# taz.de -- Feminismus in Senegal: Der Tag der Ernte wird kommen
> Nach queeren Menschen könnten Frauengruppen ins Visier der Regierung
> Senegals geraten, fürchtet die Aktivistin Awa Fall-Diop. Doch sie kämpft
> weiter.
(IMG) Bild: Für sie ein Platz der Ruhe: Awa Fall-Diop in ihrem Garten in Thiès
Dicht und bunt wachsen Bougainvilleen an den Außenmauern von Awa Fall-Diops
Haus empor. Der farbenfrohe Garten, der sich hinter den Wänden verbirgt,
ist das Werk einer der führenden Frauenrechtlerinnen Senegals und sogar
Afrikas. „Gärtnern hilft mir“, sagt Fall-Diop, die im September 70 Jahre
alt wird. „Denn dadurch habe ich gelernt, mich in Geduld zu üben.“
Immer wieder bleibt die frühere Ministerin beim Spaziergang durch das
dichte Grün stehen, richtet Zweige und prüft, wie sich die Setzlinge
machen. „Hier denke ich über die feministische Arbeit nach, reflektiere,
plane und komme vor allem zur Ruhe.“
Rechtlich gesehen sind Frauen und Männer in Senegal gleichgestellt. Auch im
afrikanischen Vergleich gilt der Küstenstaat im Westen des Kontinents als
einer der progressivsten in Sachen Gleichstellung. Dass dem so ist, liegt
an Feministinnen wie Awa Fall-Diop, die jahrelang mobilisierten – und dies
weiterhin tun. Denn Erreichtes droht verloren zu gehen, was Frauen
betrifft. Was queere Menschen angeht, verschärft sich die Lage dramatisch.
Die Zeiten, dass Mädchen in den Schulbüchern ausschließlich als Köchinnen
oder Putzfrauen dargestellt wurden, seien vorbei, sagt Fall-Diop, die 28
Jahre lang als Grundschullehrerin gearbeitet hat. „Heute fliegen auch
Mädchen in den Schulbüchern zum Mond, reparieren Autos oder spielen
Fußball.“
## Würdigung aus Deutschland
Ob Reformen im Sozialversicherungsrecht, die eine bessere Absicherung von
Frauen ermöglichten, das Paritätsgesetz für politische Ämter von 2010 oder
das 2020 verabschiedete Gesetz, das Vergewaltigung und Pädophilie
kriminalisiert: Viele dieser Entwicklungen sind direkt mit Fall-Diops
Einsatz verknüpft. Dieses Engagement hat ihr kürzlich eine Würdigung aus
Deutschland eingebracht, den Anne-Klein-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung.
Der internationale Menschenrechtspreis zeichnet Frauen aus, die sich in
besonderem Maße für Gleichberechtigung einsetzen.
Fall-Diop freut sich über den Preis. „Das zeigt, dass wir etwas Gutes
geschaffen haben. Jetzt geht es darum, das Gute in etwas noch Besseres zu
verwandeln“, sagt sie. Denn echte Gleichberechtigung sei trotz der
Fortschritte noch lange nicht erreicht. Besonders deutlich wird dies beim
Thema der reproduktiven Selbstbestimmung: „Rund 90 Prozent der inhaftierten
Frauen in Senegal sitzen entweder wegen Abtreibung oder Kindermord im
Gefängnis“, sagt Awa Fall-Diop. Mit anderen Aktivistinnen kämpft sie für
die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.
„Seien wir doch ehrlich. Frauen haben schon immer abgetrieben“, sagt
Fall-Diop. Sei es aus finanzieller Not, sozialem Stigma als unverheiratete
Frau oder aufgrund von sexualisierter Gewalt. Die Gründe sind vielfältig.
„Zumindest in Fällen von Vergewaltigung und Inzest, muss es Frauen möglich
gemacht werden“, sagt Fall-Diop.
Dass sie mit dem Thema dicke Bretter bohrt, ist ihr bewusst. Doch es sei
wichtig, den Betroffenen Rechte zu geben und gesellschaftliche Normen zu
verändern – auch wenn die Umsetzung oft alles andere als perfekt ist. Immer
noch sind zahlreiche zentrale Rechte im Land unzureichend oder gar nicht
gewährleistet. „Bis wir wirkliche Gleichberechtigung haben, braucht es noch
einiges an Geduld und Widerstandskraft“, sagt Fall-Diop, während sie eine
neue Aussaat prüft, die langsam heranwächst. „Das eine sind die Gesetze.
Das andere ist die Veränderung in den Köpfen“, sagt sie. „Das ist es, was
den wirklichen Wandel bringt.“
## Landesweite Proteste
Hier, in ihrem am Stadtrand gelegenen Haus in Thiès, wo das Zwitschern der
Vögel eine Pause vom Verkehrslärm bietet, fand Fall-Diop 2023 eine
Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Damals war Ousmane Sonko, Gründer und
Kopf der heutigen Regierungspartei Pastef, der „Verführung der Jugend“
[1][schuldig gesprochen worden]. Der Vorwurf, der aber tatsächlich im Raum
stand: Vergewaltigung von Adji Sarr, der jungen Mitarbeiterin eines
Massagesalons. „Das war eine dunkle Stunde für den Feminismus in Senegal“,
sagt sie heute.
Der Fall löste landesweite Proteste aus, jedoch vor allem zugunsten von
Ousmane Sonko, den viele im aufgeheizten Vorwahlklima als Opfer politischer
Verfolgung durch die damalige Regierung sahen. Was der Fall auch zutage
brachte, war eine ausgeprägte Misogynie. Adji Sarr, die gegen das
politische Schwergewicht Sonko vor Gericht gegangen war, sah sich massivem
Hass ausgesetzt.
„Wer sich zugunsten der jungen Frau geäußert hat, wurde ebenfalls
angefeindet“, sagt Awa Fall-Diop. Die öffentliche Hetzkampagne gegen die
Klägerin sei so massiv, dass sich Frauen danach vermutlich erst recht nicht
trauen würden, von ihrem nun gesetzlich verankerten Recht Gebrauch zu
machen.
Zwei Jahre nach der Machtergreifung von Pastef, sei die Bilanz der Partei
in Sachen Menschen- und Frauenrechte eine gemischte. Trotz des
Paritätsgesetzes seien Frauen in entscheidenden Ministerposten
unterrepräsentiert, sagt Fall-Diop. Nach dem Regierungsantritt 2024 waren
nur vier von 34 Posten mit Frauen besetzt worden, womit der Frauenanteil im
Kabinett sank.
## Kämpferin für marginalisierte Gruppen
Ein [2][Mitte März verabschiedetes Gesetz, das Homosexualität mit bis zu
zehn Jahren Haft bestraft], erschwert die Situation marginalisierter
Gruppen zusätzlich. „Was zwischen zwei Erwachsenen im Einvernehmen
passiert, geht doch niemanden etwas an“, sagt Awa Fall-Diop und ist damit
eine der wenigen Prominenten im Land, die sich auch öffentlich kritisch zur
Verschärfung der Anti-LGBTIQ-Gesetzgebung äußern.
Die Verabschiedung war von einer queerfeindlichen Hetzkampagne begleitet
worden, die auch die Stigmatisierung von [3][HIV- und Aids-Erkrankten]
befeuert hat. Als Kämpferin für marginalisierte Gruppen verfolgt Awa
Fall-Diop die zunehmende Einschränkung von Menschenrechten mit Sorge.
„Ich befürchte, dass nach den Homosexuellen auch die Frauengruppen ins
Visier geraten“, sagt sie. Doch entmutigen lässt sie sich davon nicht.
„Feminismus ist wie ein Samen, den man pflanzen, gießen und geduldig
pflegen muss.“ Der Tag werde kommen, an dem man die Früchte der eigenen
Arbeit ernten könne.
30 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Helena Kreiensiek
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