# taz.de -- Protest: Kiel droht kultureller Kahlschlag
> Gegen die fürs Jahresende geplante Schließung der Stadtgalerie Kiel hat
> sich ein siegessicherer Förderverein gebildet. Denn der Einspar-Effekt
> wäre minimal, andererseits ginge eine Institution verloren, deren
> Renommee in den gesamten Ostseeraum hineinreicht.
(IMG) Bild: Kulturelles Zentrum unterm Damoklesschwert: die Stadtgalerie in Kiel von innen.
Wilm Feldt kann sehr deutlich werden. Dann schlägt der Diplom-Ingenieur,
der als Projektmanager für eine Bank arbeitet, nicht mehr lässig das rechte
Bein über das linke. Dann setzt er sich vielmehr kerzengerade hin und sagt
mit fester Stimme: "Wir werden gewinnen, keine Frage." Feldt engagiert sich
seit kurzem im Förderverein der Stadtgalerie Kiel. Seitdem hat er viel zu
tun: Kiels Oberbürgermeister Torsten Albig hat sich zum Ziel gesetzt das
Kunsthaus zum 31. Dezember zu schließen.
Erfahren haben Feldt und seine Mitstreiter davon aus der Zeitung. Dabei
liegt die Stadtgalerie im Erdgeschoss des Neuen Rathauses, im Zentrum der
Stadt. Der Bürgermeister hätte also nur die sehr breite Treppe
hinuntergehen müssen, um dieses Vorhaben persönlich mitzuteilen. "Da kommt
natürlich Freude auf", sagt Feldt.
Wo soll man anfangen, die Aktivitäten der Stadtgalerie zu loben? Was alles
anführen an lokalen, überregionalen bis internationalen Kunstausstellungen?
Vielleicht nur dies: Seit Jahren richtet das Haus die "Ars Baltica" aus,
die wichtigste Kunstschau des Ostseeraums. Nebenbei wob sie ein dichtes
Netz aus Künstlern und Künstlergruppen von Trondheim über Kopenhagen bis
Vilnius und St. Petersburg und eben Kiel. Seit Jahren ist sie erfolgreich
im Auftreiben von Sponsorengeldern und Kooperationspartnern.
Trotz schwieriger Bedingungen: Der Ausstellungsetat hat sich allein in den
letzten Jahren halbiert. Der Etat für Ankäufe, einst 90.000 D-Mark, ist bei
7.000 Euro angekommen. Sollte das Haus schließen, würden 80.000 Euro pro
Jahr gespart. Kiel möchte seinen Etat im nächsten Jahr um zehn Millionen
Euro entlasten.
Geschlossen werden soll bei der Gelegenheit auch das Kulturforum, ein
benachbarter, fensterloser Raum mit Stuhlreihen, einer Bühne plus Ton- und
Lichtanlage. Betrieben wird es vom Kulturamt der Stadt. Hier tritt die
Jazzsängerin Lyambiko auf; hier liest der Erfolgsautor Kristof Magnusson.
Auch die Vorsitzende des Fördervereins für das Kulturforums klagt über
mangelnde Kommunikation: "Es redet ja niemand mit uns", sagt Christine
Kreß-Lindenberg. "Erst recht nicht über Inhalte. Dabei sind wir seit zwei
Jahren dabei, Vorschläge zu erarbeiten, wie es trotz knapper Gelder
weitergehen könnte." Von drei Stellen hat die Stadt das Personal auf
zuletzt eine und eine Viertel Stelle heruntergekürzt. Sinnigerweise wurde
im Sommer eine neue Kraft eingestellt, die die Möglichkeiten einer
Zusammenarbeit der Stadtgalerie mit dem Kulturforum, damit von Bildender
Kunst, Theater und Musik ausloten soll. Das wäre dann nicht mehr nötig.
Geschlossen werden muss dann auch der Ehmsen-Saal, der sich den Räumen der
Stadtgalerie anschließt: eine Bibliothek nebst Archiv und Depot. Heinrich
Ehmsen, geboren 1886 in Kiel, Mitstreiter des Blauen Reiters, ist einer der
wenigen Maler, auf den die Stadt stolz sein kann. Auch Ehmsens Enkeltochter
Gabriele Ehmsen, die in Wien lebt, aber gerade in Berlin weilt und die sich
jüngst die fünf Ehmsen-Bilder angeschaut hat, die in der Nationalgalerie
hängen, hat ebenso von der Schließung aus der Zeitung erfahren.
Finanziell geht es erstmal um ganze 4.400 Euro, die die Stadt der Stiftung
bisher jährlich zukommen lässt. Sollte der Saal geschlossen werden, würde
die Stiftung ebenso ihren Sitz verlieren. "Man kann sich gut vorstellen,
wie das auf die Kieler Bürger wirkt, in deren Villen manche Werke hängen,
die man vielleicht später der Stadt überantworten könnte", kommentiert dies
Feldt. Dazu kommt, dass erst vor zwei Jahren jener Saal mit städtischen
Geldern umgebaut wurde. Gekostet hat das 400.000 Euro.
Vorne, im Eingangsbereich, gibt es dann noch das Statt-Café, das selbst mit
einer kleinen Jazzreihe aufwartet. Dessen Betreiber Frank Müller, der kraft
seines Jobs rechnen kann, weiß, was auf ihn zukommt: "Das ist eine Art
indirekte Kündigung, denn wir leben von den Gästen, die sich in der
Stadtgalerie eine Ausstellung angeschaut haben oder die nach einem Konzert
noch etwas trinken oder essen möchten."
Er zeigt auf das ausladende Foyer, auf die Skulpturen, die sich einem
freundlich in den Weg stellen, auf den benachbarten Bilder-Ausleihdienst
und auf den Aufgang zur Stadtbücherei, die im ersten Stock dann sehr einsam
residieren würde: "Das Haus hier bildet für Kieler Verhältnisse ein
einzigartiges Ensembles aus Kultureinrichtungen", sagt Müller. Verschwinden
würde auch der seitlich angebrachte Kunstcontainer, in dem die Studenten
der benachbarten Muthesius-Kunsthochschule sich ausprobieren können.
Und die Stadt? "Das ist ja ein sehr umfassendes Thema", haucht die junge
Pressereferentin und verspricht, einen Gesprächspartner aufzutreiben. Der
ist am nächsten Morgen am Telefon: Gert Meyer, Kulturdezernent und zugleich
Kämmerer. Wortreich beschreibt er die bedrückende finanzielle Situation der
Stadt, die einen zu solchen Schließungen zwinge. Er spricht von den
Finanzen, die im Mittelpunkt ständen. Fachlich lobt er die Stadtgalerie
ohne Wenn und Aber: "Das ist ein großer Schatz, der da verloren geht."
Kurzfristig ergebe sich nur ein geringer Einspareffekt, langfristig könnte
aber Personal abgebaut werden, so dass andere Dienststellen in die Räume
umziehen könnten. "Da beabsichtigt ist, durch Pensionierung frei werdende
Stellen nicht wieder zu besetzen, hätte die Stadtgalerie in vier, fünf,
sechs Jahren ohnehin kein Personal mehr und wäre dann auch so nicht mehr
handlungsfähig", sagt er. Konkrete Pläne, was mit den leer stehenden
Flächen ab Januar geschehen würde, gibt es nicht. Sie würden erstmal leer
stehen, bezahlt, bewacht und beheizt.
Und nun? Oberbürgermeister Torsten Albig gilt als hemdsärmeliger Macher,
der die Konfrontation sucht und genießt. "Neulich hat Albig bei einer
Diskussion in der Kunsthalle den Bürgern, die sich seit Jahr und Tag
engagieren, die fortlaufend Gelder auftreiben und selbst welche geben,
vorgehalten, sie sollten aufhören zu jammern und lieber etwas tun. Das kam
gar nicht gut", erzählt Wilm Feldt. Von der CDU, die schon zu ihrer
Regierungszeit das Haus schließen wollte, ist wenig zu erwarten. Die Grünen
haben mit der regierenden SPD einen Kooperationsvertrag geschlossen - und
könnten wie gewohnt stillhalten.
So wird es an Feldt und den Seinen und auf Christine Kreß-Lindenberg und
die Ihren ankommen, ob sie es vermögen, flankierend zu den
Haushaltsberatungen ab Herbst genügend öffentlichen Druck aufzubauen. Feldt
sagt: "Die Überschrift lautet: Rücknahme der Schließung. Die Unterzeile:
Daseinsschutz für die nächsten fünf Jahre, damit wir vernünftig ein
Zukunftsmodell entwickeln können." Er sagt: "Die Stadt erwartet
professionelles Arbeiten - wir erwarten professionelle Rahmenbedingungen."
Feldt sagt: "Zum Leben eines Bürgers gehört Kunst. Punkt!"
Als die Beamten und Verantwortlichen der Stadt Kiel in den Fünfzigern
anfingen, Kunst zu sammeln und so einen ersten Grundstock für die spätere
Stadtgalerie schufen, taten sie dies, um ihre Arbeits- und Büroräume zu
dekorieren und zu schmücken. Dass ihnen selbst dieser Eigennutz abhanden
gekommen ist, ist ein fatales Zeichen.
2 Sep 2010
## AUTOREN
(DIR) Frank Keil
## TAGS
(DIR) Malerei
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