# taz.de -- Angriff auf Lwiw: In der Ukraine gibt es keine sicheren Orte mehr
       
       > Die Metropole Lwiw ist ein besonders schmerzhaftes Beispiel für den
       > russischen Vernichtungswillen. Begreifen hierzulande endlich alle die
       > Bedrohung?
       
 (IMG) Bild: Bewohner:innen von Lwiw stehen am 24. März im Zentrum der Stadt am Ort eines russischen Drohnenangriffs
       
       Mitte der Woche stolperte ich im Internet über einen Gedanken, den ich
       nicht mehr abschütteln kann: „Wenn Russland nicht gestoppt wird, wird es
       alles zerstören, bis nur noch die Erinnerungen bleiben.“ Im vierten Jahr
       des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ist so ein Satz keine
       Zuspitzung mehr, sondern eine nüchterne Zustandsbeschreibung.
       
       Mitten am Tag griff Russland [1][am Dienstag mit Hunderten Drohnen an,
       darunter das historische Zentrum von Lwiw.] Lwiw ist eine Stadt kurz vor
       der polnischen Grenze, mehr als 1.000 Kilometer von der Front im Osten
       entfernt ist. Ihre historische Altstadt gehört zum
       [2][Unesco-Weltkulturerbe] und ist Symbol einer vielfältigen europäischen
       Geschichte. Nur durch Zufall gab es keine Toten, aber Verletzte. Ein
       Wohnhaus brannte, Trümmerteile flogen durch die Luft, zerstörten Autos und
       Geschäfte, auch die St.-Andreas-Kirche aus dem 17. Jahrhundert wurde
       beschädigt.
       
       Es gibt nur eine plausible Erklärung für Angriffe solcher Art: [3][Russland
       will töten], Erinnerung auslöschen. Seit 2022 hat Russland [4][über 730
       religiöse Gebäude beschädigt oder zerstört] – Kirchen, Moscheen, Synagogen.
       Kulturelle Stätten werden gezielt angegriffen, weil sie Identität stiften.
       So wird das Fundament eines Landes beschädigt, bis nur noch Schutt und
       Asche bleiben.
       
       Lwiw ist dafür in dieser Woche ein besonders schmerzhaftes Beispiel. Für
       viele ist die Stadt nicht nur ein Ort auf der Landkarte, sondern Teil einer
       oft weit verzweigten europäischen Familiengeschichte. Auch meiner. Wenn
       dort Gebäude zerfallen, verschwindet nicht nur ukrainisches Erbe, es
       verschwindet auch ein Teil von uns.
       
       Joseph Roth beschrieb 1924 in einer Reisereportage über Lwiw die
       Schwierigkeit, eine Stadt zu fassen. Man müsse „Farbe, den Duft, die
       Dichtigkeit“ der Luft beschreiben, das, was man „Atmosphäre“ nennt. Wie
       riecht eine Stadt im Krieg? Wie klingt es, wenn ein Haus in sich
       zusammenfällt, als wären es die Bauklötze eines Kindes? Wie wird diese
       „Atmosphäre“ spürbar? Die Ukrainer wissen das.
       
       Spätestens jetzt zerbricht eine Illusion, die sich im Westen hartnäckig
       hält: die Vorstellung „relativ sicherer“ Orte. Der Westen der Ukraine wurde
       lange als Rückzugsraum wahrgenommen. Lwiw zeigt: Das stimmt nicht. Es gibt
       keinen sicheren Ort.
       
       Vor diesem Hintergrund fiel es mir schwer, die [5][Rede von Bundespräsident
       Frank-Walter Steinmeier] zu hören. Er sprach am Tag der Angriffswelle beim
       75. Jubiläum des Auswärtigen Amtes über die großen Linien der gegenwärtigen
       Außenpolitik.
       
       Steimeier verurteilte den Krieg in der Ukraine, zugleich aber auch – mit
       großer moralischer Pose – den US-amerikanisch-israelischen Angriff auf den
       Iran. So lässt sich argumentieren. Doch er entschied sich ebenfalls, seine
       eigene politische Vergangenheit kaum zu reflektieren. Als Außenminister war
       er Verantwortlicher jener Russlandpolitik der Annäherung, deren
       Fehleinschätzungen bis heute wirken. Statt das klar zu benennen, fand er
       Erklärungen, Entschuldigungen.
       
       Von einem erfahrenen Politiker hätte ich mehr erwartet: zum Beispiel den
       Zusammenhang zu benennen, dass der Krieg im Nahen Osten Folgen für die
       Ukraine hat. Aufmerksamkeit verschiebt sich, ebenfalls Ressourcen. Russland
       füllt seine Kriegskassen wieder, nachdem die USA Sanktionen auf russisches
       Öl teilweise ausgesetzt haben. Zugleich leiden Menschen im Iran unter dem
       mörderischen Regime. Beides ist wahr.
       
       Diese Zusammenhänge zu sehen, Antworten zu geben und aus ihnen
       Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln – das ist die schwere Aufgabe.
       
       Denn sonst gilt für die Ukraine am Ende womöglich nur das, was der Satz am
       Anfang beschreibt: Erinnerung. Und ich fürchte, dass auch sie irgendwann
       verblasst.
       
       29 Mar 2026
       
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 (DIR) Erica Zingher
       
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