# taz.de -- Neues Bild von Männlichkeit: „Vulnerabilität ist hot“
       
       > Das Label „Hot Boys Cry“ will gesellschaftliche Tabus über männliche
       > Gefühle aufbrechen. Einige sind begeistert, andere werfen ihnen
       > Performativität vor.
       
 (IMG) Bild: Bei „Hot Boys Cry“ werden Männer an ihre Emotionalität herangeführt und dürfen sich sogar umarmen
       
       Ein Dutzend Männer beugen sich nach vorn, werfen die linke Hand an den
       rechten Fuß, den rechten Arm in die Luft. Dann heißt es: Ausfallschritte,
       Kniebeugen und Armkreise. Die Männer tragen Laufschuhe, Thermohosen und
       -shirts, auf Mützen und Pullis steht „Hot Boys Cry“. Lounge-Musik erfüllt
       den kargen Pop-up-Store in Prenzlauer Berg, in der Mitte liegt ein
       shabby-chicer Perserteppich, dahinter die obligatorischen
       Monstera-Pflanzen. Auf einem Bildschirm laufen Aufnahmen eines
       Fotoshootings, bei dem Männer weinen.
       
       „Ich habe diese Marke nach meiner Depression gegründet, um einen Weg zu
       finden, um über meine Struggles zu sprechen“, sagt Gründer Alexander
       Nicolaus. „Damals konnte ich das nicht.“ Rund zwölf Männer lauschen ihm im
       Halbkreis. Die Gruppe hat sich an diesem Morgen versammelt, um bei minus
       sechs Grad gemeinsam sechs Kilometer durch Mitte zu joggen. Bevor sie in
       die Kälte aufbrechen, mahnt Nicolaus: „Es ist kein Wettbewerb!“
       
       Der 31-Jährige ist Gründer des Start-ups „Hot Boys Cry“. Die
       Eigenbezeichnung klingt ambitioniert: „Eine Bewegung, die moderne
       Männlichkeit neu definiert“. Das Motto: „Vulnerabilität ist hot“. Hier
       sollen gesellschaftliche Tabus rund um männliche Emotionen aufgebrochen,
       Männer an ihre Emotionalität herangeführt und ein Raum geschaffen werden,
       in dem sie über ihre Gefühle sprechen können.
       
       ## Communityfeeling durch Yoga und Eisbaden
       
       Aufgebaut werden soll die Community „nicht toxischer Männer“ durch
       gemeinsame Events, sogenannte Cry Sessions: Coffee Raves,
       Breathwork-Sessions, Joggen, Eisbaden, Yoga oder Pilates. Auch geführte
       Hypnosen, stille Waldspaziergänge und Paneltalks mit Psychotherapeuten über
       Männer und Emotionen gehören dazu. Und die Kommerzialisierung von
       Selbstreflexion und Gemeinschaft zieht: Auf Instagram hat das Berliner
       Start-up 46.000 Follower. Inzwischen finden auch Events in Amsterdam,
       Antwerpen und München statt. Organisiert werden sie in Whatsapp-Gruppen.
       
       Auf einem Regal am Eingang des Pop-up-Stores in Prenzlauer Berg liegen
       Feuerzeuge, Socken, Notizblöcke und Taschentücher mit der Aufschrift „Hot
       Boys Cry“. Daneben: Eine scharfe Hot-Sauce, die die „ganz toughen
       Alpha-Männer, die keine Gefühle zeigen dürfen“, zum Weinen bringen soll. An
       den Wänden hängen Fotos weinender Männer und Zettel mit Botschaften, wie:
       „Das Stärkste, was ein Mann tun kann, ist zu sagen, wenn es ihm nicht gut
       geht.“
       
       Auf einer Kleiderstange gegenüber hängt die „emotional Streetwear“: „Hot
       Boys Cry“-Pullis, -Shirts und -Taschen. Shirts kosten 45 Euro, Pullover bis
       zu 120 Euro. „Die Mode soll ein Gesprächsstarter und ein niedrigschwelliger
       Einstieg sein“, erklärt Nicolaus. Mit den Erlösen finanziert er unter
       anderem die Aktivitäten, die größtenteils kostenlos sind.
       
       Nach rund 40 Minuten kehren die Männer von ihrer Laufrunde zurück. Sie
       atmen schwer, ihre Hauchwolken hängen in der kalten Morgenluft. Drinnen
       wartet dampfender Kaffee auf sie.
       
       Anders als bei Anbietern, wie Urban Sports, die sinnbildlich für die
       Individualisierung der Großstädter stehen, kommen hier Menschen beim Sport
       miteinander ins Gespräch. Die Events sind kostenlos und erlauben Männern
       über ihre Gefühle zu sprechen. Eigentlich gibt es wenig auszusetzen – und
       trotzdem: Warum braucht es in einer von Boys Clubs geprägten Welt einen
       weiteren, der Männer in Horden vereint? [1][Warum müssen Männer wieder in
       den Wald gehen, Eisbaden] und scharfe Soßen essen?
       
       ## Vorwurf der Performativität
       
       Kritik daran wird auch in den sozialen Medien laut. „Ihr seid Maskulinisten
       mit Nagellack“, heißt es dort. „Performative male wird zum kapitalistischen
       Endgegner“ oder „performative Berlin Prenzlauer Berg Männer haben endlich
       eine Heimat gefunden“. Der [2][Vorwurf der „Performativität“ meint, dass
       Männer sich lediglich zu Selbstvermarktungszwecken feministisch
       inszenieren.]
       
       Und tatsächlich wirkt es oft so, als sei ein Ziel von „Hot Boys Cry“,
       Frauen zu imponieren. Auf Instagram heißt es etwa: „95 Prozent der Frauen
       wollen Männer, die sich öffnen“ oder „Hot Girls lieben softe Männer“. Weder
       ist es feministisch aus cis-männlicher Perspektive von „Hot Girls“ zu
       sprechen noch sollte die Selbstreflexion dazu dienen, Frauen rumzukriegen
       
       Gründer Nicolaus stellt klar: „Mit ‚hot‘ ist nicht Aussehen gemeint,
       sondern die Arbeit an sich selbst – in Kontakt mit den eigenen Gefühlen zu
       sein, Verletzlichkeit zuzulassen, offen und tolerant zu sein.“ Anfangs
       seien die Gruppen zudem gemischtgeschlechtlich gewesen. Doch viele Männer
       hätten ihm zurückgemeldet, dass sie sich reine Männerevents wünschten, weil
       sie sich dort sicherer fühlten, sich zu öffnen.
       
       Ein weiterer bisweilen auf Instagram geäußerter Kritikpunkt lautet, dass es
       bei „Hot Boys Cry“ primär um selbstzentrierte Optimierung von Emotionen
       gehe – eine Art neoliberale Selbstreflexion. Echte feministische
       Solidarität und profeministische Männerarbeit hingegen bedeute, die eigenen
       patriarchalen Verstrickungen zu erkennen und Frauen im Alltag zu
       unterstützen – beim Putzen, Kochen, in der Kinderbetreuung, durch Fürsorge
       und Ko-Regulation.
       
       ## Kritik kommt von links und von rechts
       
       Nicolaus räumt ein: „Wir können da noch einen besseren Job machen.“ Geplant
       seien etwa Aufklärungsworkshops mit der feministischen Laufgruppe „Outrun
       the Patriarchy“. Außerdem sei es das Ziel, mehr Männer außerhalb einer
       urbanen Bubble zu erreichen, die sich ohnehin kritisch mit ihrer
       Männlichkeit auseinandersetzt.
       
       Gleichzeitig findet er: „Es ist schwierig, den richtigen Mittelweg zu
       finden zwischen zu therapeutisch und zu oberflächlich.“ Kritik erhalte er
       von allen Seiten. Während Linke ihm Performativität vorwerfen, kommentieren
       Rechte unter seinen Posts: „2–3 Jahre Dagestan.“ Dabei handelt es sich um
       einen [3][queerfeindlichen Trend, der ein toxisches Männlichkeitsbild
       glorifiziert]. Dagestan – eine autonome Republik im russischen Nordkaukasus
       – gilt als Hochburg des Mixed Martial Arts. Der Kommentar meint, jemand
       solle dorthin geschickt werden, um Disziplin, Härte und Gewalt zu lernen.
       
       „Ich versuche noch herauszufinden, wie man am besten die Brücke schlägt“,
       sagt Nicolaus. Sein bisheriges Konzept: Joggen und Kaffeeklatsch als
       Einstiegsaktivität, damit Männer sich in der Gruppe wohlfühlen, bevor sie
       an Sessions wie Breathwork, Sound-Healing oder Hypnose teilnehmen.
       
       Und tatsächlich scheint so eine Community zu entstehen: Ein Teilnehmer, der
       aus Honduras nach Berlin gezogen ist, zeigt sich dankbar für die Gruppe:
       „Das Leben kann in einer Großstadt sehr einsam sein“, sagt er. Hier wisse
       er, dass er über alles sprechen könne, was ihm auf dem Herzen liegt. Ein
       anderer Teilnehmer, der selbst eine Männergruppe leitet, ist ebenso
       begeistert von der Community. Beim Joggen seien sie sofort tief ins
       Gespräch eingestiegen, über Themen wie die Vaterschaft mit Bonuskindern,
       die nicht biologisch eigene Kinder sind.
       
       Zum Abschied posieren die frisch gebackenen Freunde für ein gemeinsames
       Gruppenfoto auf der verschneiten Straße. Sie rufen: „Hot Boys Cry!“
       
       18 Feb 2026
       
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