# taz.de -- Ratlose SPD nach Baden-Württemberg: Stoch hat keine Tipps für die SPD in Rheinland-Pfalz
       
       > Für die SPD ist bei den Wahlen in Baden-Württemberg fast alles
       > schiefgelaufen, was schieflaufen konnte. Nun ruhen alle Hoffnungen auf
       > einem Mann.
       
 (IMG) Bild: Tim Klüssendorf schaut gar nicht froh, Andreas Stoch schaut unfroh zu
       
       Tim Klüssendorf ist die Betroffenheit ins Gesicht geschrieben. Mit leerem
       Blick steht der SPD-Generalsekretär am Montag in der Berliner
       Parteizentrale und muss Worte für das historisch schlechteste Ergebnis der
       Sozialdemokraten bei einer Landtagswahl finden. Klüssendorf versucht sich
       mit der Erklärung, dass es bei der Wahl in Baden-Württemberg weder um
       Inhalte noch um die SPD-Bundespartei gegangen sei. „Wir sind alle sehr
       betrübt“, sagt er. Auch die Diskussionen am Morgen in der Parteiführung
       seien „sehr schwer“ gewesen.
       
       Für die Besprechung des katastrophalen Ergebnisses von 5,4 Prozent ist auch
       der amtierende baden-württembergische Parteivorsitzende Andreas Stoch nach
       Berlin gereist. Stoch hatte direkt [1][nach der Bekanntgabe des schlechten
       Abschneidens] am Vorabend seinen Rücktritt erklärt. Neben Klüssendorf wirkt
       der Wahlverlierer dennoch fast aufgeräumt, als er die Probleme im Wahlkampf
       benennt.
       
       Mit Blick [2][auf den Sieg von Cem Özdemir,] sagt Stoch: „Das war kein
       Votum für die Grünen.“ Vielmehr hätte selbst die engste SPD-Klientel am
       Sonntag Özdemir gewählt, um den CDU-Kandidaten Manuel Hagel zu verhindern.
       Die Kampagnen seien so personalisiert wie ein Oberbürgermeisterwahlkampf
       gewesen, in dem die SPD zerrieben worden sei. „In den letzten Tagen hat
       sich für uns die Tür nach unten geöffnet“, so Stoch.
       
       Befragungen zur Wähler*innenwanderung zeigen, dass die SPD etwa
       100.000 Stimmen an die Grünen verloren hat. Ungefähr 60.000 Wähler*innen
       gingen außerdem von der SPD an die CDU. Strategisch macht dieser Befund
       wieder einmal deutlich, wie sehr sich die SPD selbst kannibalisiert, wenn
       sie sich um bestimmte Zielgruppen aktiv bemüht und dabei automatisch andere
       zu verlieren droht.
       
       Inhalte hätten bei der Wahl aber ohnehin keine Rolle gespielt, betonen
       sowohl Klüssendorf als auch Stoch immer wieder. Denn thematisch habe man
       durchaus auf die Fragen gesetzt, die in Baden-Württemberg die Agenda
       bestimmt hätten: Industriearbeitsplätze, Bildung, Lebenshaltungskosten.
       „Uns ist es nicht gelungen, die Themen mit uns zu verknüpfen“, sagt
       Klüssendorf.
       
       ## Hoffen auf den „Özdemir-Effekt“
       
       Für den Generalsekretär liegt nun die gesamte Hoffnung auf den
       Landtagwahlen für Rheinland-Pfalz, die bereits in zwei Wochen anstehen.
       Hier hofft die SPD von demselben Effekt zu profitieren, der sie in
       Baden-Württemberg an den Rand der 5-Prozent-Hürde gebracht hat. [3][Mit
       Alexander Schweitzer] steht dort ein Mann zur Wahl, der sowohl den
       Amtsinhaber-Bonus als auch hohe persönliche Beliebtheitswerte mitbringt.
       „Wir sind sehr zuversichtlich“, sagt Klüssendorf.
       
       In Umfragen, die bereits einen Monat alt sind, standen SPD und Union für
       den Mainzer Landtag fast gleichauf – wobei die Sozialdemokraten in der
       Gunst der Wähler*innen seit Herbst zugenommen haben. Viele hoffen erneut
       auf den Effekt, der auch Malu Dreyer wiederholt zur rheinland-pfälzischen
       Ministerpräsidentin gekürt hatte, obwohl sie zunächst in den Umfragen
       hinten gelegen hatte.
       
       Auch Stoch sagt, Alexander Schweitzer könne davon profitieren, was an der
       SPD in Baden-Württemberg „vorbeigegangen“ sei: Wählergunst durch die starke
       Personalisierung. Auf die Frage, ob Schweitzer etwas von dem miesen
       Wahlergebnis in Baden-Württemberg lernen könne, weiß Stoch erst keine
       Antwort und schiebt dann hinterher: „Er braucht von mir keine Ratschläge.“
       
       Auch Vorhaltungen in Richtung Berlin macht Stoch keine. „Ich kann mich
       nicht über die Bundespartei beschweren.“ Es gelte, gemeinsam wieder stark
       zu werden, weil sowohl die 5 Prozent in Baden-Württemberg als auch die 15
       Prozent bundesweit in den Umfragen niemanden zufriedenstellen könnten.
       
       ## Retro-Wille, nach einer Zeit, die es nie gab
       
       „Der Reformwille ist da, wir müssen das dieses Jahr anpacken“, sagt
       Generalsekretär Klüssendorf. Er nennt die Abschaffung des Bürgergelds und
       den Vorschlag zur Reform der Erbschaftsteuer als zwei erste Aufschläge für
       die Arbeit, die nun anstehe.
       
       Auch auf die strategische Frage, warum die SPD bei Angestellten und
       Arbeiter*innen in Baden-Württemberg so verloren hat, wissen sowohl
       Klüssendorf als auch Stoch keine Antwort[4][. Stoch sah in dem zunehmenden
       Rückhalt der AfD in diesem Milieu] ein Problem der SPD und auch von
       Gewerkschaften insgesamt.
       
       Der Wissenschaftler Elmar Brähler, einer der Autoren [5][der
       Autoritarismus-Studie,] forscht bereits lange zu extrem rechten
       Einstellungen. Er ist nicht überrascht von den hohen Zustimmungswerten in
       Baden-Württemberg für die AfD. Die Parteien hätten die Kernkompetenz
       verloren, wirtschaftlich gute Bedingungen zu schaffen. Menschen mit
       rechtsextremen Einstellungen, die früher Gerhard Schröder oder die CDU
       gewählt hätten, wählten nun die Partei, die kraftvoll rumröhre.
       
       Hinzu käme eine Retro-Tendenz und Nostalgie, nach einer Zeit, die es nie
       gegeben habe, die paradoxerweise auch bei jüngeren verfange. Brähler sagt:
       „Ein zentraler Punkt ist die soziale Frage. Die ist auf der Strecke
       geblieben, während die Zahl der Arbeiter, die SPD wählen, sich gegen null
       nähert.“ Es gelte, dieser politischen Entfremdung entgegenzuwirken – etwa
       mit neuen Formaten der politischen Beteiligung. Versuche etwa mit
       Bürgerräten seien erste Schritte gewesen.
       
       9 Mar 2026
       
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