# taz.de -- Olympia-Referendum in Hamburg: Ringen um die Spiele
       
       > Kommende Woche sollen die Hamburger:innen über eine Olympiabewerbung
       > abstimmen. Die rot-grüne Wahlkampfkampagne ist in der Stadt nicht zu
       > übersehen.
       
 (IMG) Bild: Jetzt muss sich Hamburg entscheiden: Ja oder Nein zu den Spielen
       
       Es sind ziemlich genau 400 Meter vom einen Ende des Jungfernstiegs zum
       anderen. Auf die Idee, den Weltrekord von 43,03 Sekunden dafür zu
       unterbieten, kommt hier natürlich niemand. Auf Hamburgs Prachtpromenade
       schlendert man schließlich, blickt in die Schaufenster von Chanel und Apple
       auf der einen Seite oder lässt den Blick über die Binnenalster auf der
       anderen Seite schweifen.
       
       Ein Versuch, den Sprint des Südafrikaners Wayde van Niekerk bei den
       Olympischen Spielen in Rio de Janeiro von vor zehn Jahren zu unterbieten,
       wäre in diesen Tagen aber ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht nur,
       weil es gerade mehrere Baustellen auf der Promenade gibt. Denn da stehen
       auch noch einige Dutzend hüfthohe Plakataufsteller auf dem Gehweg, die kaum
       einen geraden Sprint erlauben.
       
       ## Senat wirbt mit Macht für ein Ja
       
       Es gibt gerade nicht viele weitere Orte in Hamburg, an denen auf so kurzer
       Strecke der Wahlkampf so intensiv geführt wird. Am 31. Mai können die
       Hamburger Wahlberechtigten darüber abstimmen, ob sich die Stadt für die
       Austragung olympischer und paralympischer Spiele bewerben soll. Der
       rot-grüne Senat ist dafür – und wirbt mit aller Macht für ein Ja beim
       Referendum. Er hat auch schon deutlich die Oberhand, was die Wahrnehmung im
       öffentlichen Raum angeht: In der ganzen Stadt hängen die Wahlplakate für
       ein Ja, auf kaum einer der digitalen Werbetafeln flimmert nicht die
       Pro-Olympia-Kampagne („Dein Ja macht Hamburg zur Nummer 1“), auf Dächern in
       der Innenstadt wehen Flaggen mit den olympischen Ringen – und am
       Jungfernstieg führt die Pro-Seite im Wahlplakatwettkampf mit den
       Olympia-Gegner:innen uneinholbar mit 21 zu 12.
       
       Dabei ist der Jungfernstieg nicht unbedingt der Ort, wo Wahlplakate die
       höchste Wirksamkeit erzeugen dürften. Menschen mit dicken Einkaufstüten,
       Rucksäcken und Selfiesticks dominieren hier, spazieren auf den
       Treppenstufen hinunter zum Anleger der Alsterdampfer und setzen sich auf
       die Steinbänke in die Sonne – augenscheinlich nicht wahlberechtigte
       Tourist:innen.
       
       Aber der Ort ist nun mal Kernstück des Olympiakonzepts; vor dieser Kulisse
       aus Wasser und stolzen Gründerzeitpalästen soll [1][im Jahr 2036, 2040 oder
       2044 einmal die Eröffnungsfeier stattfinden.] Eine mäßig realitätsnahe
       Visualisierung soll den Hamburger:innen schmackhaft machen, dass fünf
       den olympischen Ringen nachgebildete schwimmende Plattformen auf der
       Binnenalster als Kulisse locker anknüpfen können an die Eröffnungsfeier der
       vergangenen Spiele auf der Pariser Seine. Und sogar der sportliche
       Wettkampf um Medaillen soll auf schwimmenden Plattformen stattfinden: Am
       östlichen Rand der Binnenalster, wo gerade zwei der frisch vor wenigen
       Tagen aus ihrem Winterquartier entlassenen Alsterschwäne paddeln, soll gar
       der Bogenschießenwettbewerb überm Wasser ausgetragen werden.
       
       Eine schöne Kulisse bieten, aber auch ziemlich günstig sollen mit solch
       temporären Sportstätten Olympische Spiele in Hamburg werden. Bei der
       Vorstellung des Konzepts vor einigen Wochen, darauf war der Senat dieser
       Kaufmannsstadt besonders stolz, könnte am Ende der Spiele nicht mal eine
       rote Milliardensumme stehen, sondern – [2][ein Gewinn von 100 Millionen
       Euro!] Nicht nur die Linkspartei, die als einzige der demokratischen
       Parteien in der Hamburger Bürgerschaft gegen Olympia ist, glaubt das nicht
       – und warnt auf ihren wenigen, auch etwas schlichten Wahlkampfplakaten
       („Nein zu €lympia!“), die am Jungfernstieg wie im Rest der Stadt von
       olympiabegeisterten Plakaten umzingelt sind, vor mindestens sechs
       Milliarden Euro Miese.
       
       ## Hoffen auf den Kassenschlager
       
       18 Millionen Euro werden bis zum Wahltag aber schon mal weg sein, so viel
       haben SPD und Grüne für Konzept und Kampagne aus öffentlichen Mitteln zur
       Verfügung gestellt: Weniger bekannte Hamburger:innen aus der
       Nachbarschaft („Decksfrau Xenia aus Rothenburgsort“ findet, dass Hamburg
       „grüne“ Spiele auf die Beine stellen soll) und etwas mehr bekannte
       Hamburger:innen (Fischmarkt-Legende Aale-Dieter findet: „Butter bei die
       Fische: [3][Die Spiele werden zum Kassenschlager]“ ) sollen auf den
       Plakaten die bodenständigen Olympiapläne schmackhaft machen.
       
       Gegen diese finanzielle Wahlkampfübermacht versuchen es am Jungfernstieg
       Gegner:innen mit nicht allzu legalen Mitteln: Mit simplen weißen Zetteln
       sind einige Pro-Plakate überklebt, mit der handschriftlichen Begründung,
       keinen Bock auf Olympia zu haben, etwa „weil Geld in der Bildung fehlt“.
       
       Für eine jüngere Männergruppe, die angesichts ihrer Trachtenhosen offenbar
       aus Bayern für das gerade begonnene Wochenende zu Besuch ist und mit einem
       Bier in der Hand wohl auf ihren Gästeführer wartet, ist das jedenfalls ein
       Hingucker. Weder ablehnend noch billigend nehmen sie das überklebte Plakat
       kurz zur Kenntnis – und spiegeln damit nach derzeitigem Stand auch die
       Haltung der Hamburger:innen zur Olympiafrage: [4][Recht klar dafür,
       sagte kürzlich die eine Umfrage; recht klar dagegen, sagte nahezu
       zeitgleich die andere.] Aber beide wurden noch vor Plakatflut geführt –
       rekordverdächtig eng könnte die Wahl ausgehen.
       
       24 May 2026
       
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