ich bin stolz darauf,
in der SPD zu sein.“ Er plant erst mal eine Klausur im Ortsverein: Titel
„Quo vadis SPD in Germersheim?“ Man kann ja nicht einfach aufgeben.
Wird Lars Klingbeil, der nette, immer bis zur Langweile ausgewogen wirkende
SPD-Chef, die Partei retten? [5][Der Finanzminister entwirft am Mittwoch
eine Reformagenda für Schwarz-Rot.] Die Wirtschaft soll in Deutschland nach
Jahren der Rezession wieder anspringen. Wir müssen mehr arbeiten, so ist
die Ansage. Vorschläge wie Bürokratieabbau und mehr befristete Jobs
klingen, als kämen sie aus der CDU. Anderes ist O-Ton SPD: Abschaffung des
Ehegattensplittings und höhere Steuern für Reiche.
Es ist immerhin mal ein Lebenszeichen von der SPD – Klingbeils Team hat
sehr lange an dem Text geschraubt. Ist das ein Ausweg für die ideenarme,
einfallslose, ausgetrocknete Sozialdemokratie? Eine kühne Verbindung einer
sozialdemokratischen Gerechtigkeitserzählung mit wirtschaftlicher
Effektivität?
Auffällig viele CDU-Politiker von Thorsten Frei bis Hendrik Wüst loben
Klingbeil demonstrativ. Ob diese Rede am Ende mehr ist als die geschickte
Verpackung von nackten Sparzwängen, wird sich zeigen. Letzteres wäre für
die SPD die nächste Etappe auf dem langen Weg nach unten.
29 Mar 2026
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