# taz.de -- Berliner Iraner*innen über den Krieg: „Viele verstehen nicht, warum wir den Angriff feiern“
       
       > Auch in Berlin jubeln Menschen über den Beginn des Krieges. Andere sind
       > skeptisch, viele haben Angst. Vier Iraner*innen erzählen, wie es ihnen
       > geht.
       
 (IMG) Bild: Iraner*innen feiern am Samstag vor der US-Botschaft am Brandenburger Tor den Beginn der Luftschläge gegen das Mullah-Regime
       
       Mahdokht Ansari: 
       
       „Ich konnte die ganze Nacht gar nicht schlafen. Ich war am Samstag in
       Berlin bei der Demo, bei der der Tod von Ayatollah Ali Chamenei verkündet
       wurde. Ab dem Moment hat sich die Demonstration in ein Fest der Freude
       verwandelt.
       
       Wir Iraner*innen im Exil waren in den letzten Monaten so sehr in Trauer
       und Verzweiflung versunken. Es war für viele von uns schwer, den Alltag
       hier zu meistern und gleichzeitig mit den Gedanken bei dem zu sein, was in
       Iran passiert: die Massaker, die Gewalt und der Schrecken. Die Menschen in
       Iran selbst waren zuletzt hoffnungs- und zukunftslos. denn nach dem
       Massaker am 8. und 9. Januar, bei dem wohl mindestens 36.000 Menschen
       getötet worden sind, wussten sie, dass sie alleine dieses brutale Regime
       nicht zum Fall bringen können. Daher der große Wunsch in der Bevölkerung
       nach Hilfe von den USA.
       
       Mit den ersten Angriffen gab es deshalb sofort viel Jubel in der
       Bevölkerung. Es mag für Außenstehende merkwürdig sein, wenn sich Menschen
       über Angriffe freuen, und niemand wünscht anderen den Tod. Doch die Freude
       über ein Eingreifen von außen lässt sich gut erklären, weil das islamische
       Regime nicht gehen will und weil es an der Macht klebt.
       
       Die Zukunft ist mit vielen Risiken behaftet. Das Regime kann den Krieg
       nicht gewinnen, aber es könnte das Land weiter zerstören. Daher hoffe ich,
       dass die Angriffe wirklich ins Mark des Regimes treffen und dass sie der
       mutigen Bevölkerung die Luft verschaffen, wieder auf die Straßen zu gehen.
       So können sie selbst für das, was sie wollen, einstehen und sie können
       ihren Stolz behalten. Und ein Ende des Regimes hätte wohl auch Auswirkungen
       auf Israel und Palästina, auf den Irak oder auch auf Afghanistan.
       
       Ich wünsche mir einen demokratischen, säkularen Iran, der in Frieden und
       Freundschaft mit der ganzen Welt agiert und der Bevölkerung Freiheit und
       Wohlstand bringt.“
       
       Neda Farhadi*: 
       
       „Ich habe mein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet: auf die Nachricht
       vom Tod Ali Chameneis. Ich dachte immer, danach sieht das Leben anders aus.
       Als dann Samstagabend sein Tod bestätigt wurde, fühlte ich Freude und
       zugleich eine lähmende Leere. Mir wurde klar: Diese Freude lässt sich nicht
       gegen den Schmerz über die Tausende Ermordeten aufwiegen. Sein Tod bringt
       keinen der Menschen zurück, die wir verloren haben.
       
       Die letzten Monate waren politisch die schlimmste Zeit meines Lebens. Der
       US-israelische Angriff hat eine neue Eskalationsstufe in dieser ganzen
       Gewaltschleife markiert. Wir haben mit dem Krieg gerechnet. Meine Familie
       im Iran wacht seit Wochen jeden Tag mit der Angst auf, dass es heute so
       weit sein könnte. Sie ist extrem terrorisiert.
       
       Mit dem Angriff hat die US-israelische Koalition unserem Volk einen
       weiteren brutalen Gewaltakt aufgezwungen. Für mich sind dabei zwei Dinge zu
       unterscheiden: Die militärische Intervention lehne ich entschieden ab. Aber
       dass Chamenei getötet wurde, zelebriere ich – auch wenn sein Tod so
       schmerzlos war, ohne jeglichen Prozess. Ich hätte mir gewünscht, dass er
       vor Gericht steht und sich für seine Verbrechen verantworten muss. Es wäre
       gerecht gewesen.
       
       Ich bin gegen die militärische Intervention, aber auch gegen das Regime,
       das Menschen tötet. Dieser Krieg ist nicht unserer. Er wurde uns von
       Regimen des Todes aufgezwungen. Wenn viele ihn dennoch feiern, verstehe ich
       das weniger als Zustimmung, sondern als Ausdruck der Verzweiflung: Viele
       sehen ausländische Eingriffe als den letzten Ausweg.
       
       Andere verurteilen den Angriff, kritisieren die Imperialisten und
       Völkermörder. Aber wo waren diese Stimmen, als das Regime in den letzten
       Wochen brutal Tausende massakriert hat? Es fühlt sich an, als wäre nicht
       der Tod an sich das Problem, sondern vielmehr die Frage, wer ihn
       verursacht.
       
       Ich wünsche mir den Sturz des Regimes und eine demokratische Zukunft. Die
       Verantwortlichen müssen vor Gericht, das Massaker muss aufgearbeitet
       werden. Es wird uns ein Leben lang begleiten. Vieles kann ich noch nicht
       begreifen. Ich muss das alles noch verarbeiten.“
       
       Baran Forotan*: 
       
       „Seit den Protesten Ende Dezember bin ich wie versteinert. Das ist für mich
       auch neu. Denn bei allen Protesten gegen das Regime, die ich bisher bewusst
       miterlebt habe, war ich angstvoll und auch hoffnungsvoll, aber nie so
       resigniert wie jetzt. Dann kommen plötzlich Panickattacken. Wird Iran mit
       diesem Krieg zu einem weiteren Syrien, einem weiteren Irak?
       
       Ich dachte, ich kann mich über Chameneis Tod freuen. Aber auch da empfinde
       ich nichts. Ja, sein Tod hat eine symbolische Bedeutung für alle, die unter
       diesem brutalen Regime leben und so viele ihrer Liebsten verloren haben.
       Aber am Ende ist das Regime so fest etabliert, ich sehe nicht mehr, wie
       Chameneis Tod einen Regime Change herbeiführen soll. Das Regime wird
       Angriffe nutzen, um ihre Märtyrer-Position wieder zu betonen und Tausende
       Menschen hinrichten, während weiter Bomben fallen.
       
       Mit den Jin-Jian-Azadi-Protesten, also der Frau*-Leben-Freiheit-Bewegung,
       gab so viele Möglichkeiten langfristiger Vernetzung. Die Proteste waren für
       mich etwas Neues, mit ihrem Fokus auf das Leben, anstatt Märtyrertum zu
       glorifizieren und ständig Bilder von vergossenem Blut und Tod hochzuhalten
       wie bei so vielen Demos, die ich aus meiner Kindheit kenne. Doch wir haben
       Fehler gemacht und sind in Aktionismus gefallen.
       
       Ein Bild, das mir immer wieder kommt, ist, wie wir, also linke Bewegungen,
       anstatt uns online und offline anzubrüllen, wessen Positionen falsch sind,
       anstatt unsere Energie darauf zu richten, wogegen wir sind, anstatt die
       Hilflosigkeit und Ohnmacht, die so viele von uns spüren, mit Aktionismus
       betäuben, dass wir einfach am Zickenplatz in Kreuzberg zusammenkommen, uns
       still anschauen und die Hilflosigkeit spüren.
       
       Und wahrnehmen, was daraus entstehen kann an Verbindungen, an Visionen,
       wenn wir sie und uns gegenseitig nicht gleich mit kämpferischen Slogans
       niederbrüllen. Und dann etwas bestellen und gemeinsam Essen. Das habe ich
       ein paar Mal versucht anzustoßen, doch es kommt keine Resonanz. Ich fühle
       mich sehr einsam.“
       
       Setayesh Hadizadeh: 
       
       „Ich habe gemischte Gefühle. Als der Angriff begann, empfand ich Freude und
       Angst zugleich. Ich bin extrem froh, dass Chameneni tot ist, aber das
       bedeutet noch lange nicht das Ende des Regimes.
       
       Wir hatten gehofft, das Regime ohne Krieg zu stürzen. Wir sind auf die
       Straßen gegangen, Tausende haben mit ihrem Leben bezahlt, aber wir haben es
       nicht geschafft. Sie töten so lange, bis die Menschen nicht mehr
       protestieren. Es war ernüchternd, sich eingestehen zu müssen, dass ein Ende
       dieses Regimes nie ohne Hilfe von außen möglich sein wird.
       
       Alle oppositionellen Gruppen sind froh über den Tod Chameneis. In der
       linken Szene gibt es aber auch Kritik am militärischen Angriff, bei dem
       auch Zivilist*innen getötet wurden. Es ist schlimm, wenn Menschen in
       diesem Krieg sterben. Gleichzeitig wurden so viele unschuldige Menschen
       getötet beim Versuch, die Republik zu stürzen. Ohne militärische
       Intervention wären es noch mehr geworden.
       
       Viele haben kein Verständnis dafür, dass wir den Angriff feiern. Ich stehe
       nicht auf der Seite von Trump, aber mit einer links regierten USA würden
       wir die Islamische Republik sicherlich nicht beseitigen können.
       
       Ein Sturz des Regimes ist nur möglich, wenn alle oppositionellen Gruppen
       zusammenarbeiten. Dafür kämpfen ich mit meinem Kollektiv Azadiha. Wir
       arbeiten auch mit den Pahlavi-Gruppen zusammen. Daran gibt es viel Kritik
       aus der linken Szene mit dem Argument, dass die Pahlavi-Gruppen nicht alle
       ethnischen Gruppen einbeziehen. Wir würden uns auch mehr Inklusion
       wünschen, aber ich glaube, wir müssen über diese Differenzen jetzt erst
       einmal hinwegsehen. Die Dringlichkeit, das Regime zu stürzen, zwingt uns,
       unsere Grabenkämpfe zurückzustellen und uns auf das Wesentliche zu
       konzentrieren: den Sturz der Islamischen Republik.
       
       Ich hoffe, dass die oppositionellen Gruppen und Reza Pahlavi als legitimer
       Oppositioneller anerkannt werden. Wir erwarten von der Bundesregierung und
       den Vereinten Nationen, dass sie sich für eine demokratische anerkannte
       Opposition im Iran einsetzen und ein faires und freies Referendum begleiten
       und beobachten, um den Weg für einen demokratischen Iran zu ebnen. Dafür
       benötigen wir Unterstützung von außen.“
       
       * Name von der Redaktion geändert
       
       1 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uta Schleiermacher
 (DIR) Lilly Schröder
       
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