# taz.de -- Stadtarchiv Köln: Die offene Wunde in der Stadt
       
       > Seit das Stadtarchiv vor 17 Jahren beim U-Bahn-Bau einstürzte, klafft in
       > Köln eine Lücke. Die Restaurierung der Archivalien wird noch lange
       > dauern.
       
 (IMG) Bild: Eine Lücke in der Stadt, wo mal das Stadtarchiv war
       
       Die Baugrube ist jetzt 17 geworden. Und zwar keine süßen, sondern
       beschämende 17 Jahre, in denen wenig passiert ist rund um diesen
       Schandfleck im Kölner Severinsviertel. Die Rede ist vom 2009 beim
       U-Bahn-Bau eingestürzten Stadtarchiv mit 1,7 Millionen Dokumenten aus 1.000
       Jahren Stadtgeschichte. Zwei junge Männer starben in mitgerissenen
       Nachbarhäusern: verschüttet, begraben im Grundwasserkrater, der sich am 3.
       März 2009 um 13.58 Uhr auftat und das siebenstöckige Gebäude mit sich riss.
       
       Das Entsetzen war so groß wie die Hilfsbereitschaft. Zwei Schulen bekamen
       Ausweichquartiere, die Anwohner neue Domizile. [1][Die Suche nach den
       Verantwortlichen indes zog sich].
       
       Peu à peu kam heraus, dass es gefälschte Bauprotokolle und
       Organisationschaos gegeben hatte. Dass 32 statt 4 Grundwasserbrunnen
       gebohrt wurden, die den Untergrund destabilisierten. Dass die hierin
       ungeübten Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) die Bauaufsicht führten. Dass
       wichtige Stahlstützen gestohlen und an einen Schrotthändler verkauft worden
       waren. Und dass schon vor dem Einsturz so viel Wasser eindrang, dass die
       Baustelle zeitweilig per Boot befahren wurde.
       
       ## Durch Bauzaun Blick auf den Krater
       
       Wäre es nicht so tragisch, hätte das alles eine gute Boulevardkomödie
       abgegeben. Angesichts der Dimension des Unglücks wirkt die Baustelle aber
       eher wie eine offene Wunde: Eine erst 2023 mit Beton teilverfüllte Brache
       mit Sandbergen sowie allerlei Buschwerk präsentiert sich da. Dicht daneben
       die Kirche St. Georg, ein Café mit Bauzaunblick, ein Pflegeheim,
       Wohnhäuser, besagte Schulen. Auf der Baustelle selbst wuseln Bagger, Lkws
       und allerlei Bauleute. Was genau sie tun, erschließt sich nicht. Auch den
       berühmten Grundwasserkrater sieht man nur, wenn man an einer bestimmten
       Stelle durch den Bauzaun lugt.
       
       Und auch der provisorische Beton muss demnächst wieder weg, denn die
       Nord-Süd-U-Bahn wird unverdrossen weitergebaut. Sagenhafte acht Minuten
       Fahrzeit soll das neue Teilstück dereinst sparen. Zynische acht Minuten
       dauerte der Einsturz. Und acht Jahre sollen noch vergehen, bis die
       neuerlichen Tiefbauarbeiten vor Ort erledigt sind.
       
       Und dies ist ja nur ein Teilstück der 2003 begonnenen U-Bahn-Bauarbeiten,
       die von Anfang an Schlagzeilen machten: Mehrere Kirchen – St. Maria im
       Kapitol und St. Georg – bekamen während der Tunnelbohrungen Risse, sodass
       die Pfarrer das Inventar in Sicherheit brachten. Der Turm der Kirche St.
       Johann Baptist in Archivsichtweite neigte sich und ging als „[2][Schiefer
       Turm von Köln]“ in die Annalen ein. Auch das Stadtarchiv hatte sich wenige
       Wochen vor dem Einsturz bedenklich geneigt.
       
       Reagiert hat niemand. Besagte KVB-Bauaufsicht mahnte die Behebung der
       Probleme an, ein Ingenieurbüro attestierte der Baustelle Standsicherheit.
       Das war es dann. Wird schon halten – immer gemäß dem Kölner Motto „Et hätt
       noch immer jot jejange.“ Es ist noch immer gut gegangen.
       
       Aber diesmal nicht. Monatelang klaubten Helfer nach dem Einsturz
       Papierschnipsel zusammen und verteilten sie auf 20 Asylarchive. Manches
       wurde erst 2010, ein Jahr nach dem Einsturz, aus dem Schlamm geborgen. Die
       Restaurierung wird bis 2050 dauern, rund fünf Prozent wohl unrettbar
       verloren sein.
       
       ## Träge juristische Aufarbeitung
       
       Und die juristische Aufarbeitung, bei der es auch um zweifache fahrlässige
       Tötung durch Unterlassen ging? Die verlief so träge wie die Verfüllung der
       Grube: 2018, kurz vor Ende der Verjährungsfrist, verurteilte das Kölner
       Landgericht schließlich den Bauüberwacher und den Oberbauleiter zu
       Bewährungsstrafen, sprach zwei weitere Bauleiter frei. Wegen
       Verfahrensfehlern hob der Bundesgerichtshof die Urteile später auf und
       verwies die Fälle zurück ans Landgericht.
       
       Das stellte die Verfahren im August 2024 gegen Geldauflagen ein: Die
       verbliebenen Angeklagten seien nur „mittelbar“ verantwortlich, hieß es.
       Unmittelbar verantwortlich seien ein inzwischen verstorbener Baggerfahrer
       sowie ein erkrankter, verhandlungsunfähiger Polier. Zudem sei das
       öffentliche Interesse erloschen.
       
       Das aber stimmte nie. Gleich 2010 wurde am Schauspiel Köln [3][Elfriede
       Jelineks eigens verfasster, bitterböser Text] „Ein Sturz“ aufgeführt. Seit
       2011 müht sich zudem die [4][Initiative ArchivKomplex] um Mitbestimmung bei
       der Neubebauung und um würdiges Gedenken. Und das auf echt kölsche Art:
       2019, der Jahrestag fiel auf den Rosenmontag, monierten sie die lahme
       Aufarbeitung mit dem Banner: „10 Jahre Einsturz: das geht uns nicht am
       Arschiv vorbei“.
       
       Seit 2022 schließlich hängt, nach einigem Hin und Her, Reinhard Matz’
       „Beklagung in acht Tafeln“ zur Historie des Einsturzes am Bauzaun. Immer
       wieder kommen Passanten und lesen. Das öffentliche Interesse lebt.
       
       Hinweis: In der ersten Version des Textes stand, dass ein Drittel der
       Archivalien unrettbar verloren sei. Die Stadt Köln sagt nun, es seien fünf
       Prozent. Wir haben es geändert.
       
       26 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pfusch-am-Bau-und-koelscher-Kluengel/!5474587
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/St._Johann_Baptist_(K%C3%B6ln)
 (DIR) [3] /Drei-Stuecke-Jelineks-am-Schauspiel-Koeln/!5133050
 (DIR) [4] https://www.archivkomplex.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Petra Schellen
       
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