# taz.de -- Sexualisierte Gewalt: Das Patriarchat schlägt brutaler denn je zurück
> In den Jahren vermeintlicher Gleichstellung schien die Maskulinistenszene
> an den Rand gedrängt. Aber sie war nie weg, agierte nur weniger
> öffentlich.
(IMG) Bild: Antifeminismus und Kampf gegen Minderheitenrechte: Die Präsidenten Milei und Trump im Oval Office
Das Entsetzen über die Causa Fernandes-Ulmen ist übermächtig. Manche
Menschen argwöhnen sogar, der Schauspieler und Moderator Christian Ulmen
habe 2013 in seiner satirischen [1][Reality-Show] „Who wants to fuck my
girlfriend“ die „digitale Vergewaltigung“ seiner Ex-Frau, der
Schauspielerin Collien Fernandes, vorweggenommen. In der Show moderierte
Ulmen als Kunstfigur Uwe Wöllner einen Wettbewerb, bei dem Männer darum
wetteifern, welche Frau der Kontrahenten „die geilste“ sei, mit der nun
alle Männer Sex haben wollen.
Schon möglich, dass die These der Vorwegnahme stimmt. Möglich ist aber
auch, dass es sich tatsächlich um Satire und damit Kunst handelte. Die Show
hatte man damals als Ulmens Antwort auf die Brüderle-Affäre verstanden. Der
frühere FDP-Politiker Rainer Brüderle hatte sich der Stern-Journalistin
Laura Himmelreich gegenüber unter anderem mit dem Satz geäußert: „Sie
können ein Dirndl auch gut ausfüllen.“
Die machte das öffentlich und löste damit die Sexismus-Debatte #aufschrei
aus. Wenige Jahre später folgte #metoo, diesmal global – und es hatte den
Anschein, als würden Männer Sexismus, Misogynie und Gewalt gegen Frauen
besser verstehen. Auf einmal war von neuer Männlichkeit die Rede, von
moderner Vaterschaft, männlicher Verwundbarkeit. Männer präsentierten sich
als Feministen, darunter auch Christian Ulmen, sie wurden dafür gefeiert.
Die antifeministische Männerrechtsbewegung schien an den Rand gedrängt.
Allein in Deutschland hatten Maskulinisten jahrelang versucht, in großen
Medien ihre Behauptung zu platzieren, sie seien Opfer einer feminisierten
Gesellschaft und systematisch benachteiligt. Wer sich kritisch über
Maskulinisten äußerte, wurde von ihnen verklagt. Mit #aufschei und #metoo
glaubte man nun, die Szene niedergerungen zu haben.
Doch die Frauenhasser waren niemals weg, sie haben weitergemacht – in
rechten Foren wie „eigentümlich frei“, „Achse des Guten“, „Die freie Welt“.
Global agierende sogenannte Pick-up Artists lehrten in Gruppenseminaren,
wie man Frauen für Sex gefügig macht, gern mit Gewalt. In sozialen
Netzwerken verbreiten „Menfluencer“ ihre frauenverachtende Ideologie. In
dieser Manosphäre geht es um „echte Männer“, Muskelkraft, Unterwerfung von
Frauen.
## Hegemoniale Männlichkeit ist verwoben mit Kontrolle
Nach einer vermeintlich [2][geschlechtergerechten Phase] schlägt das
Patriarchat brutaler denn je zurück. Seit der russische Präsident Wladimir
Putin und US-Präsident Donald Trump machtvoller denn je auf die politische
Weltbühne getreten sind, breiten sich Antifeminismus und der Kampf gegen
Minderheitenrechte ungezügelt global aus.
Diese [3][Omnipräsenz von Misogynie] findet Anschluss bei autoritären
Staatsoberhäuptern wie Ungarns Präsidenten Viktor Orbán, Javier Milei in
Argentinien, Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei, nicht zuletzt bei extrem
rechten Bewegungen. Zu deren Ideologie gehören unter anderem ein
antiquiertes Familienbild: maskuline, bestimmende Männer und treusorgende
Frauen mit der Zuständigkeit für Kinder, Haushalt, Garten.
Hegemoniale Männlichkeit ist verwoben mit männlicher Kontrolle des
weiblichen Körpers. In seiner ersten Präsidentschaft stoppte [4][Trump] die
staatliche Förderung von Hilfsprojekten für Opfer von häuslicher Gewalt und
änderte die Definition von Partnerschaftsgewalt. Seitdem taucht psychische
Gewalt als Angriff gegen Frauen nicht mehr im US-Strafrecht auf. Dabei ist
diese Gewaltform ein wesentlicher Bestandteil männlicher Angriffe und der
Beginn einer Gewaltspirale, die für [5][50.000 Frauen jedes Jahr weltweit
mit dem Tod endet]. Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit räumte Trump
häusliche Gewalt als Straftatbestand ab. „Dinge, die zu Hause passieren“,
sollen nicht mehr strafbar sein.
In Russland gibt es erst gar keine Rechtsdefinition von
Partnerschaftsgewalt. Im Gesetz ist von „Gewalt im häuslichen Umfeld“ die
Rede, gemeint sind damit Nachbarschaftsstreite. Seit dem [6][Angriffskrieg
gegen die Ukraine] rückt die reproduktive Rolle von Frauen stärker in den
Fokus. Um die Geburtenrate zu erhöhen, gibt es Sozialleistungen für
minderjährige Schwangere und deutliche Einschnitte beim Abtreibungsrecht.
Weltweit erstarkt eine pronatalistische Bewegung, die „Lebensschutz“
predigt, aber Abtreibungsverbot meint, die gegen Homosexualität zu Felde
zieht und einen heteronormativen Familismus propagiert.
Maskulinisten nehmen sich das Recht heraus, Gesetze nach ihrem Sinne zu
ändern und regelbasierte Werte umzuschreiben – mit dem Ziel, Freiheiten
einzuschränken und andere, insbesondere Frauen, zu überwachen. Der Fall
Fernandes ist nur ein Sinnbild dafür. Es ist ein regelrechter Feldzug gegen
Frauen, Migrant:innen, Transpersonen. Für Frauen geht es um nichts
Geringeres als „um „unseren Wert als Frauen in der Welt“, wie die einstige
First Lady Michelle Obama es formuliert.
27 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simone Schmollack
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