# taz.de -- Abschied vom Weltretter auf Zeit: Weltretten – jetzt seid ihr dran!
       
       > Seit zwölf Jahren schreibt Bernhard Pötter in der taz seine Anleitung zur
       > Rettung der Welt. Nach mehr als 300 Kolumnen ist jetzt erst mal Schluss.
       
 (IMG) Bild: 2014 war es auf der Erde 0,8 Grad Celsius wärmer als vor der Industrialisierung. Heute sind es 1,4 Grad
       
       Ich sitze auf dem Sofa und grusele mich. Nein, ich schaue nicht „Germany’s
       Next Topmodel“, auch nicht eine „Pressekonferenz“ mit Donald Trump. Ich
       recherchiere, wie erfolgreich [1][diese Kolumne] ist. Das Ergebnis ist
       niederschmetternd. Aber dass hier erst mal Schluss ist, hat andere Gründe.
       
       Dieser kleine, tapfere Text, der hier alle zwei Wochen erscheint, heißt
       „Wir retten die Welt“. Aber er hält nicht, was er verspricht. Diese Kolumne
       gibt es seit 2014 und die Welt ist so was von nicht gerettet: Als ich
       meinen Job als Weltretter anfing, betrug der CO₂-Gehalt in der Luft 397 ppm
       (Teile pro Million). Heute sind es 429 ppm. 2014 war es auf der Erde 0,8
       Grad Celsius wärmer als vor der Industrialisierung. Heute sind es 1,4 Grad.
       Damals waren 22.413 Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Heute
       48.646.
       
       Auf dem Sofa läuft es mir kalt den Rücken runter. Krass, woran wir uns
       gewöhnt haben: Wie normal der Verlust von Natur, Sicherheit und
       Lebensqualität geworden ist. Wie gewohnheitsmäßig wir am Ast sägen, auf dem
       wir sitzen. Und uns über jede neue, noch schärfere Säge freuen. Wie
       alltäglich die Dummheit regiert. Man möchte schreien. Oder eine Kolumne
       schreiben.
       
       Die Rettung der Welt lässt also auf sich warten. Die Schuld daran liegt
       wohl nicht nur bei mir, aber beweisen kann ich das nicht. Was ich aber
       eigentlich sagen wollte: Dies ist mein vorerst letzter offizieller Akt als
       Weltretter, meine bis auf Weiteres letzte Kolumne in der taz. Ab April bin
       ich erst mal raus aus allem, lege das Handy weg, klappe den Laptop zu und
       vergesse alle meine Passwörter. Keine Mails, keine Anrufe, keine
       beruflichen Termine. Eine Rauszeit. Irgendwo weit weg von allem und allen.
       Da kann ich selbst bei der tollsten Öko-Wirtschaftsredaktion der Welt nicht
       alle zwei Wochen 3.300 Zeichen abliefern.
       
       ## Warum jetzt Schluss ist
       
       Das Ende der Weltrettung ist nicht das Ende der Welt. Pötter raus?
       „Hurra!“, werden viele jubeln. Endlich Schluss mit diesem Quatsch von
       steilen Thesen, Beschimpfungen, dummen Fragen und flachen Witzen. Genau
       dafür aber liebe ich diese Erzählform. Alle zwei Wochen konnte ich toben
       oder loben, Ideen in die Welt schicken, mir den Frust von der Seele
       schreiben, mich wundern oder träumen. Das habe ich über 305 Kolumnen
       gemacht. Danke fürs Lesen.
       
       Jetzt heißt es: „Ihr rettet die Welt“. Ich gebe zu: Es ist nicht die
       einfachste Zeit, das Weltretten zu übernehmen, wenn das Weltzerstören
       Hochkonjunktur hat. Wenn große Schurken regieren und kleine Schürkchen die
       Klimaziele einstampfen wollen.
       
       Aber Achtung: Resignieren ist keine Option. Zynisch zu werden auch nicht.
       Das überlassen wir mal schön den Schurken und ihren Speichelleckern.
       Wichtig: Die Hoffnung nicht zu verlieren. Auswege zu finden, in Lösungen zu
       denken, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Ich wundere mich oft, dass
       ich nicht verzweifelter bin. Vielleicht, weil ich hart an der Hoffnung
       arbeite.
       
       ## Jetzt seid ihr gefragt
       
       Denn die guten Nachrichten gibt es ja durchaus: Seit 2014 haben wir die
       CO₂-Emissionen in Deutschland von 900 Millionen Tonnen auf 650 Millionen
       reduziert, ohne ärmer zu werden. Der Ökostrom machte damals 27 Prozent am
       Strommix aus, heute sind es 56 Prozent. Erneuerbare und E-Autos sind heute
       billiger als ihre fossilen Konkurrenten. Wir haben mit den Fridays for
       Future eine mächtige Klimabewegung erlebt, mit der niemand gerechnet hatte.
       Ein Totalversager war meine Mission also nicht.
       
       Also: Es geht was. Es geht eine Menge. Die Lösungen sind oft da, das Geld
       ist da, viele Leute sind bereit für den Wandel. Es braucht vor allem den
       Mut, Veränderungen voranzubringen und sie durchzukämpfen, notfalls mit
       50,01 Prozent Mehrheit. Ich lasse Sie mit diesen Ideen jetzt mal allein und
       schaue mich woanders um. Ich bin sicher, Sie finden Ihre eigenen
       Vorstellungen von der Weltrettung.
       
       Wer einmal ernsthaft Weltretter ist, der bleibt es auch. Wir können gar
       nicht anders. Ich halte mich an den Grundsatz, der mich seit 30 Jahren
       durch meine Arbeit als Umweltjournalist trägt: Der Kampf gegen die Dummheit
       hat gerade erst begonnen. Sie werden es nicht glauben – aber während ich
       das hier schreibe, ist es wirklich fünf Minuten vor zwölf. Die Richtung ist
       klar: Wir konzentrieren uns auf unsere Aufgaben. Nicht aufs Aufgeben.
       
       26 Mar 2026
       
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