# taz.de -- Paul-Cezanne-Ausstellung in Basel: Bis die Konturen der Leiber mit der Böschung verschmelzen
       
       > Die Schweizer Fondation Beyeler feiert in einer Paul-Cezanne-Ausstellung
       > die Malerei als Ordnung. Einen kühlen Kopf zu bewahren, gelingt ihr dabei
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: Sein Kollege Émile Bernard fotografierte Paul Cezanne 1904 in seinem Atelier in Aix-en-Provence vor dem Gemälde „Badende“
       
       Es gibt gute Gründe, bei Ausstellungen die sinnliche Wahrnehmung in den
       Vordergrund zu stellen. Zumal wenn es um Malerei geht, die sich durch die
       Farben, den Farbauftrag und die Komposition mitteilt. Paul Cezanne malte
       für seine Zeit ungewöhnliche Bilder und musste lange hinnehmen, dass er
       nicht verstanden wurde. Ob das heute anders ist, [1][lässt sich gar nicht
       so einfach beantworten].
       
       Die 80 Porträts, Landschaften und Stillleben, die aktuell in der
       [2][Fondation Beyeler] ausgestellt sind, strahlen zweifellos Intensität und
       Energie aus. Worin aber liegt ihr Weltruhm begründet, und reicht es aus,
       Picasso zu zitieren, dass Cezanne der Vater der Moderne gewesen sei?
       
       Die Bedingungen für eine solche Ausstellung sind in dem von Renzo Piano
       gebauten Museum in Riehen im Kanton Basel ideal. Lichte Räume, teilweise
       mit Tageslicht, modernes Ambiente, eingebettet in einen Park. Informationen
       zu einzelnen Bildern sind im handlichen Besucherheft zu finden, alles wird
       getan, um der Malerei einen optimalen Auftritt zu ermöglichen.
       
       Unbelastet von zu viel Input wandert das Auge über aus Farbflecken gebaute
       Landschaften, über die Felsen von L’Estaque bei Marseille oder die
       [3][Montagne Sainte-Victoire bei Aix-en-Provence mit dem Sandsteinbruch
       Bibémus]. Orte, die Cezanne regelmäßig als Motiv dienten. Das Auge
       registriert eine Fülle von fein orchestrierten Farbabstufungen, die nicht
       nur vom Licht, sondern auch vom Geruch und von der Temperatur eines
       bestimmten Tages erzählen.
       
       Im Gegensatz [4][zu seinen Freunden, den Impressionisten], strahlen
       Cezannes Bilder eine tiefe Ruhe aus, die in der Statik seiner Motive und
       der formalen Ausgewogenheit der Bildelemente begründet liegt.
       
       ## Die Salonmalerei widerte ihn an
       
       Cezanne hatte nicht umsonst jahrelang im Louvre die Alten Meister kopiert.
       Die glatte Leblosigkeit der Salonmalerei seiner Zeit, der zweiten Hälfte
       des 19. Jahrhunderts, hingegen widerte ihn an. [5][Seit den späten 1870er
       Jahren trainierte er einen eigenen Zugriff] auf die Malerei, was am Motiv
       der „Badenden“ nachzuvollziehen ist.
       
       Die Bilder zeigen Menschen am Fluss, nackt, unbefangen, entspannt. Cezanne
       variiert die Posen, die Bildausschnitte, das Format, die Art des
       Farbauftrags – bis die Konturen der Leiber mit den Stämmen und Ästen der
       Uferböschung verschmelzen. Grob zusammengefasst: Er versetzte die Menschen
       in den Urzustand und damit auch die Malerei, befreite sie vom Zwang zur
       Zentralperspektive und zur anatomisch korrekten Darstellung.
       
       Zu seinen bekanntesten Motiven gehört der Montagne Sainte-Victoire, der
       Hausberg von Aix-en-Provence, wo der Maler geboren wurde, und wo er mit
       Unterbrechungen lebte. Der Berg diente ihm mehr als dreißigmal als Motiv.
       Darunter sind auch „unvollendete“ Landschaftsbilder und Aquarelle, in denen
       er das Weiß des Bildträgers integrierte.
       
       Das Prinzip des Non-finito, des Unvollendeten, ist eine Art Wiedergänger
       der Kunstgeschichte. Das Werk als Fragment, etwa die „Sklaven“ von
       Michelangelo, symbolisierte damals die Möglichkeit des Werdens. Cezanne
       hingegen erzeugte eine unmittelbare Wirkung: „Ich glaube nicht, dass der
       Begriff ‚unvollendet‘ bei diesen Bildern richtig ist“, sagt Kurator Ulf
       Küster. „Es sind offene Bilder, offen für die Imagination der
       Betrachtenden.“
       
       ## Der missmutig dreinschauende Provenzale
       
       Es steckt allerdings eine Menge Kunstgeschichte in den Bildern des meist
       missmutig aus seinen Selbstporträts schauenden Provenzalen, [6][der seinen
       Nachnamen übrigens selbst stets ohne Accent aigu geschrieben] hat. Als
       programmatisch muss sein Selbstporträt aus dem Jahr 1890 aufgefasst werden.
       
       In dem stellt der Maler seine rechteckige Palette nach unten geklappt dar,
       sodass sie wie ein Bild im Bild erscheint. Darauf sind die viel zitierten
       Farbtupfer zu erkennen, mit denen er seine Bilder in einem langwierigen
       Prozess baut.
       
       Nicht zufällig ist der Hintergrund dieses Porträts rätselhaft: Türkis-rosa
       Farbfelder kommen zum Vorschein, die an eine Landschaft im Dunst der
       Morgendämmerung erinnern. Es könnte sich aber auch [7][um ein Interieur
       handeln, um Lichtspiele auf einer gekalkten Wand].
       
       Hat man solche Uneindeutigkeiten einmal entdeckt, kommen Zweifel auf, ob
       die Übersicht versprechende Anordnung der Bilder nach Gattung und Motiv der
       Rezeption des enormen Werks nicht hinderlich ist: Das von dem
       Cezanne-Experten John Rewald begründete, online zugängliche
       [8][Verzeichnis] listet über 3.000 Arbeiten. So führte die Staatliche
       Kunsthalle Karlsruhe 2017 in der Ausstellung „Cézanne. Metamorphosen“ den
       Nachweis, dass der Maler die Einteilung der Malerei in Gattungen
       systematisch unterlief.
       
       In seinen Stillleben sind das Obst und die Tischtücher zu Bergen
       aufgetürmt. Der Hintergrund ist wie im erwähnten Selbstbildnis mehrdeutig.
       In den Porträts des Gärtners Vallier, von denen es sehr schöne Varianten in
       Riehen zu sehen gibt, verschmelzen Figur und Garten.
       
       ## Das Klischee des Genius der Moderne
       
       Die Schau endet mit einem Kurzfilm über Cezanne von [9][Gegenwartskünstler
       Albert Oehlen]. Er ist gespickt mit ins Spirituelle tendierenden Passagen,
       die das Einssein des Malers mit der Natur und der Malerei feiern. Die
       Zitate gehen auf ein Buch von Joachim Gasquet zurück. Der war Cezanne noch
       persönlich begegnet.
       
       Inwieweit sie authentisch sind, darüber wird gestritten. Um die Feier des
       Klischees des Genius der Moderne perfekt zu machen, mischt sich die
       personifizierte Farbe selbst ein, verkörpert von der US-Schauspielerin
       Nicole Galicia. Sie schreitet unterhalb der Montagne Sainte-Victoire durch
       ein Feld, wühlt mit den Händen in rotem Ocker eines Felsens und watet durch
       einen Bach: eine männliche Projektion, die bestenfalls die Gier nach einem
       kühlen Gedanken triggert.
       
       4 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Der-heilige-Misanthrop/!1631256&s=Paul+C%C3%A9zanne&SuchRahmen=Print/
 (DIR) [2] /Die-Kuenstlerin-Vija-Celmins-in-Basel/!6101535
 (DIR) [3] https://de.martigues-tourisme.com/carrieres-de-bibemus.html
 (DIR) [4] /Die-beginnende-Aufloesung-des-Bildes/!5833934
 (DIR) [5] /Kunsthistorikerin-ueber-Walter-Leistikow/!5595344
 (DIR) [6] https://www.beauxarts.com/grand-format/ce-que-vous-ne-saviez-peut-etre-pas-sur-paul-cezanne/
 (DIR) [7] /Visuelle-Darstellung-von-Weiblichkeit/!6087799
 (DIR) [8] https://www.cezannecatalogue.com/section/?id=about
 (DIR) [9] /Monster-im-Ungefaehren/!6050911
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Carmela Thiele
       
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