# taz.de -- Mord an Patrice Lumumba: Der letzte Belgier kommt vor Gericht
       
       > 65 Jahre nach dem Mord am Kongolesen Patrice Lumumba muss der letzte noch
       > lebende beteiligte Belgier vor Gericht. Für Belgien ist das ein Erdbeben.
       
 (IMG) Bild: Der letzte Mörder von Patrice Lumumba bekommt nun seine hoffentlich gerechte Strafe
       
       Es ist für Belgien ein politisches Erdbeben. Graf Étienne Davignon,
       pensionierter Diplomat und früherer EU-Kommissionsvizepräsident, soll sich
       in Brüssel für seine mutmaßliche Beihilfe zur Entführung des kongolesischen
       Freiheitshelden und ersten Premierministers, Patrice Lumumba, und seinen
       Transfer in die Provinz Katanga verantworten, was zu [1][Lumumbas Ermordung
       dort am 17. Januar 1961] führte. Dies hat die zuständige Gerichtsbarkeit in
       Brüssel am Dienstag beschlossen.
       
       Der 93-jährige Davignon ist der letzte Überlebende unter den elf Belgiern,
       gegen die Lumumbas Kinder [2][im Jahr 2011 in Belgien Klage erhoben]
       hatten. Die belgische Staatsanwaltschaft, die ihre Klage unterstützt,
       erklärte vor Gericht, dass Davignon als damals junger Diplomat im Praktikum
       in Léopoldville, wie Kongos Hauptstadt Kinshasa damals hieß, Kenntnis vom
       Plan zur Verhaftung Lumumbas hatte, der zu seiner Ermordung in Katanga
       führte.
       
       „Illegale Festsetzung und Überführung eines Kriegsgefangenen“,
       „Verweigerung des Rechts auf ein faires Verfahren“ sowie „unmenschliche und
       erniedrigende Behandlung“ werden dem belgischen Aristokraten vorgeworfen.
       Die von der Familie unterstellte Mordabsicht wurde jedoch fallengelassen.
       
       Davignons Anwälte hatten jahrelang alles versucht, um einen Prozess zu
       verhindern. Die Anschuldigungen seien entweder verjährt, sagten sie, oder
       der seit den Vorgängen verstrichene Zeitraum zu lang für ein faires
       Verfahren. Lumumbas Anwälte hingegen sagten, es sei nicht zu spät, eine
       „staatliche kriminelle Verschwörung“ und ein „Kolonialverbrechen“
       aufzuarbeiten. Der Prozess sei nötig, um das Ausmaß der belgischen
       Verantwortung zu klären und zur Erinnerungsarbeit beizutragen.
       
       ## Graf Davignon erschien nicht vor Gericht
       
       Davignons Anwälte äußerten sich nach seiner Entscheidung nicht, ihr Klient
       war gar nicht gekommen, ebenso wenig bei den vorangegangenen Verhandlungen
       hinter verschlossenen Türen im vergangenen Juni und Januar.
       
       Es wird also einen Prozess geben, der allerdings nicht vor 2027 zu erwarten
       ist. Ein Paukenschlag, sagen viele Beobachter angesichts des Umstandes,
       dass Graf Davignon eine Säule des Establishments Belgiens und der EU ist.
       
       „Stevie“, wie [3][Graf Étienne Davignon] in den Salons von Brüssel genannt
       wird, wurde nach seinem Kongo-Praktikum Direktor im belgischen
       Außenministerium, arbeitete für die OSZE, wurde dann Vizepräsident der
       EU-Kommission mit Zuständigkeit für Inneres und Industrie, danach
       Vorstandsmitglied der größten belgischen Unternehmensholding „Société
       générale de Belgique“ und dann Mitgründer der belgischen Fluglinie Brussels
       Airlines, heute eine Lufthansa-Tochter. Er stand auch dem verblichenen
       belgischen König Baudouin nahe.
       
       ## Mehr als nur „moralische“ Verantwortung
       
       Wenn es zum Prozess kommt, wird es nicht das erste Mal sein, dass Davignon
       Fragen zu Lumumba beantworten muss. Eine parlamentarische
       Untersuchungskommission, die 2001 [4][eine lediglich „moralische“
       Verantwortung Belgiens] für Lumumbas Ermordung feststellte, aber immerhin
       das lange verschwiegene Thema auf die politische Tagesordnung setzte, hatte
       den Grafen bereits befragt. Aber es wurde damals nicht nachgebohrt.
       
       In seinen eigenen Memoiren, im Jahr 2019 veröffentlicht, minimierte
       Davignon seine Rolle und erklärte, die relevanten Entscheidungen hätte
       1960–61 Belgiens Afrikaminister Harold d’Aspremont Lynden getroffen, nicht
       sein eigener direkter Vorgesetzter und belgischer Außenminister Pierre
       Wigny. Dem entgegen steht der lebhafte verbale und schriftliche Austausch
       zwischen den beiden Ministerien und den belgischen Beratern der damaligen
       kongolesischen Regierung sowie des von Belgien unterstützten
       Katanga-Sezessionsführers Moïse Tshombé, die Lumumbas Auslieferung nach
       Katanga und damit sein Todesurteil herbeiführten.
       
       17 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] /Lumumba-Kein-Vorsatz-kein-Befehl/!1140047/
       
       ## AUTOREN
       
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