# taz.de -- Mordvorwurf gegen Wachmann: Der letzte Beschuldigte
       
       > Mehr als 20.000 Kriegsgefangene kamen im NS-Lager Hemer einst zu Tode.
       > Gegen den ehemaligen Wachmann E. wird nun ermittelt. Doch die Zeit ist
       > knapp.
       
 (IMG) Bild: Zu Tode gehungert, erschlagen, erschossen: Über 20.000 Menschen wurden hier im ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Hemer getötet
       
       Erich Grete, ein Mann mit rundem Schädel und vollem weißem Haar, weiß es
       ganz genau. „Die kamen vom Gefangenenlager die Straße hoch und liefen
       weiter zum Friedhof. Ein Wagen, davor ein Pferd gespannt“, sagt er, am
       Tisch im Wohnzimmer seines Hauses im sauerländischen Hemer sitzend.
       Beerdigungsstraße, so habe man damals den Weg genannt, wo er wohnte, wenn
       er einmal Heimaturlaub von der Truppe erhalten hatte.
       
       Das mit dem Urlaub sei ziemlich häufig vorgekommen, denn er verstand sich
       damals im Krieg gut mit seinem Vorgesetzten in der Fliegerstaffel der
       Luftwaffe. Erich Grete war 18 Jahre alt, als er eingezogen wurde. Heute ist
       er 102.
       
       Gretes kleines Haus, das er in den 1950er Jahren selbst erbaut hat, liegt
       an einer ansteigenden Seitenstraße am Rande der Stadt. Er sitzt am
       Wohnzimmertisch und erinnert sich an die Kriegszeit. Es habe Tage gegeben,
       da sei das Gefährt mit dem Pferd zweimal vorbeigekommen, sagt Grete, immer
       beladen mit den Leichen russischer Kriegsgefangener. „Meine Mama hat, wenn
       die hier raufkamen, auf einen Pfosten drei oder vier Schnitten Brot gelegt.
       Das Beerdigungskommando bestand ja auch aus Russen. Die sahen das Brot und
       haben es mitgenommen.“
       
       Die Tage waren lang auf Heimaturlaub in Hemer, denn die Freunde von Erich
       Grete waren alle an der Front. „Ich musste doch sehen, dass der Tag
       rumging“, sagt er. Also ist Erich Grete spazieren gegangen, hoch auf den
       bewaldeten Hügel draußen vor der Kleinstadt, einem militärischen
       Sperrgebiet mit einem Schießstand.
       
       ## Kalk drauf, nächste Fuhre
       
       Und er hat auf das neue Gräberfeld geschaut, das sich da oben rapide
       füllte. „Da waren neue Gräber. Die waren ausgeschachtet so auf drei Meter.
       Die Toten wurden von dem Wagen in die Gräber heruntergezogen. Hinterher
       haben sie Kalk über sie drübergeschüttet. Kalk drauf und dann gewartet, bis
       dass die nächste Fuhre kam.“ Es habe keine Särge gegeben. „Die Toten lagen
       in Papiertüten.“ Erich Gretes Augen schauen noch heute entsetzt, wenn er an
       die Szenerie denkt.
       
       Eine von einer Mauer eingefasste große, sorgfältig gepflegte Wiese ist 84
       Jahre später geblieben, als Kriegsgräberstätte gekennzeichnet. Am Rande
       liegen wenige Einzelgräber mit Namen und Todesdaten, 96 insgesamt, weiß
       Stadtarchivar Eberhard Thomas. Ein Kiesweg führt geradeaus, links und
       rechts die Wiese, darunter in Massengräbern die Toten aus dem Lager.
       
       Am Ende des Wegs erhebt sich nach drei Stufen ein mächtiger Quader aus
       grau-grünem Stein, darauf abgebildet die Reliefs dreier leidender Menschen.
       „Euch, die ihr erlitten habt alle Qualen und Schmerzen, die Foltern fern
       vom Vaterland, umgekommen in faschistischer Knechtschaft, ewiges Gedenken
       und Ruhe“ steht auf der Vorderseite des Gedenksteins auf Russisch, gesetzt
       im Herbst 1945. Oben ein Sowjetstern mit Hammer und Sichel.
       
       Auf diesem Friedhof alleine liegen etwa 7.000 Menschen aus der Sowjetunion,
       verstorben zwischen 1941 und 1945 im Stalag VI A von Hemer. Auf einem
       anderen Gräberfeld sind es noch einmal 3.600. Insgesamt schätzt Eberhard
       Thomas die Zahl der Toten auf über 20.000. Stalag, das Kürzel verwendete
       die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg für „Stammlager“ von Kriegsgefangenen.
       Eines der größten befand sich in Hemer und trug die Bezeichnung VI A. Dort
       waren zunächst Polen, Franzosen und Briten interniert und ab 1941 immer
       mehr sowjetische Kriegsgefangene.
       
       ## Ein Mann namens E.
       
       Régine Hessling ist mit hinaufgekommen zum Friedhof. Die Französin
       engagiert sich zusammen mit ihrem Mann dafür, dass die Erinnerung an das
       Lager nicht vergessen wird. Dazu hat Régine den Verein der Nachkommen von
       Kriegsgefangenen der Stalags gegründet, um die Familien der französischen
       Opfer miteinander zu vernetzen. Régine hat einen ganz besonderen Grund
       dafür: Ihr Vater Warin Marcel zählt zu den Tausenden Franzosen, die dort
       interniert waren. Diese Toten, 180 an der Zahl, hat man nach dem Krieg in
       die Heimat umgebettet. Am Rande des Gräberfelds steht ein Stein zu ihrem
       Gedenken: „Unseren Kameraden, die in Gefangenschaft starben“, steht in
       französischer Sprache darauf.
       
       Dreimal sei ihr Vater aus der Gefangenschaft geflohen, dreimal wieder
       eingefangen worden, berichtet Régine Hessling. Lange habe sie nicht
       gewusst, dass Hemer identisch ist mit dem „Emer“, von dem ihr Vater immer
       gesprochen hat. Seit mehr als 20 Jahren lebt sie in dem Ort, in dem ihr
       Vater gefangen war. Régine Hessling sammelt Überlebensberichte und weiß:
       „Es gab Wachmänner, die Gefangene geschlagen haben.“ Sie kennt auch die
       Berichte von Erschießungen durch Wachmänner.
       
       Ob der Mann, von dem nur der erste Buchstabe seines Nachnamens, ein „E“,
       bekannt ist, ob dieser Mann zu den Schlägern gehörte, ob er gar Menschen
       erschossen hat: Das weiß man nicht. Bekannt ist lediglich, dass dieser „E.“
       im Bundesland Nordrhein-Westfalen lebt und 100 Jahre alt ist.
       
       „E.“ ist das, was die Justiz einen Beschuldigten nennt. Er wird
       verdächtigt, sich als früherer Wachmann des Stalags VI A der Beihilfe zum
       Mord schuldig gemacht zu haben. Die Zentrale Stelle zur Aufklärung
       nationalsozialistischer Verbrechen im baden-württembergischen Ludwigsburg
       hat „E.“ aus den Datensätzen von Wachsoldaten in Kriegsgefangenenlagern
       herausgefiltert, ließ feststellen, dass er lebendig ist, hat untersucht,
       was es mit dem Lager in Hemer auf sich hat, berichtet der erste
       Staatsanwalt in Ludwigsburg, Michael Otte.
       
       ## Der letzte Fall
       
       Die Behörde hat nach Abschluss ihrer Vorermittlungen die Angelegenheit im
       November 2025 zuständigkeitshalber an Andreas Brendel weitergeleitet Der
       Oberstaatsanwalt leitet die Zentralstelle für die Verfolgung von
       NS-Massenverbrechen in Nordrhein-Westfalen in Dortmund.
       
       Ab dem 6. Dezember 1943 bis mindestens 22. September 1944 soll der
       Beschuldigte als Wachmann im Stalag VI A in Hemer an Tötungshandlungen
       beteiligt gewesen sein, lautet der Vorwurf. Es gibt noch keine
       Anklageschrift, geschweige denn eine Zulassung zur Hauptverhandlung vor
       Gericht. Die Ermittlungen Brendels stehen noch am Anfang, sagt er. Es gilt
       die Unschuldsvermutung, und deshalb rückt der Staatsanwalt auch nicht mit
       dem Namen des Beschuldigten heraus. „Weitere Angaben werden im Augenblick
       nicht gemacht“, sagt Brendel.
       
       Der frühere Wachmann mit dem Kürzel „E.“ ist der einzige derzeit bei der
       bundesdeutschen Justiz anhängige Fall zu einem nationalsozialistischen
       Gewaltverbrechen. Den Strafverfolgungsbehörden gehen die Nazis aus. Die
       Täter sterben. [1][Das letzte Urteil gegen eine NS-Täterin] erging im
       Dezember 2022. Im ganzen Jahr 2024 konnte Ludwigsburg nicht einen neuen
       Verdachtsfall vermelden, sagt Otte. Jetzt gibt es immerhin diesen „E.“.
       Vielleicht der letzte Beschuldigte.
       
       In jedem Fall wäre ein Prozess gegen den Greis etwas noch nie Dagewesenes.
       Dass sich die bundesdeutsche Justiz mit der Strafverfolgung gegen NS-Täter
       lange schwergetan hat, ist bekannt. Gegen die Wachmänner in
       Gefangenenlagern aber hat sie bis vor Kurzem einfach gar nichts
       unternommen. Erst seit rund fünf Jahren ermittelt Ludwigsburg auch wegen
       Massentötungen in Lagern wie in Hemer. Zu einem Prozess ist es bisher nicht
       gekommen.
       
       ## Ihr Tod geschah absichtsvoll
       
       Der 102-Jährige Erich Grete hat nicht nur den Leichenwagen zum Friedhof
       fahren sehen. Er hat auch erlebt, wie 1941 oder 1942 sowjetische
       Kriegsgefangene ins Lager nach Hemer gebracht worden sind. „Ich war da am
       Bahnhof in Hemer und da wurde ein Transport von Russen abgeladen. Habe ich
       da gestanden und einen Augenblick gewartet, da kamen die alle raus, die
       sahen erbärmlich aus, wirklich, die konnten kaum laufen. Einer fiel um, der
       lag da. Da kam einer von der Wachmannschaft mit seinem Gewehr und haute dem
       noch mal in den Rücken hinein. Den haben sie erst einmal liegen gelassen.“
       
       Grete kneift die Augen zusammen. „Die Gefangenen mussten dann vom Bahnhof
       hoch in die Kaserne. Erbärmlich.“ Es gibt Fotos, die zeigen Hemeraner beim
       Besuch am Zaun des Lagers. Es schaut nach einem Sonntagsausflug aus.
       
       Von den insgesamt 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen der Wehrmacht
       starben nach Schätzungen etwa 3,3 Millionen. Ein nicht geringer Teil
       verhungerte in den Lagern, andere kamen infolge fehlender medizinischer
       Versorgung ums Leben. Sie starben an Erschöpfung bei oder nach der
       Zwangsarbeit, wurden erschossen oder vergast. Ihr Tod geschah nicht
       zufällig, sondern absichtlich.
       
       In Hemer waren Kriegsgefangene ab 1939 in ursprünglich für die Wehrmacht
       errichteten Kasernen inhaftiert. Die Gebäude befanden sich im Rohbau, viele
       Männer mussten deshalb in Zelten schlafen. Die Gefangenen aus dem Westen
       und aus Polen unterlagen den Regularien des Roten Kreuzes. Sie konnten
       Briefe und Pakete mit Lebensmitteln empfangen, bekamen knappe, aber wohl
       ausreichende Verpflegung, sie mussten unter Zwang arbeiten, aber besaßen
       immerhin Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung.
       
       ## Die sogenannten Untermenschen
       
       Ein weitläufiges, leicht ansteigendes Gelände: Nur die Baustruktur verrät,
       dass die hier stehenden lang gestreckten Gebäude mit ihren steilen Giebeln
       früher einmal als Kasernen geplant waren und dann Kriegsgefangenen als
       Unterkunft dienten. Eines der Häuser beherbergt heute eine Schule, in einem
       anderen ist das Stadtarchiv von Hemer untergebracht, das von dem
       71-jährigen Eberhard Thomas geführt wird.
       
       Thomas hat für den Besucher schriftliche Materialien, Pläne und Fotos über
       das Stalag auf einem langen Tisch ausgebreitet. Der Archivar ist aktiv beim
       Verein für Hemeraner Zeitgeschichte und so etwas wie ein wandelndes
       Lexikon. Schon seit den 1980er Jahren sorgt er sich darum, dass die
       Geschichte der Stadt präsent bleibt.
       
       Als ab 1941 sowjetische Kriegsgefangene ins Stalag VI A eingewiesen wurden,
       trennte man diese von den übrigen Inhaftierten mit Stacheldraht ab. In der
       kleinen Ausstellung, untergebracht in den Räumen gegenüber dem Archiv,
       zeigt Thomas’ Finger auf einen Teil des Geländes, das dort in einem großen
       Modell nachgebildet ist.
       
       Diese Gefangenen waren [2][nach den rassistischen Vorstellungen der Nazis
       „Untermenschen“]. Sie erhielten schlechtere und weniger Nahrung und
       geringere ärztliche Versorgung. Sie durften keine Päckchen empfangen. Sie
       wurden nicht gegen Typhus geimpft. Ihre Kleidung war mit „SU“ für
       Sowjetunion gekennzeichnet. „Es entspricht dem Ansehen und der Würde der
       deutschen Wehrmacht, dass jeder deutsche Soldat dem sowjetischen
       Kriegsgefangenen gegenüber schärfsten Abstand hält“, bestimmt eine
       Anordnung. Und weiter: „Widersetzlichkeit, aktiver oder passiver Widerstand
       muss sofort mit der Waffe (Bajonett, Kolben und Schusswaffe) restlos
       beseitigt werden.“
       
       ## Rezept für einen langsamen Hungertod
       
       Nikolai Gubarew war einer von geschätzt 160.000 sowjetischen
       Kriegsgefangenen, die in Hemer inhaftiert waren. Er nahm lange nach dem
       Krieg Kontakt mit den Menschen in Hemer auf. Der Verein für Zeitgeschichte
       hat seine Erinnerungen in eine Broschüre aufgenommen: „Zum Frühstück eine
       Kanne trübe Flüssigkeit, die man Ersatzkaffee nannte, zu Mittag ein Schlag
       Rübenbrühe aus Steckrüben mit ungeschälten Kartoffeln, gelegentlich mit
       etwas Margarine zubereitet. Die tägliche Brotration betrug 250g, also eine
       Tagesration für einen langsamen Hungertod. Dazu gab es manchmal eine
       Scheibe Wurst oder Kunsthonig.“
       
       Auf der Suche nach lebenden Augenzeugen stößt die taz in Dortmund auf Rolf
       Seeger. Der heute 90-Jährige flüchtete als Sieben- oder Achtjähriger
       1943/44 aus seiner von Bombenangriffen bedrohten Heimatstadt mit der Mutter
       nach Hemer. Er wusste von einem Lager, aber das lag weit weg von seinen
       Spielorten.
       
       Ein Erlebnis hat sich bei Seeger tief eingeprägt. Er berichtet am Telefon:
       „In Niederhemer gibt es eine klösterliche oder kirchliche Anlage. Dahinter
       waren wohl irgendwelche sozialen Einrichtungen. Eines Tages am späten
       Nachmittag sah ich, dass da Gefangene herausgeführt wurden. Dann mussten
       sie stehen bleiben und wurden gefilzt. Und dann habe ich gesehen, dass sie
       denen Kartoffeln aus den Taschen geholt haben. Die mit Kartoffeln
       aufgefallen waren, die sind dann, es war für mich ein einschneidendes
       Erlebnis, geschlagen worden. Das waren so etwa 30 Personen, die in dem
       Gebäude irgendetwas gemacht haben. Kartoffeln geschält oder etwas anderes.
       Die Männer waren einheitlich in Grau gekleidet.“
       
       ## Unter Tage, dann zum Sterben
       
       Die Gefangenen, die in Hemer schuften mussten, konnten sich glücklich
       schätzen. Denn das NS-Regime verfügte Ende 1941 den Einsatz der „Russen“ in
       der härtesten Arbeitswelt, die es überhaupt gab: im Steinkohlebergbau des
       Ruhrgebiets unter Tage. Ab 1942 lag die Funktion des Stalags offiziell in
       der „Aufnahme der für den Bergbau ausgemusterten sowjetischen
       Kriegsgefangenen“. „Ausgemustert“, das bedeutete: zu schwach für die
       Zwangsarbeit. Die Männer hatten bei völlig unzureichender Ernährung bis zur
       Erschöpfung unter Tage schuften müssen. Wer nicht mehr konnte, wurde nach
       Hemer zurückgeschickt: zum Sterben.
       
       Die Bewachung des Lagers erledigten etwa 150 Mann eines
       Landesschützenbataillons. Zur Dienstzeit des Wachmanns „E.“ war das
       offenbar das Bataillon mit der Nummer 617. Deren Männer waren oft älteren
       Jahrgangs oder infolge von Verwundungen nicht mehr fronttauglich. Wieso der
       damals erst 17-, 18-Jährige Beschuldigte dazugehörte, ist nicht bekannt.
       Rund um das von zwei Reihen Stacheldraht eingezäunte Gelände befanden sich
       Wachttürme, wo mit Maschinenpistolen oder -gewehren bewaffnete Posten
       standen.
       
       Régine Hessling hat die Berichte französischer Kriegsgefangener in Hemer
       gesammelt und ausgewertet. Sie verweist auf ein Schreiben von Georges
       Laverdure, der über einen Unteroffizier Haas notiert: „Von Zeit zu Zeit
       öffnete er ein Fenster (auf der Seite, wo Sowjets untergebracht waren; d.
       Red.), lehnte sich hinaus, zündete sich eine Zigarette an und blies den
       Rauch genüsslich in Richtung der armen, verstörten Kerle. Dann warf er die
       Zigarette vor ihre Füße, was sofort eine Schlägerei auslöste. Er genoss das
       Spektakel ausgiebig, bis er es leid war und dann ein paar Pistolenschüsse
       in die Menge abgab, um die Ordnung wiederherzustellen. Drei oder vier
       Märtyrer verloren dabei das wenige Leben, das ihnen noch geblieben war.
       Dann schloss er zufrieden das Fenster.“
       
       Nikolai Gubarew berichtet: „Ich hatte im Block 6 zu tun, plötzlich fiel ein
       Schuss. Ein sowjetischer Gefangener, der sich an den Mülltonnen des
       Franzosenlagers zu schaffen machte, bracht tot zusammen. Der Wachposten am
       Tor zum Vorlager hatte diesen Menschen kaltblütig erschossen.“
       
       ## Reicht es für die Mordanklage?
       
       Andreas Brendel ist gewiss nicht das, was landläufig „Nazijäger“ genannt
       wird. Der Begriff impliziert Jagdgelüste, die dem Oberstaatsanwalt ganz
       offensichtlich fremd sind. Brendel ist Jurist. Seit mehr als 30 Jahren
       beschäftigt er sich mit der Strafverfolgung von Taten aus der NS-Zeit, in
       zwei Jahren geht er in Pension. Es gab schon Fälle, erzählt er, die seien
       ihm so nahegegangen, dass er in Gesprächen in der Familie Halt suchen
       musste, sagt er.
       
       Brendel hat schon so ziemlich alle Arten von mutmaßlichen NS-Straftätern
       erlebt: SS-Männer, die ein französisches Dorf niederbrannten und Zivilisten
       ermordeten, Nationalsozialisten, die Widerstandskämpfer verfolgten,
       Wachmänner aus Auschwitz und dem KZ Stutthoff, ein Mann, der im
       Vernichtungslager Belzec tätig war. Nur eines hat er noch nie erlebt: dass
       ein NS-Täter sein Tun voll und ganz gestanden hat.
       
       Brendel äußert sich vorsichtig, was die Umstände des Falls „E.“ aus Hemer
       betrifft. Er erklärt die Sachlage: Als Staatsanwalt müsse er nicht nur
       nachweisen, dass der Beschuldigte am Ort war, als dort systematische
       Tötungen geschahen. „Die Mangelernährung muss bewusst zur Tötung eingesetzt
       worden sein. Und der Wachmann muss das gewusst haben“, sagt Brendel. Solch
       eine Art des Mordes sei in den Konzentrationslagern als Form der
       Vernichtung angewandt worden. Aber auch in in einem Kriegsgefangenenlager?
       
       Brendel ist prädestiniert für den Fall „E.“. Er war es, der vor zehn Jahren
       als Staatsanwalt im Detmolder Auschwitzprozess gegen Reinhold Hanning den
       Begriff der [3][„Vernichtung durch die Lebensverhältnisse“] geprägt hat.
       Das Landgericht hat damals die Absicht, Menschen mithilfe viel zu geringer
       Nahrung, unzureichender hygienischer und medizinischer Verhältnisse zu
       töten, als Mordmerkmal anerkannt. Auch bei „E.“ wird es nicht um einen
       individuellen Mordvorwurf gehen, sondern genau darum: Hat der Beschuldigte
       bewusst daran mitgewirkt, dass Menschen planmäßig infolge der
       Lebensverhältnisse ermordet worden sind?
       
       ## Wettlauf gegen die Zeit
       
       Reinhold Hanning ist 2016 wegen Beihilfe zum Mord an 170.000 Menschen zu
       fünf Jahren Haft verurteilt worden. Eine Revision kam nicht mehr zustande.
       Hanning starb 2017. Er wurde 95 Jahre alt.
       
       Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen oder geistigen Verfassung nicht
       mehr in der Lage sind, ihrem eigenen Prozess zu folgen, dürfen nicht vor
       Gericht gestellt werden. Sie gelten als verhandlungsunfähig. Der Mann,
       dessen Nachnamen mit einem „E.“ beginnt, wird im Sommer 101.
       
       Die Chancen für Gerechtigkeit stehen nicht gut.
       
       22 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Prozess-gegen-ehemalige-KZ-Sekretaerin/!5903364
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Untermensch
 (DIR) [3] /Staatsanwalt-ueber-Kriegsgefangenschaft/!5777470
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Hillenbrand
       
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