# taz.de -- Abhängigkeit von Öl und Gas: In der fossilen Falle
> Der Krieg zeigt: Die Energiewende ist auch volkswirtschaftlich notwendig.
> Ausgerechnet jetzt setzt die Regierung auf einen klimapolitischen
> Rollback.
(IMG) Bild: Vor der Küste von Fujairah sind Tanker zu sehen, während der Konflikt zwischen den USA und Israel mit dem Iran weitergeht
Der Krieg der USA und Israels gegen Iran geht mit unverminderter Härte
weiter. In dem kaum noch überschaubaren täglichen Informationskonfetti der
Medien sind die vielen Toten, sind Leid und Flucht und die massiven
Zerstörungen nur noch eine dunkle Ahnung. Gleichzeitig rückt die weltweite
Energieversorgung verstärkt in den Fokus. Denn der Krieg tobt am Persischen
Golf, im Nukleus der globalen Öl- und Gasförderung.
Je [1][länger der Krieg dauern wird], desto verheerender werden die Folgen
einer drohenden Energieverknappung sein. Inzwischen sind zehn Länder in die
Kämpfe verwickelt, unter ihnen auch die fossilen Energieriesen
Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuweit, Katar und
natürlich Iran. Offenbar sind Tanker, Förderanlagen, Raffinerien und
Kraftwerke bevorzugte Ziele von Raketen- und Drohnenangriffen; das fossile
Herz der globalen Energieversorgung ist entzündet.
Als Folge des Kriegs ist der Preis für Erdgas rasant um bis zu 50 Prozent
nach oben geschossen. Katar, einer der wichtigsten Gasexporteure weltweit,
war von Iran mit Drohnen angegriffen worden [2][und musste offenbar seine
Flüssiggasproduktion drosseln]. Auch der schon im Vorfeld angestiegene
Ölpreis legte nochmal um zehn Prozent zu. Ein Sprung von aktuell über 80
auf bis zu 100 Euro je Barrel erscheint inzwischen durchaus möglich. Erst
recht, wenn der Krieg tatsächlich vier Wochen dauern sollte, wie
US-Präsident Donald Trump angekündigt hat.
Die energiepolitischen Sorgen der Importländer richten sich vor allem auf
die Straße von Hormus. Die Meerenge zwischen Iran und Oman gehört zu den
weltweit wichtigsten Handelsrouten. Dort stehen inzwischen mehr als 100
Versorgungsschiffe im maritimen Stau. Iran hat angedroht, jeden Tanker
anzugreifen, der die Meerenge passieren will. Um die 20 Millionen Barrel
Öl, also rund ein Fünftel des globalen Tagesverbrauchs von 105 Millionen
Barrel, werden täglich über die Straße von Hormus in den Weltmarkt
verschifft.
## Ein kaum kalkulierbares Risiko
Beim Flüssigerdgas wird sogar ein Viertel des global gehandelten Volumens
über die neuralgische Meerenge transportiert. Die handelspolitischen
Auswirkungen des russischen Kriegs gegen die Ukraine werden hier deutlich:
Nach dem weitgehenden Stopp von russischem Gas sind die Importe aus den
Golfstaaten für die Energieversorgung Europas viel wichtiger als früher.
Deutschland verzeichnet zwar nur relativ geringe fossile Einfuhren aus der
Kriegsregion – wie etwa Öl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten -, doch
wenn die Notierungen an den Weltmärkten das Fliegen lernen, wären, wie die
Bundesnetzagentur sanft formuliert, „die Preiseffekte auch in Deutschland
spürbar“.
Noch sind Panikreaktionen ausgeblieben. Der größte Teil der Exporte über
die Straße von Hormus gehe nach Asien, versuchen einschlägige Experten die
Gemüter zu beruhigen. Doch ein steigender Öl- und Gaspreis würde mit
zeitlichen Verzögerungen auch die hiesigen Nutzer fossiler Heizungen
treffen und – das ist für einige Beobachter die größte Sorge – über die
Spritpreise sehr schnell auch die Autofahrer.
So zeigt dieser Krieg mit seinen womöglich heftigen energiepolitischen
Folgen vor allem eines: Europa und Deutschland sind trotz vielfältiger
Importquellen extrem verwundbar. Die Energiewende ist kein grünes
Spielzeug, sie ist bittere Notwendigkeit, um die Abhängigkeiten zu
verringern. Die Öl- und Gasversorgung aus Krisenländern, Diktaturen und
autokratisch regierten Ländern in instabilen Regionen bleibt ein kaum
kalkulierbares Risiko. Oder wie es die Energiewissenschaftlerin Claudia
Kemfert formuliert: Deutschland muss die Energiewende nicht nur aus
klimapolitischen Gründen vorantreiben, sondern auch als Strategie der
nationalen Sicherheit.
Wärmepumpen, Elektroautos, Wind- und Solarenergie sind kein ideologisches
Programm, sie sind überlebenswichtig für eine noch immer fossil dominierte
Weltwirtschaft. Wenn dann noch die Internationale Energieagentur in ihrem
neuesten energiepolitischen Ausblick – ohne den Krieg vorauszusehen – vor
Versorgungsengpässen der Ölversorgung in den nächsten Jahren warnt, dann
wird erst recht klar, wie essenziell die Abkehr vom fossilen Energiepfad
ist.
## Die fossile Falle zerstört Klima und Geldbeutel
Es ist frappant, dass der Krieg im Iran in Deutschland punktgenau mit neuen
energiepolitischen Weichenstellungen zusammenfällt: mit heftigen
Einschnitten in der Solarförderung, mit üppigen Ausbauplänen für neue
Gaskraftwerke und vor allem mit der Abschaffung des alten Heizungsgesetzes.
Genauer: des Habeckschen Heizungsgesetzes, denn so wird es im politischen
Raum gern genannt, um dem ehemaligen grünen Wirtschaftsminister noch einmal
einen mitzugeben.
Die Häme des konservativen Lagers, dass die letzten Spuren grüner
Wirtschaftspolitik damit beseitigt werden, könnte schnell in Entsetzen
umschlagen. Der Krieg könnte den Menschen womöglich bewusst machen, dass
sie mit der Verlockung, auch künftig weiter hemmungslos und ohne Gängelung
mit Öl und Gas heizen zu dürfen, in eine toxische fossile Falle getrieben
werden, die nicht nur das Klima ruiniert, sondern auch den eigenen
Geldbeutel. Die Öl- und Gasheizung im Keller, den Verbrenner in der Garage,
den für alle Ewigkeiten geöffneten fossilen Supermarkt im Kopf – der neue
Krieg könnte diese Trias auf den Komposthaufen der Geschichte befördern.
Zwei Ölkrisen haben wir – noch im alten Jahrhundert – bereits erlebt. Eine
dritte mit ähnlichen Preisaufschlägen hätte verheerende Folgen.
Ist auch Deutschland von diesem Krieg betroffen? Die Antwort heißt
eindeutig ja. Es geht nicht nur um eventuelle Beistandspflichten der
Natoländer für die USA und die Türkei oder um die Rückkehr gestrandeter
Urlauber, deren Reisen in die Golfregion vom Raketenhagel gestoppt wurden.
Es geht um die verwundbare Energieversorgung eines Landes, das sich im
fossilen Schützengraben einmauert – während die kostengünstigen umwelt- und
klimafreundlichen Alternativen immer unverblümter blockiert werden. Aber
was ist eigentlich größer: Die Angst vor Veränderung durch eine
Energiewende oder die Angst vor explodierenden Öl- und Gaspreisen und einer
Verknappung von Öl und Gas?
5 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Manfred Kriener
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