# taz.de -- Neuer Roman von Navid Kermani: Alles mit allem verzahnt
> In seinem neuen Roman „Sommer 24“ schreibt Navid Kermani über das Jahr
> 2024. Das Psychogramm offenbart einen Alltag voller Instabilität.
(IMG) Bild: Schuf das Psychogramm des Trump-Wahljahrs: Navid Kermani
Dieser Roman gleicht einem Reagenzglas, gefüllt mit den Ingredienzien der
nahen Vergangenheit: „Sommer 24“ steht darauf, gemeint ist das Jahr, in dem
Donald Trump abermals zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt
werden wird. Ein Jahr voller Kriege, Demokratiefeindlichkeit und
politischer Instabilität. Ein Jahr der Extreme, in dem alte Gewissheiten
ins Schleudern geraten und gesellschaftliche Grabenkämpfe in unerbittliche
Debatten münden, ganz egal, ob es ums Gendern oder den Krieg in Gaza geht.
Kermanis Ich-Erzähler berichtet von dieser Zeit, indem er einige unerhörte
Begebenheiten Revue passieren lässt. Zuallererst den Suizid seines Freundes
Rudolf, eines Münchner Galeristen, der als Jude an der Seite der
israelischen Regierung und auch sonst immer weiter nach rechts driftet. Er
ereifert sich beispielsweise fürchterlich über Reproduktionsmedizin, ganz
nach Art der 2023 gestorbenen Schriftstellerin [1][Sibylle Lewitscharoff.]
Der namenlose Ich-Erzähler hat sich längst entfremdet von den Ansichten
seines Freundes, der ihn „Mei liabs Persalein“ nennt, steht ihm aber
trotzdem in seinen letzten Stunden bei. Wie immer bei Navid Kermani, hat
auch dieser Erzähler viel mit ihm selbst gemein, er ist auch
Schriftsteller, bereist zudem die Welt und legt Zeugnis davon ab.
Vieles in Kermanis neuem Roman findet eine Entsprechung in der
Wirklichkeit, etwa wenn er von der jung gestorbenen Ehefrau des
Theatermachers Roberto Ciulli, Simone Thoma, erzählt. Anderes gehört ins
Reich der Fantasie, ist höchstens frisierte Wirklichkeit, kurz: Fiktion.
Andere Freunde treten auf, ein Olaf, dessen Tochter auf Hydra ein
rauschendes Hochzeitsfest feiert, zu dessen Gästeschar auch der Erzähler
gehört. Ein Fest, das an den utopischen Schluss von Lessings „Nathan der
Weise“ erinnert, der Religions- und Ländergrenzen hoffnungsfroh
überschreitet – ein Kermani bestens vertrauter Text, wobei Hoffnung ein
gutes Stichwort ist. Denn bei aller Düsternis saugt der Roman Trost aus dem
Umstand, dass in der Geschichte selten das Erwartbare geschieht, wie es an
einer Stelle heißt. Wir sind also nicht ganz verloren.
## Lässige Mündlichkeit
Das Jahr 2024 war auch das Jahr, in dem Navid Kermani den Thomas-Mann-Preis
erhalten hat, und so wundert es nicht, dass der Erzähler sich gerade mit
[2][Thomas Mann] und seinem Werk beschäftigt. Besonders zu Beginn des
Romans klingt er auch wie er, altmodisch schreitend, sich in langen Sätzen
vorwärts bewegend. Dieser Stil verflüchtigt sich im Laufe der Seiten
zugunsten einer lässigeren Mündlichkeit, um am Ende erneut aufzuflammen. So
oder so, man folgt diesem Erzähler bereitwillig, hört ihm gerne zu.
Auch andere Seitenwege des Romans führen in Kermanis Leben und in seine
vorherigen Bücher, seine Schilderungen aus dem äthiopischen Tigray, seine
Auseinandersetzung mit Israel sowie den gesellschaftlichen Umbrüchen der
Jetztzeit. Als Korrektiv und zweite Stimme des Erzählers fungiert C., die
lustigerweise meist genau das ausspricht, was man sich als Kritikerin
denkt. C. wie Critic? Wer weiß. Auf jeden Fall verschränkt Kermani das
Private mit dem Politischen, das Gelesene mit dem Gesehenen, bis man nicht
mehr weiß, worum es ihm im Kern eigentlich geht.
Diesen Rundumblick kennen wir von ihm, etwa aus seinem vorherigen
umfangreichen Roman „Das Alphabet bis S“. Sein neuer, vergleichsweise
schmaler Roman kommt ebenso informiert und gelehrt daher. Immer wieder
spukt Antonin Artaud über die Seiten, sein Leben und seine Auffassung von
Kunst und Theater. Viel Raum erhält auch die Begegnung mit einer jungen
Frau, die später in der Psychiatrie landet und von dort den Autor für einen
Roman, in dem sie sich wiedererkennt, anklagt – was Kermani die Gelegenheit
gibt, über Verantwortung und Freiheit von Autoren nachzudenken.
Der Fall erinnert von Ferne an Maxim Billers Roman „Esra“, wie hier
überhaupt dauernd etwas an etwas anderes gemahnt, weil Kermani alles mit
allem verzahnt. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wiederholt der
Roman auf unterschiedlichen Erlebnisebenen und thematisiert dabei immer
wieder auch das Schreiben selbst als Festhalten von Zeit. Heraus kommt ein
Psychogramm des Jahres 2024, das sich aus vielen Ge- und Begebenheiten
zusammenfügt, sowie ein Roman über den Tod, der nichts nivelliert. Beim
Titel „Sommer 24“ denkt man zuerst an Bryan Adams’ Adoleszenz-Hymne „Summer
of ’69“. Pink Floyd fragten dann später in „Summer ’68“ „How do you feel,
how do you feel?“. Steckt die Antwort in diesem Buch? Es lässt uns auf
jeden Fall ebenso ratlos zurück wie die gespenstische Gegenwart.
31 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Shirin Sojitrawalla
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