# taz.de -- Ausstellung von Harald Duwe in Kiel: Desillusionierter Klassiker
       
       > Er blieb gegenständlich, als alle abstrakt malten, und möchte nicht
       > entschlüsselt werden müssen: Harald Duwe wird nach langem in Kiel
       > ausgestellt.
       
 (IMG) Bild: Harald Duwe, Karneval der Direktoren, 1977, Öl auf Leinwand, Kunsthalle zu Kiel
       
       Selbstbezahlkasse? Wo man das, was man benötigt, etwa einen Liter Milch,
       ein Bündel Brot oder Kaffeefiltertüten auf eine Glasplatte legt, [1][dann
       piept es kurz], eine Summe wird genannt, man schiebt eine Plastikkarte in
       einen Schlitz. Kontaktloses Bezahlen das Versprechen – und das war’s?
       
       Harald Duwe hat sich nicht ausmalen können, dass die Wirklichkeit die
       Fantasie schlägt, als er 1976 [2][sein Bild „Supermarkt“] konzipierte und
       dann auch malte: An zwei Supermarktkassen warten dichtgedrängt die Kunden,
       man ist sich gezwungenermaßen nahe, geduldig zählt die Kassiererin die
       Münzen. Auch sich selbst hat Duwe zwischen die Wartenden gemalt: gräulich
       die Haut, das Haar angeklatscht und von Gesamteindruck wie -ausdruck recht
       desillusioniert. Und über ihm baumelt ein Schild wie ein Plakat wie ein
       Slogan – oder eine Warnung: „KAUFEN IST LEBEN“.
       
       Es ist ein Gemälde, das den Duwe-Sound auf den Punkt bringt. Normalerweise
       ist es zu sehen als Kunst am Bau in der Aula eines Gymnasiums in
       Kiel-Mettenhof. Derzeit aber Teil einer großen Duwe-Ausstellung in der
       Kieler Stadtgalerie: demonstrativ-malerische Konsumkritik als
       Gesellschaftskritik und das auf hohem handwerklichem Niveau. Unverspielt,
       unverschlossen; nicht nötig, das Bild zu dechiffrieren. Kurzum: Malen, was
       ist.
       
       ## Jahrzehntelang nicht mehr gezeigt
       
       [3][100 Jahre wäre Harald Duwe im Januar alt geworden]; Nordlicht,
       umtriebiger Kunstdozent in Kiel, 1981 ausgezeichnet mit dem Kulturpreis der
       Stadt, mehr geht ja kaum im nördlichsten Bundesland. „Die Verbindung des
       Künstlers mit Schleswig-Holstein und der Bezug zu Kiel sind nicht nur
       biografisch“, [4][lässt die Stadtgalerie wissen], „Duwe macht sie
       insbesondere in den 1970er und 1980er Jahren auch explizit zum
       Bildgegenstand.“
       
       Und zugleich gab es in der Stadt seit nunmehr 40 Jahren keine ihm gewidmete
       Ausstellung mehr. Oder wie es Sönke Kniphals auf den Punkt bringt, Kurator
       der Stadtgalerie: „Als Duwe 1984 stirbt, wird Mark Zuckerberg geboren.“ Da
       gilt es eine Verbindung aufzubauen, ins Heute, ohne abzugleiten in ein
       müdes „Hat uns Harald Duwe noch etwas zu sagen?“
       
       Und da geht es in die Kunstgeschichte der sich gründenden Bundesrepublik.
       Der muss sich Duwe, Jahrgang 1924 und noch zum Luftwaffensoldaten
       ausgebildet, als junger Mann stellen. Tut's – und bezieht ohne Zögern
       Position. Er wartet noch auf den Beginn seines Kunststudiums, das er im
       Winter 1945 [5][am Hamburger Lerchenfeld] aufnehmen wird, da beginnt er mit
       „Nachkriegszeit“, ein wuchtiges Bild: [6][eine diffuse, nicht zu fassende
       Menschengruppe vor grauen Häuserwänden], von wenigen Uniformierten bewacht
       oder beaufsichtigt. Sind wir schon in der Gegenwart oder noch in der
       Vergangenheit? Und warum gleicht sich beides so sehr?
       
       Duwe will bewusst ein Maler klassischer Schule werden, während sich seine
       Altersgenossen:innen als Reaktion auf die Vereinnahmung der
       figurativen Malerei durch zwölf Jahre NS-Kunst mit Verve in die Abstraktion
       flüchten; ins Informel, später in die Pop Art. Nie wieder will man etwas zu
       tun haben mit interpretierbaren Körpern und Körperhaltungen. Mit
       erkennbaren Gesten, eindeutigen Gesichtsausdrucken.
       
       ## Furchtlos figürlich
       
       Duwe aber geht es gerade um erkennbare Bilderwelten. Ihn interessiert nicht
       der Bruch mit dem Figürlichen, da ist er furchtlos. Und es geht ihm
       entsprechend auch um einen Platz innerhalb einer unbedingt
       weiterzuführenden abendländisch-aufklärerischen Tradition, um die Aneignung
       akademischen Wissens. „Von den Künstlern der sogenannten ‚klassischen
       Moderne‘ interessierte ihn eigentlich nur Max Beckmann wirklich“,
       [7][schrieb 1994 Jens-Christian Jensen] anlässlich einer Ausstellung zu
       Duwes zehntem Todestag. „In der Gegenwart war er wohl von [8][Francis
       Bacon] früh beeindruckt.“
       
       Ausführlich arbeitet Duwe sich an [9][Théodore Géricaults „Das Floß der
       Medusa“] ab, initiiert durch ein Stipendium 1966 in Paris; akribisch
       wertete er Vorzeichnungen und Studien des Franzosen aus. Als Ergebnis
       schaut man nun auf seine „Fördeszene III“ von 1981: eine Gruppe
       ertrinkender Badender auf einer orangen Rettungsinsel, im Hintergrund
       erheben sich die Kräne der damals größten deutschen Werft HDW, einst Garant
       für die Idee von ewig wirtschaftlichem Wachstum. Ein dort gebautes U-Boot
       zieht vorbei.
       
       Grundlegenden Duwe-Arbeiten stellt die Stadtgalerie gekonnt, aber nicht
       aufdringlich verwandte Positionen gegenüber. Nicht um Konfrontation geht
       es, sondern um Korrespondenz. Die stellt sich sogleich her, treffen etwa
       Duwes mal dralle, mal hagere Menschenkörper auf die nüchternen, kühlen,
       meist menschenleeren Alltagsaufnahmen des Kieler Fotografen [10][Joachim
       Thode], der sich einst in den Kieler Randbezirken umgeschaut hat.
       
       Oder wenn – um in die Gegenwart zu springen – uns Oska Gutheils
       farbexplosive Figuren-Gruppen begegnen, etwa Donald Trump als poppig-bunter
       Rattenfänger. Oder die Gemeinschaft kunstliebender Feiernder, herzhaft
       essend und trinkend, während im Hintergrund Picassos [11][„Guernica“] um
       Aufmerksamkeit bittet. Ja, so könnte Harald Duwe heute gemalt haben.
       
       26 Apr 2026
       
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