# taz.de -- Kommunalwahlen in Frankreich: In Paris und Marseille wird's kompliziert
       
       > Bei den Bürgermeisterwahlen in Frankreich hat Marine Le Pens Partei an
       > Stimmen zugelegt. In Paris wirbt die Konservative Rachida Dati um die
       > Stimmen der Rechten und der extremen Rechten.
       
 (IMG) Bild: Emmanuel Gregoire hat seine wichtigste Gegnerin, die Konservative Rachida Dati (25,5 Prozent) klar distanziert
       
       In der großen Mehrheit der fast 35.000 Kommunen, in denen am Sonntag in
       Frankreich die [1][erste Runde der Kommunalwahlen] stattfand, ist der
       Bürgermeister oder die Bürgermeisterin auf Anhieb gewählt oder bestätigt
       worden. Abseits vom Medienrummel um den Wahlkampf in den größeren Städten
       und in den drei Metropolen Paris, Lyon und [2][Marseille] ist der strikt
       lokale Urnengang in der Provinz überraschend unpolitisch und unaufgeregt.
       
       Wo aber die Parteien um die Macht und Stimmenmehrheiten kämpfen, ist für
       die Entscheidung häufig eine Stichwahl erforderlich. Und laut den bisher
       vorliegenden Teilergebnissen ist gerade in Marseille und in Paris die
       Ausgangslage für den zweiten Durchgang am kommenden Sonntag kompliziert, da
       vier oder sogar fünf Listen, die mehr als 10 Prozent der Stimmen erreicht
       haben, zur Finalteilnahme qualifiziert sind.
       
       In Paris, Marseille, Lyon oder auch in Toulouse und vielen Städten ist nach
       dem ersten Wahlgang nicht nur nichts entschieden, sondern sogar noch alles
       offen. In der Hauptstadt hat die Liste von Emmanuel Grégoire (Sozialisten,
       Grüne, Kommunisten), der die Nachfolge der Sozialistin Anne Hidalgo
       antreten will, mit 38 Prozent der Stimmen seine wichtigste Gegnerin, die
       Konservative Rachida Dati (25,5 Prozent) klar distanziert. Doch die Listen
       der Linkspartei La France insoumise (LFI), der extremen Rechten mit Sarah
       Knafo und diejenige des Macronisten Pierre-Yves Bournazel sind mit je rund
       11 Prozent Stimmenanteil ebenfalls zur Beteiligung am Finale eingeladen.
       
       Mit fünf Finalisten wäre Grégoire als Favorit gesetzt. Aber Dati warb noch
       am Sonntagabend unverhohlen für eine Wahlabsprache mit ihren rechten und
       rechtsextremen Konkurrenten. Falls sich Bournazel oder Knafo mit Dati auf
       einen Deal einlassen und sich mit ihr für die Stichwahl auf eine gemeinsame
       Liste einigen sollten, hat sie gute Chancen, doch noch zu gewinnen. Dass
       sich auf der linken Gegenseite Grégoire mit LFI einigen kann, scheint
       nämlich unwahrscheinlich. Der Parteichef der Sozialisten (PS), Olivier
       Faure, hat am Wahlabend ein Bündnis mit LFI auf nationaler Ebene
       kategorisch ausgeschlossen.
       
       ## LFI schneidet trotz Alleingang ziemlich gut ab
       
       Ebenfalls mit einem „Spielverderber“ von LFI ist in Marseille der Sozialist
       Benoît Payan konfrontiert. Payans linke Liste (Sozialisten, Grüne,
       Kommunisten) liegt nach dem ersten Wahlgang mit rund 35 Prozent Kopf an
       Kopf mit der Liste des rechtsextremen Rassemblement National (RN). Da LFI
       und die Liste der Konservativen (LR) mit je 12 Prozent auch erneut antreten
       können, sind Prognosen fast unmöglich. Marine Le Pens RN macht sich aber
       große Hoffnungen, am nächsten Sonntag ins Rathaus der zweitgrößten Stadt
       Frankreichs einziehen zu können. Das wäre, wie Payan in einem Interview zu
       bedenken gab, ein „politisches Erdbeben“.
       
       Gute Chancen hat die extreme Rechte sonst auch in Toulon, wo die RN-Liste
       mit 42 Prozent klar vorn liegt, sowie in Nizza, wo Le Pens Alliierter Eric
       Ciotti (von der Splitterpartei UDR) mit einem großen Vorsprung gegen den
       bisherigen Bürgermeister Christian Estrosi in die Stichwahl geht.
       
       In Lyon ist die erste Runde anders ausgegangen als alle Umfragen vermuten
       ließen. [3][Jean-Michel Aulas], der frühere Vorsitzende des lokalen
       Fußballklubs OL, wurde seiner Favoritenrolle nicht wirklich gerecht. Er
       liegt gleichauf mit dem bisherigen Bürgermeister von den Grünen, Grégory
       Doucet. Beide haben rund 36 Prozent der Stimmen erhalten. Während in Paris
       und Marseille die Sozialisten Absprachen mit LFI ausschließen, hat sich
       Doucet – wie seine grünen Parteikollegen in Besançon – zu einem Bündnis mit
       LFI bereit erklärt. Auf seiner Liste gibt es nun einige LFI-Kandidaten. LFI
       selbst tritt wiederum nicht mit einer eigenen Liste beim zweiten Wahlgang
       an, was die Chancen auf seine Wiederwahl erheblich erhöht.
       
       LFI hat in mehreren Städten trotz ihres Alleingangs überraschend
       abgeschnitten. In Roubaix, aber auch in Limoges scheint für die LFI-Listen
       ein Sieg in der Stichwahl in Griffnähe. In Toulouse und in Avignon konnte
       sich LFI mit den Sozialisten und Grünen für die Stichwahl auf eine
       gemeinsame Liste einigen. Andere Absprachen auf lokaler Ebene wurden noch
       erwartet.
       
       ## Bis Dienstag müssen die Absprachen stehen
       
       Zeichnen sich, ein Jahr vor den nächsten Präsidentschaftswahlen, trotz
       aller lokalen Besonderheiten nationale Tendenzen ab? Die nationalistische
       Rechte setzt ihren Vormarsch fort, dieser wäre aber nur dann wirklich
       beeindruckend, wenn es dem RN gelingen sollte, Marseille zu erobern. Das
       Hauptmerkmal bleibt die Spaltung der Linken, nachdem die „Neue Volksfront“
       von PS, Grünen und Kommunisten mit der LFI wegen ideologischen Fragen und
       der Polemik über die Nahostpolitik zerbrochen ist.
       
       PS und LFI kämpfen je darum, vor 2027 die dominante Kraft der politischen
       Linken zu werden. Bei den Macronisten hat Ex-Premierminister Edouard
       Philippe beste Chancen, sein Bürgermeisteramt in Le Havre zu verteidigen,
       damit bleibt er auch als Präsidentschaftskandidat im Rennen.
       
       Bis Dienstagabend haben die Parteien Zeit, sich für die Schlussrunde auf
       Absprachen zu einigen. Theoretisch können sich Listen, die mehr als 10
       Prozent erhalten haben, mit einer anderen zusammenschließen, oder sie
       können schlicht auf die Teilnahme an der Stichwahl verzichten und zur Wahl
       einer anderen aufrufen. Sehr populär ist dieses Feilschen hinter den
       Kulissen nicht.
       
       16 Mar 2026
       
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