# taz.de -- KI-Workshop am feministischen Kampftag: Gegen die Vorherrschaft der Tech-Bros
> Am 8. März organisieren Frauen einen Workshop für KI-assistierte
> App-Entwicklung – irgendwo zwischen Selbstermächtigung und
> Neoliberalismus.
(IMG) Bild: Diese Teilnehmerinnen des Workshops in Berlin bauen mithilfe von KI ihre eigenen Apps
Das Geräusch von rasselnden Tastaturen erfüllt den überdachten Innenhof
eines Coworking-Spaces in Berlin-Mitte. Gleich um die Ecke des Checkpoint
Charlie treffen sich hier am feministischen Kampftag rund 100 [1][Frauen],
um ohne Vorkenntnisse ihre ganz eigenen Apps zu entwickeln – und das an nur
einem sonnigen Sonntagnachmittag.
„Werdet Software-Entwicklerinnen, Projektmanager, Creative Directors“,
schwärmt Setareh Dolati von der Bühne herab. Sie ist Organisatorin des
Anlasses und stellt sich als AI Scientist & Educator vor. In englischer
Sprache eröffnet sie die Veranstaltung und stellt sich und ihre Co-Hosts
kurz vor.
Neben dem an Lovable angegliederten „Shebuilds“ sind Netzwerke wie
„pitchbazaar“ und „Venturing Women“ mit dabei. Sie unterstützen dezidiert
Frauen, Unternehmerinnen zu werden und sich außerhalb traditionell
weiblicher Gebiete anzusiedeln – wie eben in der Tech-Welt. „Heute geht es
um den Vorteil des Moments“, erklärt eine Sprecherin von Shebuilds. „Alle
sind neu im Bereich der KI. Es gibt noch kaum Experten.“
Der Workshop stößt auf viel Interesse: Die Bestuhlung des Event-Hubs reicht
nicht aus, Frauen setzen sich auf den Boden. Weltweit finden an diesem Tag
rund 120 dieser Treffen statt. Der Grund dafür: Die App „Lovable“ ist am 8.
März weltweit frei zugänglich. Mit ihr können Menschen bar jeder Erfahrung
ihre eigene App in nur wenigen Schritten selber bauen.
## Die KI übernimmt alles
Möglich ist das, weil Lovable über einen eigenen KI-Chatbot verfügt, der
sich mit der Userin über ihre Ideen und deren Realisierung unterhält und
dann den gewünschten Code liefert. Überhaupt keine Vorkenntnisse sind
gefragt, die KI übernimmt alles.
Üblicherweise kostet allerdings jede Interaktion mit dem KI-Assistenten
einen Token. Doch im Zeichen des Empowerments stellt Lovable an diesem Tag
für 24 Stunden den vollen Zugriff zu einer unlimitierten Anzahl Tokens zur
Verfügung. „Stellt ihn euch als euren Freund vor“, ermuntert Beth (hier
duzen sich alle) vom Lovable-Team die Teilnehmerinnen. Nach einer kurzen
„Introduction to Lovable“ verteilen sich die vielen Frauen mit ihren
mitgebrachten Laptops zwischen Zimmerpflanzen auf den Polstermöbeln. Die
Mischung aus Kaffeeduft und affirmativ-neoliberalem Businesssprech schreit
nur so Start-up-Szene.
Nach nur kurzer Zeit steht Jeanette draußen in der Sonne und raucht. Sie
ist begeistert von den Möglichkeiten, die ihr heute zur Verfügung stehen.
„Ich kann Credits ohne Ende raushauen, das ging jetzt 15 Minuten und schon
steht der Prototyp!“, raunt die Frau mit Berliner Akzent und grauem
Kurzhaarschnitt. Ihr App-Prototyp habe zwar noch kleine Fehler, doch es
gehe ihr nicht darum, hier Resultate zu liefern, sondern „um dieses Gefühl:
Ich kann das!“
Auch Setareh betont, dass es heute um „die Erfahrung der Selbstwirksamkeit“
gehe, und liefert direkt ein Beispiel für den Erfolg einer Lovable-App:
Eine Frau aus Brasilien habe eine Plattform gegen Femizide geschaffen, in
der Frauen sich vernetzen und Informationen austauschen können. Die App sei
sehr erfolgreich und das Geschäft ihrer Gründerin geworden.
## Bastelanleitungen austauschen
Und was denken sich die anwesenden Frauen für App-Modelle aus? Eine
Teilnehmerin zeigt belustigt auf ihren Bildschirm: Der Lovable-Assistent
hat schnell eine animierte, interaktive Pillenbox gecoded, denn die Frau
wünscht sich eine App zur Organisation ihrer Medikamente.
Eine Werklehrerin und gelernte Schreinerin plant eine Plattform, auf der
Leute Bastelanleitungen und -ideen austauschen, sich gegenseitig Workshops
anbieten können. Damit wolle sie auch bewusst Frauen erreichen, denn ihr
Arbeitsfeld sei „Männer- und Arschloch-dominiert“.
Knapp zwei Stunden später stellen einige Teilnehmerinnen ihre Ideen auch
noch vor allen anderen vor. Die erfahreneren Businesswomen merken schnell,
dass das eine sehr wertvolle Bühne für die Bewerbung ihres Produktes ist.
Etwa „Tinder for professionals: Triff einen echten Menschen statt einem
Chatbot, um über deine Geschäftsideen zu plaudern.“
Die festlich-freundliche Atmosphäre hält bis zum Schluss an. Die
ausgefallenen App-Prototypen der Teilnehmerinnen zeigen, dass die
toxisch-maskulin geprägte Tech-Szene nur davon profitiert, Frauen in ihre
Kader aufzunehmen – zumindest Lovable kann wohl von einem gelungenen
PR-Stunt sprechen. Doch damit wirft die Veranstaltung Fragen nach der
Vereinbarkeit von Profitinteressen und Emanzipation auf. Auch Jeanette
sieht da nur „einen Haufen Herausforderungen“.
Der feministische KI-Workshop leistet ohne Zweifel einen Beitrag zur
Ausgleichung geschlechtlicher Ungerechtigkeiten. Dass hinter KI ein
globales Ausbeutungsnetzwerk steckt und die Diskriminierung von Frauen sich
in weniger wohlhabenden Weltregionen dadurch nur perpetuiert, gehört zum
Gesamtbild dazu. Ein unkritischer Feminismus, der die enormen
Problemzusammenhänge von KI nicht einmal anspricht, ist auch kein
solidarischer Feminismus.
9 Mar 2026
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(DIR) Nathan Pulver
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