# taz.de -- Autorenperson über Kassandra-Oper: „Die Cis-Männer in diesem Mythos interessieren uns nicht“
       
       > Eine Oper deutet in Hamburg den Kassandra-Stoff. Darin werden die
       > Prophetin und die Idealfrau Helene ein Liebespaar.
       
 (IMG) Bild: Kassandra sagt wahr, die Männer hassen sie dafür. Paula Oscar Rüdigers Opernlibretto gibt der Hautpfigur Recht
       
       taz: Paula Oscar, für Ihr Abschluss-Projekt im Fach Musiktheaterregie haben
       Sie das Libretto für die Oper „Kassandras Zorn“ geschrieben. Warum erzählen
       Sie die antike Mythologie um den Trojanischen Krieg neu? 
       
       Paula Oscar Rüdiger: Ich habe mich mit der Komponistin Connie Converse und
       deren Liederzyklus „Cassandra Cycle“ auseinandergesetzt. Man spürt nicht
       nur, dass es Parallelen zu ihrer eigenen Biografie gibt, sondern kriegt
       eine andere Sicht auf Kassandra, die ich total schlüssig finde. In einem
       feministischen Framing zeigt Connie Converse sie als eine Frau der Logik,
       die zugleich wahnsinnig wissend und spirituell ist.
       
       taz: Wie haben Sie diese Idee weiterentwickelt? 
       
       Rüdiger: Als ich mich wirklich mit diesem Mythos beschäftigt habe, habe ich
       realisiert: Die Menschen sind total fremdbestimmt – die Männer von den
       Göttern, die Frauen von den Männern. Obwohl um sie herum viel Schlimmes
       passiert, scheinen sie nichts dagegen tun zu können. Diese Erkenntnis war
       für mich erhellend, weil ich sehr viel über den Zustand der Welt und meine
       eigene Lage grübele. Wenn ich das Gefühl habe, nichts tun zu können, fühle
       ich mich so gelähmt. Insofern hat mich die Frage interessiert: Wie verhält
       man sich in einer Situation, in der man eigentlich machtlos ist?
       
       taz: Was bedeutet das für Kassandras Entwicklung in Ihrer Oper?
       
       Rüdiger: Im Mythos wird Kassandra von Apollon verflucht, das macht sie
       handlungsunfähig. Ich habe überlegt: Was wäre, wenn sie selber den Fluch
       aussprechen würde? Wenn sie sagen würde: Ihr habt es gar nicht verdient,
       meine Prophezeiung zu eurem Besten nutzen zu können? Damit war eine Figur
       geboren, die eigenmächtig handeln kann …
       
       taz: … und mehr Interpretationsspielraum bietet?
       
       Rüdiger: Absolut. Man kann es gerechtfertigt finden, dass Kassandra Rache
       nimmt, weil sie scheiße behandelt wird, oder eben nicht. Alles dreht sich
       um ihre Emotionen und Ziele.
       
       taz: Warum verliebt sich Kassandra bei Ihnen in Helene?
       
       Rüdiger: Weil sich die beiden im Grunde recht ähnlich sind. Sie sind
       Außenseiterinnen, sie tragen Verantwortung und Schuld. Helene gilt als
       schönste Frau der Welt, das degradiert sie zu einem Objekt. Mich hat
       interessiert: Was sind ihre eigenen Wünsche? Wen liebt sie? Darum werden
       sie und Kassandra ein Paar.
       
       taz: Welche Rolle spielen Männer in Ihrer Inszenierung? 
       
       Rüdiger: „Kassandras Zorn“ ist eine reine FLINTA*-Oper. Mit Hektor gibt es
       zwar einen Mann, aber er ist eine trans* Person. Auch Andromache ist eine
       trans* Figur. Die Cis-Männer in diesem Mythos interessieren uns überhaupt
       nicht.
       
       taz: Weshalb bringen Sie gerade jetzt eine queere Oper auf die Bühne?
       Wollen Sie dem erstarkten Rechtspopulismus trotzen?
       
       Rüdiger: Auf jeden Fall. Genauso wollte ich gucken: Wie geht es uns trans*
       Personen in der Opern- und Theaterwelt eigentlich? Es steht außer Frage,
       dass queere Kultur innovativ ist. Mir war es immens wichtig zu zeigen:
       Trans* Figuren und deren Darsteller:innen gehören in die Oper – obwohl
       es trans* Personen gerade als Sänger:innen schwer haben, Fuß zu fassen.
       
       taz: Gleichwohl kennt man in der Opernhistorie durchaus Gender Swap, etwa
       die Kastraten oder Hosenrollen.
       
       Rüdiger: Gewiss haben Theater und Oper eine lange Geschichte des
       Crossdressing. Wenn in griechischen Tragödien nur Männer auftraten, war das
       kein Problem. Weil Frauen eben seinerzeit nicht auf die Bühne gehörten. Die
       Hosenrollen sind erst dadurch entstanden, dass es keine Kastraten mehr gab.
       So wird ja Hänsel in Humperndincks Oper „Hänsel und Gretel“ traditionell
       von einer Frau gesungen. Gerade deshalb verstehe ich nicht, warum es ein
       Problem sein sollte, wenn eine Figur in einer Aufführung plötzlich ein
       anderes Geschlecht hat, als das ihr im Text zugedachte.
       
       15 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dagmar Leischow
       
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