# taz.de -- Ein eigenwilliger Chronometer in Berlin: Die verlorene Zukunft der Zeit
       
       > Die Berlin-Uhr war mal ein Wahrzeichen im Westen der Stadt. Heute
       > erscheint sie so sonderbar, dass sich an ihr alles besser als die Zeit
       > ablesen lässt.
       
 (IMG) Bild: Hier bei der Berlin-Uhr muss man sich halt ausrechnen, wie spät es gerade ist
       
       Einst prangte sie prominent in sieben Meter Höhe auf dem Mittelstreifen des
       Kurfürstendamms im Zentrum Westberlins, heute steht sie verwahrlost und
       vergessen an der Budapester Straße zwischen Zoo und Breitscheidplatz: die
       Berlin-Uhr. Leicht ist sie so zu übersehen, zumal einem auf einen ersten
       Blick gar nicht klar wird, wozu dieses abstrakte Gebilde dient.
       
       Auf einer stahlgrauen Säule leuchten in vier horizontalen Balken Lichter in
       Rot, Orange und Gelb. Drei Lichtreihen sind in vier Felder unterteilt, eine
       vierte Reihe in elf kleine. Dass das das Ziffernblatt einer Uhr sein soll,
       muss erst mal erkannt werden, und denen, die hier die Uhrzeit abzulesen
       versuchen, stellt sie ein Rätsel auf.
       
       ## Im Guinnessbuch der Rekorde
       
       Denn wie der Bedienungsanleitung des Geräts zu entnehmen ist, hat die
       Berlin-Uhr „zugunsten der Mengenlehre auf Zeiger- und Ziffernblatt
       verzichtet und die Zeit in Lichtfelder zerteilt“. Als „erste Uhr der Welt,
       die die Zeit mit leuchtenden farbigen Feldern anzeigt“, ging sie bei ihrer
       Aufstellung 1975 ins Guinnessbuch der Rekorde ein.
       
       Was die Stunde geschlagen hat, erfährt man laut Bedienungsanleitung bei der
       Berlin-Uhr wie folgt: „In der obersten Reihe zeigt jedes Feld 5 Stunden, in
       der Reihe darunter jedes Feld 1 Stunde. In der nächsten Reihe folgen 11
       Felder zu 5 Minuten. In der untersten Reihe zeigt jedes Feld 1 Minute. Um
       die Zeit abzulesen, zählt man die Mengen der erleuchteten Felder von oben
       nach unten zusammen.“ Wenn man sich einen klassischen Rechenrahmen
       vorstellt mit den Lichtquellen der Uhr als Zählperlen, lässt sich ihre
       Funktionsweite leicht erkennen. Schnell mal die Zeit abzulesen, bleibt
       dabei aber eine umständliche Rechenaufgabe.
       
       Diesem Anspruch der Berlin-Uhr, ganz ohne Zahlenfolgen auszukommen und
       stattdessen mit einzelnen Einheiten die „Menge“ der verstrichenen Minuten
       und Stunden zu zeigen, ist geschuldet, dass sie auch „Mengenlehre-Uhr“
       genannt wird. [1][Im Westdeutschland der 70er Jahre] erhielten Kinder in
       einem neu gestalteten Mathematikunterricht farbige Plastikförmchen anstelle
       der üblichen Rechenübungen, um sie mit dieser Mengenlehre früh mit
       abstrakter Mathematik vertraut zu machen.
       
       Die eigentümliche Darstellung der Zeit auf der Berlin-Uhr mag viele an
       ähnlich überfordernde Aufgaben aus dem damaligen Unterricht erinnert und
       ihr so auch den doch irreführenden Namen eingebracht haben. Denn mit
       Mengenlehre hat die Funktionsweise der Uhr, wie Mathematiker bemerken,
       „nicht das geringste zu tun“.
       
       Ihr Erfinder Dieter Binninger hatte den Zeitmesser dem Land Berlin
       verkauft, welches ihr den Standort auf dem Kurfürstendamm bescherte. Für
       die Wartung der Uhr blieb aber Binninger zuständig. Die für die
       Leuchtanzeige verwendeteten Glühbirnen hatten aber eine deutlich geringere
       Lebensdauer als erwartet. Ihr Austausch in den sieben Metern Höhe
       erforderte die Verwendung einer Hebebühne und blockierte den Verkehr, was
       die Kosten für den Unterhalt der Uhr in ungeahnte Höhen trieb.
       
       Der Erfinder wusste sich letztlich selber zu helfen und erfand kurzerhand
       die Binninger-Birne: eine mit Edelgas befüllte Glühbirne mit einer um das
       150-Fache gesteigerten Lebensdauer. Seine neuerliche Erfindung zog
       allerdings die Aufmerksamkeit von den etablierten Elektrounternehmen auf
       sich, die den Markteinstieg solcher langlebigen Glühbirnen verhinderten.
       Stattdessen produzierten sie ihre Leuchtmittel nach den lukrativen
       Prinzipien der geplanten Obsoleszenz, wie [2][„Das Glühbirnenbuch“] des
       taz-Aushilfshausmeisters Helmut Höge dokumentiert. Wegen der absichtlich
       kurz gehaltenen Lebensdauer müssen ihre Birnen häufiger ersetzt, also
       nachgekauft werden.
       
       Nach dem Tod des Erfinders stand die Berlin-Uhr erst mal lange still. Kurz
       bevor die Bezirksverwaltung sie einem Uhrenmuseum im Schwarzwald überlassen
       wollte, bemühte sich ein Kreis von Geschäftsmännern des Europa-Centers um
       ihre Übernahme. So fand die Berlin-Uhr ihren heutigen Platz in der Nische
       an der Budapester Straße, damals direkt vor einem Touristenzentrum, wo sich
       nun eine Autovermietung befindet.
       
       ## Zeichen im Westen mit Blick nach Ost
       
       Die erste Aufstellung der Uhr auf dem Kurfürstendamm darf dabei durchaus
       als Versuch gelten, ein von westlichem Weltgeist strotzendes Gegenstück zur
       DDR-Weltzeituhr am Ostberliner Alexanderplatz zu bilden. Dazu passt es
       dann, dass die Berlin-Uhr in den 90er Jahren im Europa-Center landete, dem
       Einkaufszentrum aus den 60er Jahren mit dem Charakter eines verstaubten
       Kramladens in Supergröße, das heute selbst als Monument des ideologischen
       Wettkampfes zwischen Ost und West erscheint.
       
       Doch die Zeiten haben sich geändert und die Uhr ist selber gezeichnet vom
       Wandel der Zeit: Hinter den Scheiben ihrer Anzeige flackern die Glühbirnen,
       eine Lichtfläche ist ganz erloschen. Auf Anfrage schreibt die Verwaltung
       des Europa-Centers: „Sofern nötig und möglich, werden Reparaturen an der
       Elektrik von unserer Haustechnik vorgenommen.“
       
       In ihrem gegenwärtigen Zustand steht der Uhr nichts im Weg, im Strom der
       Zeit unterzugehen.
       
       29 Mar 2026
       
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