# taz.de -- Krise der SPD: Mitleid ist noch schlimmer als Spott. Also weiterlachen!
       
       > Der SPD geht es schlecht, Hohn kommt von allen Seiten. Dabei hat die
       > Partei ein Alleinstellungsmerkmal, meint unser Autor.
       
 (IMG) Bild: Das war nix: Parteimitglieder der SPD verfolgen die ersten Hochrechnungen der Landtagswahl in Baden-Württemberg
       
       Nichts ist leichter, als fröhlich auf der SPD herumzuhacken. Ihre Schwäche
       ist so offensichtlich, dass sich der Spott geradezu anbietet. Hemmungen
       gibt es keine, selbst wenn die Partei am Boden liegt wie [1][in
       Baden-Württemberg mit 5,5 Prozent]. Auch das edle Gebot von Kurt Tucholsky,
       wonach Satire „nicht nach unten treten“ sollte, gilt für die SPD nicht,
       weil sie ja in Berlin noch oben an der Macht ist und dauernd irgendetwas
       mitbeschließt, was irgendwelche Leute sehr verärgert. Mal die Linken, mal
       die Rechten. Der Hohn kommt von allen Seiten.
       
       Ich gebe zu: auch von taz-Titelseiten. Weil uns distanzloses Bejubeln von
       Parteien fernliegt, pflegen und bedienen wir seit jeher lieber die
       menschliche Tradition der Schadenfreude. Die kann alle treffen, aber die
       SPD drängt sich besonders auf. Allein in dieser Woche dreimal, von den
       [2][„Magenkrämpfen bei der SPD“] nach der Wahl in Rheinland-Pfalz über den
       Münchner Nicht-mehr-Oberbürgermeister Dieter Reiter – [3][„Rentner (67)
       fliegt aus seinem Haus“] – bis zur Reformrede des unbeliebten SPD-Chefs:
       „Klingbeil droht an, noch länger zu arbeiten“.
       
       Auch ich mache gerade Überstunden, um diesen Text zu schreiben. Weil ich
       nun doch ein bisschen Mitleid spüre. Und Melancholie. Denn das mit mir und
       der SPD hat mal ganz anders angefangen. Ich war 18 und suchte Hoffnung,
       weil ich geschockt war. Bei der Europawahl 1989 hatten die AfD-ähnlichen
       „Republikaner“ in meiner Heimatstadt [4][Nürnberg fast 18 Prozent]
       bekommen, und mir fiel nichts Besseres ein, als noch am selben Abend in die
       SPD einzutreten.
       
       Die ruhige, stets kompromissbereite SPD schien mir am ehesten geeignet, um
       den Rechtsruck aufzuhalten und die Gesellschaft zu versöhnen. Was wohl auch
       daran lag, dass ich sie einst auf den Schultern meines Vaters kennengelernt
       hatte. Den Redner Helmut Schmidt hätte ich sonst nicht gesehen. Damals,
       1980, man kann es sich kaum noch vorstellen, füllten Tausende den
       Hauptmarkt, um den SPD-Kanzler gegen den CSU-Kotzbrocken [5][Franz Josef
       Strauß] zu unterstützen. Ein Choleriker, der über harmonieorientierte
       Menschen sagte: „Wer Everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt
       Everybody’s Depp.“ Heute scheint ihm das Schicksal der SPD leider recht zu
       geben.
       
       ## Also trat ich aus
       
       Meine Mitgliedschaft währte nur kurz. Die Jusos, die ironiefrei „auf die
       Revolution“ anstießen, stießen mich schnell ab. Wer so anfängt, dachte ich
       mir, kann am Ende nur enttäuscht sein. So wirkten auch die müden Alten im
       Ortsverein, die kontrovers über die Dekoration bei der Weihnachtsfeier
       diskutierten. Sinnsuche war schon immer schwer. Aber es lag auch an mir.
       Ich wollte lieber unabhängig über Politik schreiben als mitzumachen.
       Außerdem ärgerte ich mich über die damalige Weigerung der SPD, mit der
       linken PDS zu koalieren. Also trat ich aus.
       
       Geblieben ist mein Respekt für die Menschen in der SPD, die ohne Hetze
       Wahlkampf machen. Die sich ehrlich für mehr Gerechtigkeit einsetzen wollen
       und die versuchen, auch bei schwierigen Konflikten einen Kompromiss zu
       finden. Das fällt Leuten leichter, die nicht auf ein Problem fixiert sind
       wie die Grünen (ganz schnell das Klima retten), die CDU (ganz schnell das
       Stadtbild retten) oder die FDP (Zahnärzte retten). Wenn nun oft behauptet
       wird, niemand wisse mehr, wofür die SPD steht: Das ist es. Die Fähigkeit
       zum Nachgeben. Die ist ehrenwert und sollte nicht verächtlich gemacht
       werden. Wann war Kompromissbereitschaft wichtiger als jetzt, wenn sonst
       keine Regierung ohne AfD gebildet werden könnte?
       
       Trotzdem gibt es natürlich reine Machtgier, die wir kritisieren müssen, und
       grobe Fehler, die wir karikieren dürfen. Darauf aus Mitleid zu verzichten,
       würde bedeuten, der SPD gar nichts mehr zuzutrauen und sie wie eine
       Sterbenskranke zu behandeln. Also wie die FDP. Das wäre zu hart. Dann
       lieber weiterlachen!
       
       29 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/vorlaeufiges-amtliches-ergebnis-der-landtagswahl-2026
 (DIR) [2] https://www.instagram.com/p/DWMvfeSiBHf/
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/p/DWPGaOGiLAS/?hl=am-et
 (DIR) [4] https://www.nuernberg.de/imperia/md/statistik/dokumente/veroeffentlichungen/berichte/wahlberichte/euw1989_vorl_ergebnis_w100_.pdf
 (DIR) [5] /Franz-Josef-Strauss/!t5023310
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lukas Wallraff
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Starke Gefühle
 (DIR) wochentaz
 (DIR) SPD
 (DIR) Krise
 (DIR) Mitleid
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Rheinland-Pfalz
 (DIR) Podcast „Bundestalk“
 (DIR) Lars Klingbeil
 (DIR) SPD
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Krise der Sozialdemokratie: Die Partei, die nicht will, aber immer funktionieren muss
       
       Nach den Wahlniederlagen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und München:
       Die SPD sucht nach Antworten – und wirkt orientierungsloser denn je.
       
 (DIR) Krise der Sozialdemokratie: SPD im Niedergang
       
       Die SPD verliert Wahlen, Vertrauen und Orientierung. Woran liegt das und
       hat die Partei noch eine politische Zukunft?
       
 (DIR) Lars Klingbeils Reformrede: Ein Meister des Ungefähren
       
       Die Ideen, die SPD-Chef Klingbeil in seiner Reformrede verkündet, klingen
       ambitioniert. Ob sie durchsetzbar sind, ist hingegen mehr als fraglich.
       
 (DIR) SPD in Ostdeutschland: Mit Durchhalteparolen gegen den Abwärtssog
       
       Nach dem Absturz der SPD im Südwesten richten sich die Augen der Partei auf
       die kommenden Wahlen im Osten. Vor allem in Sachsen-Anhalt droht neues
       Ungemach.