# taz.de -- Freundschaft in Zeiten der Überforderung: Wir sind zu Hause und draußen dreht die Welt durch
> Wenn die Welt brennt, wird die Einraumwohnung zum Labor für radikale
> Gefährtenschaft. Über die doppelte Buchführung der Realitätswahrnehmung.
(IMG) Bild: Musik verbindet gute Freunde
Kann es sein, dass die [1][Angst vor Krieg] zum neuen Wetterbericht
geworden ist? Die Zukunft fühlt sich an wie jetzt. Wir sind zu viert in
meiner Einraumwohnung und versuchen uns zu erinnern, wofür es sich zu leben
lohnt.
Ich frage mich, warum nicht immer alle bei mir abhängen und Pandeiro
spielen. Oder [2][politische Zusammenhänge] anhand alltäglicher Beispiele
erörtern. Warum nicht öfter das zweite Album von Kendrick Lamar aus den
Boxen tönt, während ein Freund aus der Küche ruft: „Mach mal lauter“.
Er zieht an seinem Joint, der für alle anderen zu stark ist. Seltsam, dass
ich den Song, der nach Indierock aus der Jugend und Cloud-Rap aus der
Gegenwart klingt, noch nie gehört habe. Die Musik wechselt, Haiyti. Ich
klopfe den Offbeat auf der Fensterbank mit und vergesse kurz meine privaten
Melodramen.
Ich schaue aus dem Fenster. Ich sehe die Stadt in der Nacht mit ihren roten
Lichtern und ich sehe die drei anderen, die sich spiegeln. Ich lasse mich
einsaugen in die doppelte Buchführung [3][der Realitätswahrnehmung].
Ich skippe zu einem Jungle-Beat von Rufige Kru und dann zu Cardi B. Wir
hier lieben schnelle Wechsel zwischen düsterer Erhabenheit und glitzerndem
Pop. Hi-Hats wirbeln um unsere Köpfe wie ein Schwarm Wespen um ein Glas
Limonade. Ich denke: Alles ist möglich. Hier drin sein und an draußen
denken. An die, die nicht hier sind. Die, die nicht mehr hier sind. Und
die, die von der Polizei mit Frisuren verprügelt oder vom Bundeskanzler
beleidigt werden.
## So viel Energie
Der Freund hört nicht auf, den Beat zu halten wie eine Drum Machine. Wie
eine fucking Drum Machine. Wie ich das liebe. Ich greife wieder zur
Pandeiro und spiele mit. Verdopple kurz das Tempo der Schläge. Ich nicke
den anderen beiden zu, um Eingang zu finden in die Frequenz ihres
Gesprächs.
Die Freundin runzelt die Stirn, um ihrem fadenscheinigen Standpunkt Tiefe
zu verleihen, und setzt das Whiskeyglas an. Der Freund fällt ein weiteres
Mal auf ihr Spiel rein und entgegnet wieder 3 Sekunden zu schnell. Ich
finde ihn schön. Auch die anderen finde ich schön. Sie strahlen so viel
Energie ab. Sie haben so viel zu geben und wissen es nicht.
Ich will es ihnen sagen, doch es ist auch riskant. Ist es einmal gesagt,
muss die folgende Erfahrung stärker sein als die Worte, um gegen sie
bestehen zu können. Also frage ich, ob sie noch was brauchen und schenke
ihnen ein. Ich schenke ihnen den guten Wein ein, den ich lange aufgehoben
habe.
Wir teilen vieles, eine Kindheit ohne Plot, die tiefen Narben toxischer
Familien, die Vorliebe für Gelaber, das nirgendwo anfängt und überall
endet, und dieses Gefühl, dass wir in mehreren Zeiten gleichzeitig leben.
## Glühende Menschen
Die Freundin liest gerade die Biografie von Mary Wollstonecraft. Da gibt es
keine Handys, kein Fentanyl, keine Killer-Drohnen. Voll geil. Allerdings
starben die Menschen mit 30 an einer Erkältung. Wir wären längst nicht mehr
am Leben.
Doch diese Menschen hier glühen, sie erfinden neue Weisen des Seins. Ein
soziales Experiment, so deep und banal, dass sie es fast übersehen. Auf der
Suche nach etwas, für das es keine Worte gibt.
Hach, keine Ahnung. In Nächten wie diesen ist der Gedanke ans Sterben ein
schiefgelaufener Witz einer Sitcom, bei dem das eingeblendete Lachen nie
abgeschaltet wurde. Oder?
29 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Philipp Rhensius
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