# taz.de -- Schau über DDR-Künstler-Kindheiten: Arbeit am Mythos
       
       > Die Kieler Ausstellung „Der dritte Blick“ versammelt fotografische
       > Positionen von Künstlern und Künstlerinnen, die Kind waren, als ihre DDR
       > endete.
       
 (IMG) Bild: Ina Schoenenburgs Mutter steht fassungslos vorm verwüsteten Maisfeld: „Blickwechsel“ 2012 – 2015.
       
       KIEL taz | Erst kommt das Wasser, dann das Feuer, zuletzt der Sand, der
       alles begräbt – sodass alles wieder freigeschaufelt werden muss: die
       Bildbände über Dresden, mit all ihren kunsthistorisch aufgeladenen Bildern,
       die die Fotografin Luise Schröder eben recht sorgsam auf einem Tisch
       angeordnet hat. „Arbeit am Mythos“ heißt ihre siebenminütige Filmarbeit,
       die derzeit im Rahmen der Ausstellung „Der dritte Blick – Fotografische
       Positionen einer Umbruchgeneration“ in der Kieler Stadtgalerie zu sehen
       ist.
       
       Eine Arbeit, die zwei zentrale Ereignisse Dresdens aufgreift, mit der die
       Stadt nicht zuletzt ihren Opferstatus begründet: die Bombardierung der
       Stadt im Februar 1945 und das Elbe-Hochwasser vom Sommer 2002. Schröder
       sagt: „Ich bin Archäologin, ich bin Bomberpilotin, ich bin Trümmerfrau, und
       ich bin auch die Flut.“ Und: „Ich wollte auch erkunden, ob sich die Bilder
       gegen das wehren können, was man ihnen an Bedeutung aufzwingt.“
       
       Luise Schröder ist in Potsdam geboren, ist dort aufgewachsen. Studiert hat
       sie später in Leipzig. Und sie ist Mitglied der Gruppe „Perspektive hoch 3“
       – einer in Berlin ansässigen Vereinigung von Fotografen,
       Kulturwissenschaftlern und Soziologen, die eine biografische Klammer
       verbindet: Sie gehören alle zur sogenannten dritten Generation der Wende,
       sind Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre geboren und waren
       heranwachsende Kinder, als die Mauer fiel.
       
       Dass einen das prägt – Okay. Aber formen die Nachwende-Erfahrungen auch die
       späteren künstlerischen Positionen, wirken sie nach – oder vielleicht
       gerade nicht? „Andreas Mühe etwa wehrt sich mit Händen und Füßen gegen
       diese Zuschreibung. Zugleich hat Andreas viel Redebedarf, es treibt ihn
       also doch sehr um“, sagt Nadja Smith, die gemeinsam mit Dörte Grimm die
       Ausstellung kuratiert.
       
       In der Tat: Mühes Arbeit „Wandlitz“ erzählt von einem besonderen Kapitel
       der DDR-Geschichte – der sogenannten Villensiedlung der oberen
       DDR-Zehntausend in jenem Ort. Streng hat er die einst ebenso streng
       abgeschirmten Häuser eines nach dem anderen abgelichtet (Bernd und Hilla
       Becher lassen grüßen). Nur sind sie jeweils von geheimnisvollem Licht
       umgeben, was seinen Grund hat: Mühe hat die Häuser aus einiger Höhe von
       einem Lichtballon beleuchten lassen, wie er bei aufwendigen Filmaufnahmen
       verwendet wird, um Mondlicht zu simulieren.
       
       Spannend auch die beiden Werkgruppen von Margret Hoppe. „Die verschwundenen
       Bilder“ schaut nach dem Verbleib von Kunstwerken, die offiziell vom Staat
       in Auftrag gegeben wurden und dessen Sicht auf die Dinge und auf die sie
       umgebenden Menschen wiedergeben sollten: Staatskunst also.
       
       Heute stehen diese Werke verhüllt in Depots oder harren ihrer Entdeckung,
       wie Gerhard Richters Diplomarbeit im Dresdner Hygiene-Museum: eine
       Wandarbeit, die nach seinem Weggang in den Westen übermalt wurde. Nach der
       Wende wurde sie wieder freigelegt – und auf Anweisung Richters ein zweites
       Mal übermalt. Was den Künstler dazu trieb, man weiß es nicht. Darf aber
       spekulieren.
       
       In eine verwandte, aber wortwörtlich abgeschlossene Welt führt Hoppes
       zweite Arbeit: Sie hat ein ehemaliges Trainingszentrum für
       DDR-Leistungssportler ausgemacht – verborgen tief unter der Erde. Und alles
       wirkt so, als könnten die einstigen DDR-Idole jederzeit wieder zu
       trainieren anfangen
       
       Wiederum unmittelbar Persönliches greift Ina Schoenenburg in ihrer Serie
       „Blickwechsel“ auf, was seinen guten Grund hat: Ihre Eltern waren eng mit
       dem DDR-Staat verbandelt, ihr Vater nicht nur erzwungenermaßen Mitarbeiter
       der Stasi. Ihre vordergründig privaten Fotos von Besuchen bei den Eltern
       erzählen von tiefen Spannungen und dennoch nicht zu verleugnender
       persönlicher Nähe – nochmal verstärkt, wenn Ina Schoenenbergs eigene
       Tochter mit ins Bild rückt, für die die schwierigen Eltern der Mutter
       schlicht liebenswerte Großeltern zu sein scheinen, denen sie fröhlich und
       vor allem unbefangen begegnet.
       
       Zentral vielleicht für die ganze Ausstellung ist ein eindringliches Foto:
       Die Mutter steht fassungslos vor einem Maisfeld, durch das ein Sturm
       gebraust ist, der nichts hat stehen lassen – wie vor den Trümmern ihres
       einstigen Landes und wohl auch ihres einstigen Lebens.
       
       „Der dritte Blick“: Kieler Stadtgalerie, bis 8. Mai
       
       3 May 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frank Keil
       
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